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Digitalisierungs-Hype - "Mit Smartphone haben es Kinder viel schwerer"

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Manfred Spitzer befasst sich mit den Folgen der Digitalisierung für Kinder. Es gibt einige Vorteile, aber auch große Schattenseiten, sagt er im heute.de-Interview.

Zwei Mädchen mit Smartphones, aufgenommen am 13.12.2015 in Luzern /(Schweiz)
Digitalisierung - Kinder mit Smartphones
Quelle: picture alliance/KEYSTONE

heute.de: Wie stehen Sie zum googeln?

Manfred Spitzer: Es gibt keine allgemeine Fähigkeit zum googeln. Wie gut man Suchmaschinen nutzen kann, hängt vielmehr davon ab, ob man Vorwissen in dem Bereich hat, auf den sich die Suche bezieht. Wie sollen Sie sonst einordnen, ob die Informationen aus der Suche richtig oder falsch sind? Hinzu kommt im Bildungsbereich: Es ist nachgewiesen, dass man weniger lernt, wenn man googelt – verglichen mit dem Lernen aus Büchern. Die Kinder sind unaufmerksamer, wenn sie einen Computer im Klassenzimmer haben. Die Kinder lernen mit Computer weniger als ohne. Das ist nachgewiesen. Alles andere ist Hype und Werbung von Leuten, die etwas verkaufen wollen.

heute.de: Wie macht man es besser?

Spitzer: Gerade wenn man will, dass die Kinder nach durchlaufener Ausbildung mit Computer und Suchmaschinen umgehen können – und das will jeder, ich auch - dann sollen sie in der Schule nicht googeln, denn dadurch leidet ihr Erwerb von Wissen, das sie brauchen, um Suchmaschinen zu verwenden.

heute.de: Man kann also nur auf dem, was man weiß, aufbauen und darüber dann digitale Fähigkeiten einsetzen?

Spitzer: Natürlich. Digitale Medien sind Werkzeuge. Ich bin Arzt und Wissenschaftler und verwende Computer und das Internet tagtäglich, um meine Arbeit zu machen. Ich bin glücklicherweise vor der Zeit des Tablets und Smartphones aufgewachsen, habe ziemlich viel gelernt in der Schule und im Studium. Das kann ich jetzt einsetzen und bei meiner Arbeit gebrauchen. Da hilft mir natürlich eine digitale Infrastruktur, um an Informationen im Bereich der Medizin und Gehirnforschung zu kommen, die ich gar nicht wissen kann.

Aber wenn ich das Wissen, dass ich habe, nicht hätte, dann würde mir Google nichts nützen. Weil ich gar keine Fragen hätte. Denn wenn Sie nichts wissen, dann haben Sie auch keine Fragen und brauchen keine Suchmaschinen. Dann wird mit digitalen Medien nachweislich einfach Unfug getrieben und die Zeit totgeschlagen. Je mehr einer weiß, desto besser kann er digitale Medien nutzen.

heute.de: Und wie ist es mit der Sucht?

Spitzer: Das Netz hat ganz klar eine Sucht-Qualität. Computer auch. Handys noch mehr. Am schlimmsten sind in dieser Hinsicht Social Media auf Handys, denn die machen in besonders hohem Maße süchtig. Daher hat man beispielsweise in Süd-Korea, wo weltweit die meisten Smartphones gebaut werden, ein Gesetz erlassen haben, die Jugendliche unter 19 Jahren vor den schlimmsten Auswirkungen des Smartphones zu schützen. Wer unter 19 ist und ein Smartphone erwirbt, muss darauf eine Software installiert haben, die erstens den Zugang zu Pornografie blockiert und zweitens die Zeit der täglichen Nutzung misst.

Übersteigt diese einen bestimmten Wert, werden die Eltern automatisch benachrichtigt. Drittens wird der Zugang zu den Spiele-Servern ab Mitternacht abgeschaltet. Der Staat Südkorea hat also begriffen, dass man jungen Menschen vor den Auswirkungen des Smartphones schützen muss. Davon sind wir weit weg.

heute.de: Ganz plakativ gesagt, wir steuern auf eine Verblödung der Jugend zu.

Spitzer: Die Schulleistungen nehmen tatsächlich ab. Lehrer können heute nicht mehr die gleichen Klassenarbeiten schreiben wie vor 20 Jahren. Das ist so. Vor etwa einem Jahr haben über hundert deutsche Mathematik-Professoren einen Brief an die 16 Kultusminister der Länder geschrieben. Darin beklagen sie, das viele deutsche Abiturienten die Bruch- und Prozentrechnung nicht beherrschen, vom Integrieren und Differenzieren gar nicht zu reden. Gelegentlich wird in diesem Zusammenhang auch auf das weltweite Phänomen des Flynn-Effekts verwiesen, der zeigt, dass der IQ weltweit in den vergangenen 50 Jahren angestiegen ist. Seit etwa zehn bis 15 Jahren ist der Effekt jedoch rückläufig, das heißt der IQ nimmt – vor allem in den entwickelten Ländern – wieder ab. Ich bin kein Alarmist, ich beziehe mich vielmehr auf Daten, die jeder einsehen kann.

heute.de: Gibt es auch emotionale Auswirkungen?

Spitzer: Nehmen Sie Sozialkontakte. Wenn diese nur mittelbar erfolgen, "Medium" bedeutet wörtlich: "das Vermittelnde", und eben nicht unmittellbar, dann wird die Ausbildung von Mitgefühl und Empathie bei jungen Menschen beeinträchtigt. Nur im unmittelbaren Kontakt kann man Mimik und Gestik verstehen lernen – beispielsweise deren emotionale Tönung. Wird soziale Interaktion dagegen von Kindern und Jugendlichen über den Bildschirm abgewickelt, können sich gerade soziale Fähigkeiten schlechter entwickeln. Nachgewiesen ist: Je mehr Bildschirm-Nutzung ein junger Mensch hat, desto weniger Empathie empfindet er für seine Eltern und Freunde.

heute.de: Ohne Smartphone ist es für Kinder schwierig in der heutigen Zeit.

Spitzer: Im Gegenteil: Mit Smartphones haben es gerade Kinder und Jugendliche heute viel schwerer, sich gut zu entwickeln, denn Smartphones beeinträchtigen nachweislich die Gesundheit und die Bildung (und vor allem die sozialen Fähigkeiten) junger Menschen.

Das Interview führte Florence Kälble

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