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Ausstellung in Griechenland endet - Athen, die aufregendere documenta

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Die documenta in Kassel und Athen? Wer die Reise an beide Orte nicht scheute, ist reich belohnt worden. Doch wirklich sehenswert war die documenta diesmal - in Athen. Was Kassel bietet, gleicht dagegen einem kuratorischen Offenbarungseid.

Alles beginnt mit einer Suche. Das stärkste Werk der documenta, ein Flüchtlingszelt aus Marmor gehauen. Eine künstlerische Mahnung an die größte menschliche Katastrophe unserer Gegenwart, die Herausforderung nicht nur für Deutschland, für ganz Europa. Und das mitten im Epizentrum des antiken Athen, am Gründungsort der europäischen Demokratie. Aufgestellt auf dem Philopappos-Hügel, in direkter Sichtachse zur Akropolis. Aber für den documenta-Besucher praktisch unauffindbar.

Es dauert eine Dreiviertelstunde und einige Navigations-Kunst mit dem Smartphone, um anhand von Bildern im Netz nachzuvollziehen, wo diese bemerkenswerte Installation der Kanadierin Rebecca Belmore zu finden ist. Wer es dann entdeckt, abseits eines Weges, unscheinbar neben einem dornigen Busch, gänzlich übersehen von vereinzelt umherstreunenden Touristen, bleibt tief beeindruckt und betroffen. Aber kein Schild hat dorthin gewiesen.

Kunst trotz Dauerkrise? Ja, natürlich!

Wolf-Christian Ulrich
Wolf-Christian Ulrich ist Moderator des ZDF-Morgenmagazins. Quelle: ZDF

Die absurde Suche nach den Ausstellungsorten war sinnbildlich für die documenta in Athen. Kein Taxifahrer, den ich traf, hatte überhaupt von "documenta" gehört. Vier Hauptspielorte und weitere knapp 40 Installationen waren über die Stadt verteilt. Doch die documenta hatte es weder im Netz noch auf den Papierplänen vermocht, Kunstinteressierten verlässlich Orientierung zu bieten.

Vielleicht lag es an der knappen Kommunikation, dass sich unter den Athenern selbst das Großereignis der internationalen Kunstwelt zu Beginn fast nicht herumgesprochen zu haben schien. Man hörte zwar deutsch, englisch, spanisch, französisch - aber fast kein griechisch. Dabei war der Eintritt für alle Ausstellungen - bis auf ein Museum - gratis. Was für eine großartige Chance, was für eine tolle Einladung an die Bürger dieser gebeutelten Stadt, unmittelbar Zugang zu großartiger Kunst zu bekommen. Irgendwo die Frage, ob Athen nun wirklich Kunst braucht in dieser Dauerkrise, die ganz Griechenland im Griff behält. Und dann noch aus Deutschland organisiert?! Nächstliegende Antwort: Ja, natürlich!

Krise, die Zeit der Kunst

Diese documenta war hochpolitisch, sie war eine überambitionierte Weltreise in die Konfliktzonen unserer Zeit, sie war Inspiration und Herausforderung. Und wenn es etwas braucht in einer Krise, dann den wachen Blick über den Tellerrand, um mit einer frischen Brise neu an alte Probleme heranzugehen. Raus aus der alten Suppe. Krise ist die Zeit der Kunst. Und war nicht Deutschland genau der richtige Partner, um über dieses Kunsterlebnis miteinander über die europäischen Konflikte miteinander ins Gespräch zu kommen, statt sich entlang der Klischeelinien großer Boulevardblätter gegenseitig anzuschreien?

Von Athen lernen, das war das Motto der documenta. Die Ausstellungsmacher in Kassel hätten das wörtlich nehmen sollen. Wer zu jenen Gästen gehört, die zwar überdurchschnittlich interessiert, aber vielleicht dennoch nicht in den höchsten Diskursen der aktuellen Kunstwelt beheimatet sind, wird sich vermutlich in Athen wohler gefühlt haben als in Kassel. Denn das documenta-Gefühl ist doch, wenn man sich auch nach fünf Jahren immer noch an einzelne Werke erinnert, die einen einfach nicht loslassen. In Athen gab es davon einige! In Kassel dagegen wird das recht schwierig.

Kuratorischer Offenbarungseid in Kassel

Viele Künstler sind an beiden Standorten vertreten. In Athen hingen jeweils die Werke, die sich eher erschlossen haben. Vor allem aber - und das ist war die wirklich große Stärke der documenta in Athen - dort wurde die Kunst besser präsentiert. Der berührende Film über die Tempest Society von Bouchra Khalili über Heimat und Migration. Die mythenhaften Masken von Beau Dick. Im blanken Betonauditorium des Odeion die grandiose Klang-Arbeit von Emeka Ogboh, zu der gleißende Börsenkurse durch den sakralen Raum blitzen. Man sollte noch einige mehr nennen, aber der Punkt ist: Alle Arbeiten hatten genügend Platz, um eine Wirkung zu entfalten, die nicht vergessen lässt, sondern nachdrücklich beeindruckt.

Zum Vergleich dann die documenta-Halle in Kassel, die es tatsächlich schafft, kraftvolle und raumgreifende Kunstwerke derart aneinander, ja fast ineinander zu drängen, dass im wörtlichen Sinne kein Hauch Luft zum Atmen bleibt. Der dramatische, sensationelle "Fluchtzieleuropahavarieschallkörper" von Guillermo Galindo, ein zerborstenes Flüchtlingsboot, das mithilfe von Instrumentensaiten zum Klingen gebracht werden kann: von allen Seiten beengt und zerdrückt.

Noch schlimmer: Um die dramatisch fallenden roten Stoffschleifen von Cecilia Vicuna spannten sie in Kassel tatsächlich im Abstand von zehn Zentimeter einen Flughafen-Sicherheitsgurt, damit man ihnen nicht zu Nahe käme beim Versuch, anderen Werken auszuweichen. Ein kuratorischer Offenbarungseid. In Athen bekam das Werk den Platz, den es braucht. Oder in der Neuen Galerie in Kassel: Auf zehn Quadratmetern herzzerreißende Zeichnungen von der Entmenschlichung im Warschauer Ghetto, einigermaßen sinnfrei kombiniert mit Skulpturen aus dem Mittelalter, die Buddha beim Fasten zeigen - nein, derlei passierte einem in Athen nicht.

Zum Glück an zwei Orten

Abends raucht der Kopf in Athen. Themen-Overkill auch da. Erschöpfter Absacker im Gazi-Viertel. Das documenta-Abenteuer war früh um acht gestartet mit einem flotten Marsch auf die Akropolis. Viel gelaufen, müde Füße. Jetzt nochmal einen Blick auf das nächtlich angestrahlte Wahrzeichen der Stadt. Es war gut, nach Athen zu reisen, wo die Nachrichten meist über Euro-Krise und Flüchtlingstrauma berichten. Mit anderen Europäern ins Gespräch zu kommen. Die Kunst als Brücke für Verständigung.

An diese Ausstellung wird man sich erinnern. Es gab ja viel Streit darüber, ob es richtig war, die documenta auch in Athen stattfinden zu lassen. Wer beide Orte besucht hat, wird zum Ergebnis kommen: Zum Glück war das so. Denn die aufregendere documenta war 2017 eindeutig - in Athen.

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