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Film "The Cleaners" - Die Putzkolonne des Internets

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Zehntausende Menschen in Manila entscheiden, was an Gewalt und Pornografie aus sozialen Netzwerken gelöscht wird. Die Doku "The Cleaners" zeigt die Arbeit der Content-Moderatoren.

Filmszene aus "The Cleaners"
Der Film "The Cleaners" zeigt, wie Billiglöhner in Manila täglich tausende Gewalt- und Porno-Szenen aus dem Internet löschen.
Quelle: pr / Gebrüder Beetz Filmproduktion

heute.de: Herr Block, Herr Riesewieck, wie sind Sie darauf gekommen, einen Film über diese Schattenindustrie zu drehen?

Hans Block: Wir sind 2013 darauf aufmerksam geworden, dass ein Kindesmissbrauchsvideo auf Facebook 16.000 Mal geteilt und 4.000 Mal geliked wurde. Und fragten uns: Wie kann ein so schockierender Inhalt dort landen? Die US-Medienwissenschaftlerin Sarah T. Roberts erklärte uns, dass in Entwicklungsländern Tausende Billiglöhner acht bis zehn Stunden am Tag am Computer Inhalte filterten, die wir nicht sehen sollten. Wir sind dann auf die Philippinen gereist und haben versucht, Kontakt zu diesen Mitarbeitern aufzubauen.

heute.de: Wie sind Sie an Ihre Protagonisten herangekommen?

Moritz Riesewieck: Wir sind auf ein umfangreiches Geflecht aus Outsourcingunternehmen getroffen, deren Namen wir nie zuvor gehört hatten. Deren Angestellte sind extrem eingeschüchtert und haben Erklärungen unterschrieben, dass sie mit niemandem über ihre Arbeit sprechen dürfen. Es dauerte also lange, bis wir mit Content-Moderatoren in Kontakt kamen. Viele konnten wir auch nicht vor der Kamera zeigen, sondern haben unsere Kommunikation als Chatprotokolle eingefügt.

heute.de: Warum sind so viele dieser Firmen auf den Philippinen?

Block: Die Unternehmen sagen, dass die Filipinos die westlichen Werte teilten, da das Land eine Kolonisationsgeschichte hat. Aber das ist zu hinterfragen. Unsere Erfahrung ist: Die Leute sind nicht westlich, sie haben einen ganz anderen Blick auf die Welt. Zum Beispiel wird der Katholizismus dort extrem streng ausgeübt. Viele Moderatoren, die jeden Tag Terrorismus, Kindesmissbrauch und Pornografie sichten, sehen sich als Menschen, die sich für die Sünden der Welt aufopfern.

heute.de: Wie wird man Content-Moderator?

Riesewieck: Wir selbst wurden auf der Straße von einem Recruiter angesprochen und Minuten später bekamen wir die Verträge ausgehändigt. Erst als er feststellte, dass wir kein Arbeitsvisum hatten, war der Versuch gescheitert. Aber wir haben gesehen, wie schnell die Aufnahme eines solchen Jobs geht. Da werden keine Qualifikationen abgefragt.

Block: Das Training für den Job dauert drei bis fünf Tage, an denen die Moderatoren hunderte Seiten Regeln auswendig lernen müssen, die zu komplex sind, als dass man sie in der kurzen Zeit verstehen oder sich merken könnte. Auf dieser Grundlage treffen sie dann weltweit wichtige Entscheidungen.

heute.de: Welche Gefahren birgt das?

Riesewieck: Es wird entscheidend, welche religiösen und ideologischen Überzeugungen jemand hat, der "löschen" oder "ignorieren" klickt. Und es wird gefährlich, wenn man bedenkt, dass auf den Philippinen mit Rodrigo Duterte ein Präsident mit großer Zustimmung an der Macht ist, der sogenannte soziale Säuberungen durchführt und auf dessen Konto Tausende Tote gehen. Ein Content-Moderator sagte uns: Ich tue hier das, was Duterte auf der Straße macht.


Block: Man braucht ein immenses Maß an kulturellem Wissen, um Inhalte aus der gesamten Welt zu kontextualisieren. Das kann man nicht auf den Schultern so junger Menschen abladen, die nur wenige Tage vorbereitet werden auf die Arbeit.

heute.de: Was macht der Job mit den Menschen?

Block: Eine Frau, die den ganzen Tag Terrorvideos sichtet, bekam Angst, in Menschenmassen zu gehen. Und das ist in Manila, einer 18-Millionen-Stadt, so gut wie unmöglich. Es gibt auch eine hohe Suizidrate. Wenn Menschen acht Stunden am Tag Selbstmord-Livestreamvideos aus den sozialen Medien aussortieren, hat das Folgen.

heute.de: Was erhoffen Sie sich von Ihrem Film?

Riesewieck: Dass er eine gesellschaftliche Debatte auslöst, wie wir künftig die digitale Öffentlichkeit gestalten wollen. Bisher schiebt jeder die Verantwortung von sich. Wir dürfen uns aber nicht länger als passive User begreifen, sondern müssen die Regeln mitgestalten.

Das Interview führte Nadine Emmerich.

Arbeit der Content-Moderatoren

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