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Körpersprache-Leser - "Geheimnisse sind eine Art Währung"

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"Reden ist Silber, Schweigen ist Gold" lautet ein Spruch im Volksmund. Warum dieser Satz gerade in der heutigen Zeit so aktuell ist, erklärt Körpersprache-Leser Thorsten Havener.

Geheimnisse - Körpersprache (Symbolbild)
"Geheimnisse sind einer der Grundpfeiler der Freiheit", sagt Thorsten Havener im heute.de-Interview. (Symbolbild)
Quelle: imago

heute.de: Vielen ist es ein bisschen unangenehm, sich mit sich selbst zu befassen. Da könnten ja Dinge ans Licht kommen, weshalb man auf einmal auch sein eigenes Verhalten ändern müsste.

Thorsten Havener: Damit sprechen Sie was an, was mich unter anderem dazu bewegt hat, ein Buch darüber zu schreiben. Konrad Adenauer hat einmal gesagt: "Es gibt Dinge, über die spreche ich noch nicht mal mit mir selbst." Ein großartiger Spruch, der zusammenfasst, dass es auch Geheimnisse gibt, die wir vor uns selbst haben. Schattenseiten, von denen wir wissen, aber die wir uns selbst gar nicht zugestehen mögen. Und wissen Sie was, das ist sehr gesund.

heute.de: Echt?

Havener: Ja, es tut uns gut, nicht alles unermüdlich zu reflektieren, sondern einfach zu sagen, ok, ich habe den Charakterzug, ich weiß das, aber ich denke nicht ständig darüber nach. Dann können wir vielleicht auch besser damit umgehen, als wenn wir es kaputt reden oder kaputt denken. Das heißt, auch mal ein Geheimnis vor sich selbst zu haben. Das hilft einem auch bei Sachen von früher, die einem heute einfach unangenehm sind. Einfach in den Keller packen und nicht ständig darauf rumreiten. Das kann sehr gesund sein. Denn alleine die Tatsache, dass wir das wissen, sorgt doch schon dafür, dass wir reflektierter damit umgehen. Und man muss sich das nicht selbst ständig aufs Brot schmieren.

heute.de: Das heißt, wir brauchen Geheimnisse.

Havener: Ja. Geheimnisse sind einer der Grundpfeiler der Freiheit.

heute.de: Wir können eigentlich nur frei sein, wenn wir für uns auch Geheimnisse haben?

Havener: Ja, stellen Sie sich doch mal das Gegenteil vor. Stellen Sie sich doch mal vor, es gäbe eine Behörde, die alles von Ihnen wüsste, alles, wirklich alles. Würden Sie das wollen?

heute.de: Nein.

Havener: Wir brauchen Geheimnisse. Ich sage aber auch, dass es Dinge gibt, die in die Öffentlichkeit gehören. Denn immer dann, wenn ein Geheimnis dafür sorgt, dass eine Gruppe von Menschen unterdrückt wird oder dass Menschen übervorteilt werden, dann gehören diese Geheimnisse ans Licht.

Die Panama-Papers zum Beispiel. Das ist kein gutes Geheimnis. Ein ganz großer Teil der Gesellschaft wird hier betrogen, und das gehört öffentlich gemacht. Also machen Journalisten einen ganz wichtigen Job. Ganz anders sieht es meiner Meinung nach bei vielen Klatschreportern aus, die Dinge ans Licht zerren, die eigentlich ins Heim der Person gehören, die sich damit befasst. Daher kommt ja auch das Wort Geheimnis.

heute.de: Aber es ist ja heutzutage so, dass es gerade den Jugendlichen egal ist, wer was über sie weiß.

Havener: Meines Erachtens ist das einer gewissen Naivität geschuldet. Und die kommt daher, dass ein 14-Jähriger vielleicht noch gar nicht wissen kann, was alles möglich ist, weil ihm die Erfahrung fehlt. Wir lernen ja am besten aus Erfahrung. Wir können selbstverständlich ein Buch über irgendwas lesen und können auch sehr viel daraus lernen. Aber das umfassendste Wissen bietet immer die eigene Erfahrung. Wer einmal die Erfahrung gemacht hat, wie es sich anfühlt, wenn eine Indiskretion in die falschen Hände gelangt, der weiß dann, was wirklich dahintersteckt.

heute.de: Online gibt es dafür Algorithmen.

Archiv: Die Apps verschiedener Sozialer Netzwerke werden auf einem Smartphone angezeigt, aufgenommen am 03.01.2018.
Soziale Medien stehen immer öfter in der Kritik im Zusammenhang mit Datenschutz.
Quelle: dpa

Havener: Das stimmt. Aber was gerade Jugendliche vielleicht noch nicht ganz verstehen, ist, dass man über eine gewisse Menge von Information wieder andere Dinge ableiten kann. Facebook zum Beispiel kann mit fast 100-prozentiger Sicherheit anhand unseres Klickverhaltens sagen, ob wir aus einem Elternhaushalt kommen, in dem die Eltern sich getrennt haben oder nicht. Oder ob wir homosexuell sind oder nicht. Ohne dass wir uns jemals entsprechende Seiten angeschaut hätten. Einfach anhand von anderen Informationen. Fragen Sie mich nicht, wie das geht. Es ist für mich ein Wunder.

heute.de: Aber auch gespenstisch.

Havener: Und es wird brisant. Für mich ganz persönlich ist es vollkommen unerheblich, ob jemand homosexuell ist oder nicht. Und in Deutschland ist es glücklicherweise ebenfalls inzwischen völlig unerheblich. Aber wer sagt denn nicht, dass sich so etwas auch mal ändern kann, wenn die falsche Partei an den Drücker kommt. Dann können Informationen, die jetzt noch völlig belanglos sind, plötzlich hochbrisant werden und es fängt an, gefährlich zu werden.

heute.de: Das bedeutet, neben den privaten sollten wir auch berufliche Geheimnisse wahren.

Havener: Geheimnisse im Beruf sind ja so etwas wie eine Art Währung. Die sind ja ganz wichtig. Stellen Sie sich mal vor, wir beide arbeiten zusammen an einer Reportage. Sie sind Journalistin und ich bin ebenfalls sehr interessiert an einem Thema. Ich rufe Sie irgendwann an und sage, "Du, ich habe da etwas rausgefunden, das teile ich nur mit Dir. Schreibe es noch nicht, sondern erst in zwei Wochen. Aber ich erzähle es Dir jetzt schon." Was macht das mit unserer beruflichen Beziehung?

heute.de: Es stärkt sie.

Havener: Weil Sie merken, oh, der vertraut mir. Der vertraut mir hier etwas an, das er sonst keinem erzählt. Das gilt sowohl im beruflichen als auch im privaten. Es gibt einen schönen Satz: Geheimnisse sind die Währung der Freundschaft. Also auch hier: Die Tatsache, dass ich entscheide, wem vertraue ich mich an und wem nicht, macht etwas mit meiner Beziehung zu diesen Menschen. 

heute.de: Laut Ihrer Homepage mögen Sie keine nackten Füße. Teilen Sie mit mir das Geheimnis, warum nicht?

Havener: Das stimmt. Aber ich liebe Spaghetti-Eis.

heute.de: Sie weichen aus.

Havener: Das Spaghetti-Eis mag ich fast schon zu gerne, ja. Ich kann es Ihnen nicht sagen, ich weiß es nicht. Und das finde ich auch interessant. Wir wissen definitiv, dass wir gewisse Dinge richtig gerne mögen und andere mögen wir überhaupt gar nicht. Aber oft wissen wir gar nicht, woher diese Vorliebe oder diese Abneigung kommt. Wir wissen nur, sie ist da. Und bei den Füßen, da gab es kein Schlüsselerlebnis, ich kann sie einfach nicht leiden.

Das Interview führte Florence-Anne Kälble.

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