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heute.de-Interview zum Datenklau - "Doxxing ist ein alltägliches Problem"

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Was tut die EU, um Hackerangriffe abzuwenden? Der Politologe Matthias Schulze sagt im heute.de-Interview: So manches, aber eher im wirtschaftlichen und politischen Bereich.

Datenklau - Typical
"Es ist viel kritisiert worden, aber alles in allem haben die Behörden einen passablen Job gemacht", sagt Matthias Schulze forscht von der Stiftung Wissenschaft und Politik.
Quelle: dpa

heute.de: Hat Sie der Datenklau in Deutschland überrascht?

Matthias Schulze: Nein. In der Geschichte der Cyber-Sicherheit ist es immer mal wieder vorgekommen, dass ein cleverer Teenager mit viel Willenskraft eine Regierung ärgert. Für Deutschland ist es aber ein Novum, dass vermutlich ein einzelner Mensch mit viel Fleißarbeit und dem Ausprobieren von Passwörtern so einen großen Datensatz anlegt.

heute.de: Wie beurteilen Sie das Vorgehen der Behörden in Deutschland?

Schulze: Es ist viel kritisiert worden, aber alles in allem haben die Behörden einen passablen Job gemacht. Die Reaktionszeit von Donnerstagabend letzter Woche bis zur Verhaftung am vergangenen Sonntag kann sich sehen lassen. Über die Kommunikationsstrategie lässt sich streiten, erste Hinweise gab es ja wohl schon im Dezember. Aber in der Rückschau ist immer alles klarer - hinterher lassen sich die Punkte einfacher verbinden.

Das Zusammentragen und die Veröffentlichung von Daten fremder Personen, genannt Doxing, ist unter Hackern ein beliebtes Mittel zur Einschüchterung.

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heute.de: Wäre der Datenklau auch in anderen europäischen Ländern in dieser Form möglich gewesen?

Schulze: So etwas ist überall möglich. Das Doxxing ist ein sehr alltägliches Phänomen im Internet. Oft betrifft das Communities wie Youtuber oder die Gaming-Szene. Besonders weibliche Blogger haben damit zu kämpfen. Die Debatte um das "Gamergate" 2014 hat gezeigt: Weibliche Blogger, die den Sexismus in der Videospiel-Industrie kritisiert haben, waren von Doxxing betroffen.

heute.de: Tut die EU genug für Cyber-Sicherheit?

Matthias Schulze
Matthias Schulze forscht für die Stiftung Wissenschaft und Politik zum Bereich Cyber-Sicherheitspolitik.
Quelle: Stiftung Wissenschaft und Politik

Schulze: Die EU hat sich bislang vor allem auf harte Cyber-Sicherheit konzentriert: politische Spionage, Wirtschaftsspionage oder den Schutz kritischer Sicherheitsinfrastruktur - die soll zum Beispiel dafür sorgen, dass unser Stromnetz bei einem Hacker-Angriff nicht ausfällt. Die weiche Cyber-Sicherheit war lange nicht so auf dem Schirm. Mit einem Vorfall wie jetzt in Deutschland findet hoffentlich ein Bewusstseinswandel statt. Aber so viel kann die EU auch wieder nicht machen, weil für Vieles die Nationalstaaten zuständig sind.

heute.de: Das Internet ist aber ein "World Wide Web". Wäre die EU da nicht der bessere Ansprechpartner als viele Nationalstaaten?

Schulze: In der besten aller Welten würden wir das Thema Hacking global lösen: Die internationale Staatengemeinschaft zusammen mit Unternehmen und der Zivilgesellschaft. Denn Hacker überwinden Grenzen, da hilft nur ein internationales Vorgehen. Da wir nicht in der besten aller Welten leben, sind die EU Strukturen sicher nicht perfekt, aber besser als nichts.

heute.de: Was macht die EU denn konkret?

Schulze: Die Europäische Agentur für Netz- und Informationssicherheit (ENISA) sorgt zum Beispiel für die Zertifizierung und gemeinsame Sicherheitsstandards von elektronischen Produkten. Und sie organisiert einen Informationsaustausch, damit alle EU-Mitgliedsstaaten auf einen ähnlichen Standard kommen. Europol ist wichtig bei der Bekämpfung von Cybercrime.

heute.de: Was erschwert die Zusammenarbeit?

Schulze: Die EU hat sehr unterschiedliche Mitgliedsstaaten mit sehr unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Sie kann sich also nur um eine Harmonisierung bemühen, am Ende sind aber die Nationalstaaten gefordert. Wir haben in Europa unterschiedliche Sicherheitsniveaus. Ein Ziel von ENISA ist es, das europaweit auf einen Standard zu heben, aber das braucht Zeit und Geld.

heute.de: Welche Länder sollte sich Deutschland zum Vorbild nehmen?

Schulze: Gegen Doxxing helfen Aufklärung und Bildung. Das erreicht man nur mittelfristig. In Deutschland diskutieren wir lange über WLAN oder Tablets an Schulen. Estland und Israel sind bei der digitalen Bildungskompetenz viel weiter. Es geht nicht nur um Programmierkenntnisse, sondern auch um "digital literacy". Dazu gehört auch, den Schülern eine Datenschutzkompetenz zu vermitteln.

heute.de: Haben Sie seit letzter Woche Ihr Internet-Verhalten geändert?

Schulze: Nein. Wenn Kollegen mich fragen, was sie besser machen können, rate ich zu einer digitalen Inventur. Das heißt: Sich mal an einem Sonntag hinsetzen und sich die Mühe machen, alle E-Mail-Adressen zu prüfen, die man im Laufe der Zeit so angelegt hat. Und schauen, wo die E-Mail-Adressen schon überall benutzt wurden. Da kommt so einiges zusammen. Dann sollten neue Passwörter mit einem Passwort-Manager generiert werden und nach Möglichkeit auch die Zwei-Faktor-Authentifizierung eingeschaltet werden, dann kann ein Großteil aller Hacking-Vorfälle verhindert werden - zumindest solange, bis Hacker wieder neue Wege finden.

Das Interview führte Raphael Rauch

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