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Möglichst ohne Filterblase - Im Netz unter vier Augen über Politik diskutieren

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Bei Facebook und Co. über Politik diskutieren? Das artet schnell in Pöbeleien aus. Die neue Diskussionsplattform "Diskutier mit mir" will da gegensteuern. Ihre Nutzer können anonym in einem virtuellen Vier-Augen-Gespräch über Wahlkampfthemen diskutieren. Ob das klappt? Ein Selbstversuch.

F*** dich Facebook! Sagen nicht wir – sagen die User. Warum? Hat was mit der AfD zu tun. Die Botschaft hinter dem nicht Jugendfreiem Hashtag.

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Ausgerechnet beim Thema Straßenbau platzt dem "Terminator" der Kragen. "Wir brauchen keine neuen Straßen!!!", hämmert er in Großbuchstaben in seine Tastatur. "Keine neuen Schulden!“ Der Staat müsse sparen und schlanker werden. Anfangen sollte man mit den Abgeordneten im Bundestag. „Die und deren Anhang braucht kein Mensch!"

Sachlich über Politik chatten

"Deutschland sollte mehr Geld in die Infrastruktur investieren, selbst wenn dafür Schulden aufgenommen werden müssen", so lautete die These, über die diskutiert werden sollte - nicht bei Facebook und Co., sondern auf der Plattform "Diskutier mit mir". Die Plattform steht seit kurzem im Netz und wird von der Bundeszentrale für politische Bildung unterstützt. Sie gibt ihren Nutzern die Möglichkeit, in einem Eins-zu-eins-Chat, einem virtuellen Gespräch unter vier Augen also, über Politik zu reden.

Politische Diskussionen bei Facebook und Twitter arten oft in Beschimpfungen und Pöbeleien aus. Das kennt man zur Genüge. Trolle und Bots heizen die Stimmung zusätzlich auf - auch und gerade im Vorfeld der Bundestagswahl. Eine sachliche Diskussion über politische Themen ist in den sozialen Netzen oftmals kaum noch möglich.

Andersdenkende sind ausgeschlossen

Hinzu kommt, dass man sich bei Facebook meist mit Menschen umgibt, die politisch ähnliche Ansichten haben. Der Nutzer steckt in einer Filterblase, in der alles, was die eigene Meinung irritieren könnte, ausgeblendet wird. Der politisch Andersdenkende kommt in der eigenen Timeline nicht vor. Eine wirkliche Diskussion findet nicht statt.

"Diskutier mit mir" will gegensteuern. "Wir möchten, dass im Vorfeld der Bundestagswahl Menschen aus allen Ecken der Republik, jeden Alters und aus verschiedenen sozialen Schichten miteinander ins Gespräch kommen", sagen die Portalbetreiber. Politische Fragen, "die unsere Gesellschaft die nächsten Jahre und Jahrzehnte prägen", müssten jetzt diskutiert werden, und zwar vor allem mit denen, "die komplett anderer Meinung sind".

Von "Absolut richtig!" bis "Völliger Unsinn!"

Die Bedienung der Plattform ist einfach. Der Nutzer gibt an, wie er sich politisch einordnet. Anschließend heißt es: "Einen Moment. Wir suchen jemanden, der politisch anders tickt als du." Ist ein passender Chatpartner gefunden, kann diskutiert werden - über Themen, die die Seite als Thesen vorgibt. Zu jeder These gibt man in fünf Abstufungen an, ob man sie für "Absolut richtig!" oder für "Völligen Unsinn!" hält.

Die Chatpartner bleiben anonym. In einem privaten Chat unter vier Augen sei es weniger wahrscheinlich, dass eine Diskussion entgleise, sagen die Betreiber. Pate stand die Plattform " Waarom kies jij?" ("Warum wählst du?"), die in den Niederlanden vor den Wahlen vom März dieses Jahres zu mehr als 35.000 Diskussionen führte. Natürlich ist auch "Diskutier mit mir" vor Hetzern nicht sicher. Wer sich belästigt fühlt, kann den Chatpartner per Mausklick abwählen.

"Danke für das nette Gespräch"

heute.de hat die Plattform ausprobiert und mit zehn Nutzern aus allen politischen Lagern rund drei Stunden lang über aktuelle Wahlkampfthemen diskutiert. Meist wurde hitzig, aber mit Argumenten gestritten. Zu persönlichen Angriffen kam es nicht, zu sachlichen Diskussionen aber auch nicht in jedem Fall, wie der eingangs erwähnte Chat mit dem wütenden "Terminator" zeigt. Immerhin bedankte er sich am Ende für das "nette Gespräch".

Andere Nutzer zeigten sich weniger höflich und brachen das Gespräch wortlos per Klick auf den Beenden-Button ab. Das geschah meist dann, wenn der Chat eine inhaltliche Wendung nahm, die der Chatpartner mit seiner Meinung nicht mehr vereinbaren konnte oder wollte.

Kein Patentrezept

Bleibt als Fazit festzuhalten: Ein Patentrezept sind Webangebote wie "Diskutier mit mir“ nicht. Dass man Chats jederzeit beenden kann, führt dazu, dass Nutzer doch lieber in ihrer Filterblase bleiben, wenn ihnen eine Meinung nicht gefällt. Es ist eben wesentlich leichter, einen Chat per Mausklick abzubrechen, als die eigene Meinung in Frage zu stellen.

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