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Digitalisierung von Grundschulen - Erst Lehrer, dann Computer

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Rechnen, Schreiben, Lesen - nicht gerade die Stärken der deutschen Grundschüler. Ist der Weg in die Digitalisierung ein Ausweg aus der Bildungsmisere? Eher nicht.

Schüler arbeiten am 18.10.2017 in einem Klassenraum einer Grundschule in Schüttorf (Niedersachsen) an Computern
Schüler arbeiten am 18.10.2017 in einem Klassenraum einer Grundschule in Schüttorf (Niedersachsen) an Computern Quelle: dpa

Die Digitalisierung der deutschen Schulen kostet rund 2,8 Milliarden Euro im Jahr. Zu diesem Schluss ist eine aktuelle Studie gekommen, die im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung angefertigt worden ist. Damit geht die Stiftung noch weit über die eine Milliarde Euro hinaus, die der DigitalPakt von Bund und Ländern für die digitale Offensive vorgesehen hat.

Ausweg oder Abweg?

Wichtiger Aspekt dabei ist auch die Ausstattung der Grundschulen. Für eine Schule mit 175 Kindern fallen demnach im Jahr durchschnittlich 45.000 Euro an Kosten für Neuanschaffungen und Wartung an. Ein Batzen Geld. Aber ist die Digitalisierung auch die Lösung für die Bildungsmisere, in der vor allem Grundschüler stecken?

"Das ist der komplett falsche Ansatz, das geht in die komplett falsche Richtung." Ralf Lankau, Professor für Mediengestaltung und –theorie an der Hochschule Offenburg, schert sich nicht um den allgemeinen Ruf nach mehr Digitalisierung. "Kinder müssen sich als Persönlichkeit erst entwickeln." Erst mit zwölf oder 13 Jahren sei die Reflektion möglich, die im Umgang mit Medien unabdingbar sei. "Eine Bezugsperson ist für Grundschüler ganz entscheidend, sie brauchen klare Vorgaben."

Schwache Kinder fallen hinten runter

Das Lernen mit Medien könne dann erst in einem zweiten Schritt folgen, sagt der Medienwissenschaftler. "Und auch da gilt noch: Disziplinierte, motivierte Schüler profitieren später vom Arbeiten damit. Andere, schwächere Kinder aber fallen dann hinten runter."

Digitalisierungspläne

Vor allem diese Kinder, die oft auch zu Hause nicht aufgefangen würden, profitierten eher von einem lehrerzentrierten Unterricht. Die Lehrer aber seien inzwischen zu reinen Betreuern, zu Lernbegleitern geworden, bedauert Lankau. Sein Rezept gegen das Bildungsdilemma: "Ich würde für jedes Klassenzimmer Regale kaufen, Bücher. Es gibt wunderschöne Kinderbücher und viele Haushalte, in denen kein einziges Buch steht. Ich würde die Schulen fragen. Was braucht Ihr? Geld für die Kunsträume? Instrumente?"

Ruf nach Digitalisierung ist laut

Damit wendet sich Lankau allerdings klar gegen den Trend. Laut dem im September erschienenen Bildungsbarometer des ifo-Instituts wollen fast zwei von drei Deutschen, dass Schüler 30 Prozent oder mehr der Unterrichtszeit am Computer verbringen. 55 Prozent sind dafür, dass Grundschulen Digitalkompetenzen vermitteln.

Zu Recht, meint der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort. "Ich glaube ehrlich gesagt, dass es keinen anderen Weg gibt, als die Digitalisierung der Schulen. Niemand, der sich mit Industrie 4.0 auseinandersetzt, kann einen anderen Weg wollen." Dem Thema Medien könne sich die Bildungspolitik nicht weiter verschließen, ist Schulte-Markwart überzeugt. "Und ganz ketzerisch gefragt: Wenn der Computer die Rechtschreibung übernimmt, dann brauche ich das nicht mehr. Das gefällt mir nicht. Ist aber so. Alles andere ist eine romantische Idee." Dafür sprächen auch alle Untersuchungen. Moderne Kinder könnten beispielsweise signifikant schlechter rückwärts springen, sie könnten deutlich schlechter klettern, als ihre Altersgenossen in den 70er Jahren. "Aber macht sie das dümmer? Es gibt keine Hinweise auf digitale Demenz."

Ein Forscherteam hat im Auftrag der Bertelsmann Stiftung errechnet, dass rund 2,8 Milliarden Euro pro Jahr für eine angemessene IT-Ausstattung deutscher Schulen nötig sind.

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Schulte-Markwort: Lehrer müssen Respekt lernen

Allerdings schränkt auch der Hamburger Professor ein: "Wir müssen uns fragen, was wir unseren Kindern vermitteln wollen. Und dann frage ich mich natürlich, ob die Digitalisierung tatsächlich der erste Schritt ist. Oder ob wir erst einmal in die Lehrerausbildung investieren müssen. Und den Lehrern beibringen müssen, respektvoll mit unseren Kindern umzugehen."

Eins gehört zum anderen, sagt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). "Wir können nicht länger warten, Medienkompetenz zu vermitteln, wenn wir einen vernünftigen Umgang wollen. Ob die geforderten Mittel dafür reichen, sieht er allerdings misstrauisch. "Es geht auch um Nachhaltigkeit. Wir brauchen kein weiteres Projekt, das wir anstoßen und dann stehen lassen", sagt der VBE-Vorsitzende mit Blick auf Aufgaben wie Ganztagsschule, Integration und Inklusion, für die den Schulen immer noch die Mittel fehlten. Beckmann betont: "Die Digitalisierung der Schulen ist etwas, was wir ohne vernünftige personelle Ausstattung nicht stemmen können."

GEW warnt vor der großen Euphorie

Davon ist auch Ilka Hoffmann von der Lehrergewerkschaft GEW überzeugt. Von dem Ruf nach Digitalisierung dagegen nicht so sehr. "Wir können uns nicht davor drücken, den Umgang mit Medien zu lernen", sagt sie – "wenn die Lehrer entsprechend ausgebildet werden." Doch das sei angesichts des dramatischen Fachkräftemangels an den Schulen utopisch.

Quereinsteiger seien oft gar keine Lehrer mehr, kaum vorbereitet auf den Umgang mit Schülern. Individuelle Fortbildungen seien kaum möglich, weil die Lehrkräfte an ihren Schulen nicht abkömmlich seien. "Da gibt es dringlichere Felder, als die Digitalisierung der Grundschulen."

Dabei denkt Ilka Hoffmann an die Personalausstattung. Aber auch an abstoßende Toiletten, hallende Klassenzimmer, in denen sich kaum jemand versteht, an uraltes Mobiliar. "Der Medienhype darf nicht die Pädagogik steuern. Kleine Kinder lernen durch Handeln, durch Bewegung, durch Berühren – durch Dreidimensionalität und durch das Kommunizieren mit Menschen." Dafür müsse auch die Umgebung stimmen. Die Technik könne dagegen nur ein Werkzeug der Pädagogik sein. "Ich warne vor der großen Euphorie: Digitale Medien sollen jetzt alle Probleme lösen. Dahinter verschwinden die Kinder in ihren Entwicklungsstadien, die Lehrer in ihren Möglichkeiten auch."

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