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Experte: Do-it-yourself-Betäubung "unverantwortlich"

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Diskussion um Ferkelkastration - Experte: Do-it-yourself-Betäubung "unverantwortlich"

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In der Debatte um die Ferkelkastration will Berlin Landwirten erlauben, Tiere selbst zu betäuben, quasi Do-It-Yourself. "Unverantwortlich", sagt Tiermediziner Waldmann.

Ferkel in einer Schweinezuchtanlage.
Ferkel in einer Schweinezuchtanlage.
Quelle: Jens Büttner/ZB/dpa

heute.de: Herr Waldmann, warum werden in Deutschland Ferkel überhaupt kastriert?

Karl-Heinz Waldmann: Das wird seit Jahrhunderten so gemacht. Das Problem ist, dass geschlechtsreife männliche Ferkel einen sehr starken Geruch entwickeln. Dieser Geruch überträgt sich auch auf das Fleisch. Da in Deutschland relativ spät, nämlich erst bei einem Gewicht von 125 Kilo geschlachtet wird, wären viele männliche Ferkel schon geschlechtsreif und das wollen die Landwirte natürlich vermeiden und kastrieren deswegen möglichst früh.

heute.de: Die Bundesregierung hat ein Ende der betäubungsfreien Ferkelkastration ab 2021 beschlossen, mit der neuen Verordnung nun aber ein Hintertürchen geöffnet. Was ist davon zu halten?

Man kann diesen Vorgang nicht anhand eines kurzen Einführungslehrgang können.
Karl-Heinz Waldmann, Professor für Veterinärmedizin

Waldmann: Wir sehen das sehr kritisch. Eine Inhalationsnarkose wie diese ist keine Lappalie, das ist ein anspruchsvoller Vorgang. Unsere Studierenden erlernen das in mehreren Semestern - und Landwirte sollen das jetzt in einer sechsstündigen Schulung beigebracht bekommen? Man kann diesen Vorgang nicht anhand eines kurzen Einführungslehrgang können. Aus Tests wissen wir, dass bei der Methode der Isoflurannarkose manche Ferkel nicht richtig betäubt sind und bei der Kastration enorme Schmerzen haben. Das ist unverantwortlich.

heute.de: Der Bauernverband wendet ein, dass Tierärzte unmöglich 20 Millionen Ferkel im Jahr kastrieren können. Dafür fehlt es schlicht an Veterinären.

Waldmann: Klar ist, dass die Tierärzte in Deutschland unmöglich alle Kastrationen selbst machen können. Aber wenn das nicht möglich ist, muss man eben das Verfahren ändern. Länder wie Australien oder Brasilien praktizieren seit Jahren sehr erfolgreich die Immunokastration. Das ist eine Impfung, die in den Hormonhaushalt eingreift und für kurze Zeit die gleiche Wirkung wie eine chirurgische Kastration hat. Das verhindert eine Kastration von Ferkeln bevor sie geschlachtet werden.  

Im täglichen Leben vermittelt Hannah Thalhammer in ihrem YouTube-Kanal Spaß am Kochen. Sie kocht und isst gerne – auch Schweinefleisch. Das ist hierzulande extrem preiswert.

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43 min
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heute.de: Warum wird eine solche Impfung nicht eingeführt?

Waldmann: Die Fleischverarbeitende Industrie lehnt das derzeit ab. Oft wird das Fleisch aus diesem Verfahren fälschlicherweise als "Hormonfleisch"  bezeichnet. Das lässt sich dann natürlich wesentlich schlechter vermarkten. Die Fleischindustrie sagt, dass das vor allem den Export in südost-asiatische Länder gefährde. Solche Sorgen sind meiner Meinung nach unberechtigt. Die Impfung greift zwar in den Immunhaushalt des Schweins ein, hat aber keinerlei gesundheitliche Auswirkungen für den Menschen und auch geschmacklich ist kein Unterschied erkennbar.

heute.de: Gibt es weitere Alternativen?

Waldmann: Andere europäische Länder wie Großbritannien praktizieren das Verfahren der Ebermast. Im Kern schlachtet man die Eber dann nicht mit 125 Kilo Gewicht wie bei uns in Deutschland, sondern schon wesentlich früher – mit 80 oder 90 Kilo. Doch auch hier ist die Fleischindustrie zurückhaltend. Scheinbar ist die Qualität des Fetts schlechter, vor allem für die Wurstverarbeitung.

heute.de: Ist eine Lösung in Sicht?

Waldmann: Ich war neulich bei einem Roundtable mit allen Akteuren und der Tenor war, dass eigentlich alle bereit sind sich zu bewegen. Es hängt nur am Geld. Bezahlt man die Landwirte für ihre Produkte angemessen und nimmt auch der Fleischindustrie die Sorge vor Umsatzeinbußen wären eine Änderung der Verfahren kein Problem. Wir akzeptieren jedes Verfahren, aber es muss dem Tierschutz dienen.

Das Interview führte Sebastian Ehm

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