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Berlin-Institut - Dorfsterben im Osten: Studie sieht Trendumkehr

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Lange hieß es, ostdeutsche Dörfer sterben aus. Eine aktuelle Studie sieht jetzt eine Trendumkehr: Menschen wollen vermehrt aufs Land ziehen. Es gibt jedoch zwei Haken an der Sache.

Leerstehendes Haus in ostdeutschem Dorf
Leerstehendes Haus in ostdeutschem Dorf: Digitalisierung könnte eine große Chance für aussterbende Dörfer sein.
Quelle: dpa

Wenn man "Digitalisierung" und "Landleben" in einen Satz packt, schließen sich diese beiden Begriffe meist gegenseitig aus. Die Breitbandabdeckung in Deutschland ist gerade im ländlichen Raum extrem unterentwickelt. Vor allem im Osten gibt es besonders viele Landkreise, bei denen laut dem Breitband-Atlas weniger als 50 Prozent der Haushalt eine 50MBit-Leitung haben.

Aber es fehlt nicht nur eine zeitgemäße Internet-Verbindung - es fehlen vor allem die Menschen. Viele ländliche Regionen sind demografisch angeschlagen. Vor allem ostdeutsche Dörfer schrumpfen und altern in besonderem Maße. Denn der Faszination Großstadt können sich gerade junge Menschen eigentlich kaum entziehen - Hochschulen, Arbeitsplätze und Kulturangebote locken.

Langsames Internet auf dem Land – nur einer der Gründe, warum es immer mehr Menschen in die Städte zieht. Dass das auch anders geht, zeigt der Ort Klein-Glien in Brandenburg.

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Studie sieht ein Umdenken

Die Studie "Urbane Dörfer - wie digitales Arbeiten Städter aufs Land bringen kann" des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zeigt, dass es derzeit zu einem Umdenken kommt. "Das Landleben ist mittlerweile auch für Menschen interessant, die eigentlich klassische Städter sind, also aus dem akademischen Milieu stammen", weiß Susanne Dähner, Co-Autorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Berlin-Institut. Gerade für Menschen in den Dreißigern, die eine Familie gründen wollen, üben Dörfer zunehmend einen Reiz aus.

Infografik: Urbane Dörfer | Die demografische Kluft wird größer
Infografik: Urbane Dörfer | Die demografische Kluft wird größer: Statistisch gesehen sind die Bevölkerungszahlen in Ostdeutschlands ländlichen Regionen massiv gesunken (linke Grafik). Prognosen sehen eine weite drastische Abnahme der Einwohnerzahlen auf dem Land (rechte Grafik). Die Studie des Berlin-Institutes sieht nun eine erste Trendumkehr.

Die Gründe hierfür sind vielfältig - von bezahlbarem Wohnraum über die Freizügigkeit der Arbeit und des Zusammenlebens bis hin zur Verwirklichung eigener Ideen reicht die Bandbreite.

Wohnen in der Stadt wird teurer und vor allem: enger. Die Studienergebnisse des Berlin-Institutes basieren nicht auf einer statistischen Erhebung, sondern auf der Auswertung bestimmter Projekte. Die meisten dieser Projekte sind um Berlin herum entstanden. "Gerade hier gibt es immer weniger freien und bezahlbaren Wohnraum und das spüren die Städter gerade dann, wenn sie Familien gründen und auf die Suche nach einer größeren Wohnung gehen", weiß Dähner. Sie spielt dabei auf neue gemeinschaftliche Wohnformen wie Genossenschaftliches Zusammenleben, Mehrgenerationen-Häuser und Wohngemeinschaften an.

Umzug aufs Land gleich in ganzen Gruppen

Die Menschen, mit denen die wissenschaftliche Mitarbeiterin gesprochen hat, wollen vor allem in größeren Gruppen aufs Land ziehen und nicht allein - oder nur mit der eigenen Kernfamilie. Meist schließen sich die in der Studie befragten Landlustigen in Gruppen von zehn bis 40 Personen zusammen und wollen gemeinschaftlich ein neues Leben im Dorf beginnen. "In vielen Dörfern stehen große Gebäude wie Schulen, ehemalige landwirtschaftliche Betriebe oder auch ganze Höfe leer, die so revitalisiert werden und das Dorf erhält im Gegenzug die Chance, sich neu zu erfinden und weiterzuentwickeln", weiß Dähner.  

Infografik: Urbane Dörfer | Wo Wohnen besonders günstig ist
Infografik: Urbane Dörfer | Wo Wohnen besonders günstig ist

Ein weiterer Faktor ist die Arbeit. Die Menschen, die raus aufs Land ziehen wollen, möchten sich eben nicht im klassischen Speckgürtel einer ostdeutschen Großstadt ansiedeln, und täglich zur Arbeit in diese pendeln. "Neben dem Wunsch, im Dorf zu leben, bedenken sie auch ihre Arbeitssituation mit", erzählt Susanne Dähner. Die Menschen wollen am liebsten vor Ort direkt arbeiten, sich auch in das Dorf-Geschehen einbringen.

Breitbandausbau müsste vorangetrieben werden

Laut der Studie ist digitales und flexibles Arbeiten ein Umzugshelfer. Dass die Arbeit zunehmend digitaler wird, spielt den landlustigen Städter also perfekt in die Karten. Aber: "Der Breitband-Ausbau ist eine entscheidende Voraussetzung", fügt die Co-Autorin der Studie hinzu. Denn viele der neuen Landbewohner sind in Kreativ- und Wissensberufen tätig - von den klassischen Digitalarbeitern wie Programmierern und Grafikdesignern über Architekten und Journalisten, bis hin zu Sozialwissenschaftlern oder Kulturmanagern.

Infografik: Urbane Dörfer | Langsame Leitung im Osten
Infografik: Urbane Dörfer | Langsame Leitung im Osten: Die hellen Stellen auf der Karte zeigen die Orte mit schwachem Internet. Die östlichen Bundesländer sind besonder betroffen

Sie können also einen Großteil ihrer Arbeit am heimischen Computer erledigen, was laut Dähner eine wichtige Voraussetzung fürs neue Landleben ist, brauchen dafür aber stabiles Internet. Bei der Planung der gemeinschaftlichen Wohnprojekte werden auch gemeinschaftliche Arbeitsplätze, sogenannte Co-Working-Spaces - teilweise mit angeschlossenen Gästehäusern - mit bedacht.

Menschen sind das wichtigste Kapital

Die Kreativen aus den Städten könnten also dazu beitragen, das Land neu zu erfinden. "Sie schaffen digitale Inseln, die für mehr Menschen attraktiv werden und einen Weg zum Dorf der Zukunft weisen", betont Dähner. Die Chancen, dem großen Dorfsterben im Osten entgegenzuwirken, sind also da. "Mit dem Anschluss ans Glasfaser-Kabel steht und fällt aber alles", mahnt Susanne Dähner.

Aber mindestens genauso wichtig und entscheidend sind die Menschen, die etwas vor Ort bewegen wollen. Sie sind das wichtigste Kapital für den neuen ländlichen Raum. Denn sie müssen mit ihren Ideen und Innovationsgedanken raus aufs Land wollen. Auf der anderen Seite müssen auch die kommunalen Verantwortlichen in den Dörfern offen für Neues sein und die sich bietenden Chancen erkennen. "Dann ist ein gegenseitiges Befruchten möglich, was eine neue Dorf-Entwicklung anstoßen kann", erklärt Susanne Dähner vom Berlin Institut.

Upflamör auf der schwäbischen Alb: Felder, Wiesen und ein paar Häuser, in denen 92 Menschen wohnen. Die wollen hier nie wieder fort. So wie Nadine und Evi Högner. Sie haben eingeheiratet nach Upflamör – und lieben das Landleben.

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