Sie sind hier:

Dritte Niederlage für Bayer - Monsanto-Kauf treibt Konzern Richtung Abgrund

Datum:

Bayer hat sich mit seinem Milliardenerwerb Monsanto ein Kuckucksei ins Nest gelegt, das den Konzern in Richtung Abgrund treibt. Zu bestaunen ist ein Gerichtsdrama ungekannter Güte.

Bayer-Tochter Monsanto hat den dritten Prozess um das glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel Roundup verloren. Das Urteil: Schadensersatz von 1,78 Milliarden Euro.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Nach bereits zwei verlorenen Prozessen um Krebsrisiken von Unkrautvernichtern der US-Tochter Monsanto hatten Beobachter zwar auch im dritten Prozess mit einer Niederlage gerechnet. Das Ausmaß des Denkzettels konnte sich aber kaum jemand vorstellen.

Einkauf von Milliardenrisiken

Die Einschläge kommen nicht nur näher – sie treffen bereits mitten ins Herz. Aus dem Pharma- und Pflanzenschutzkonzern Bayer ist angesichts einer weit über hundertjährigen Geschichte in Rekordzeit ein zerschossenes Wrack geworden. Verglichen mit der Zukunft, die Bayer noch vor wenigen Jahren vor sich hatte, bleibt Vorstand und Aufsichtsrat nun die fast unlösbare Aufgabe der Schadensbegrenzung.

Denn der Kauf des amerikanischen Saatgut- und Unkrautvernichtungsmittel-Herstellers Monsanto bedeutete längst nicht nur den Mit-Erwerb eines rekordverdächtig schlechten Rufes, sondern auch den Einkauf von Milliardenrisiken. Die sich nun eins nach dem anderen in reale handfeste Zahlungsverpflichtungen verwandeln. Jene, einem Rentnerehepaar in Kalifornien nun zugesprochenen zwei Milliarden Dollar Straf-Schadensersatz wird Bayer in der Berufung natürlich bekämpfen, ebenso wie den Schuldspruch an sich.

Bayer: Glyphosat harmlos bei sachgerechter Anwendung

Nach wie vor sieht die Monsanto-Mutter die Wissenschaft auf ihrer Seite: Bis hin zur amerikanischen Umweltagentur EPA bescheinigen die meisten Institutionen und Untersuchungen dem Unkrautvernichtungsmittel "Roundup" und seinem Hauptinhaltsstoff Glyphosat kein nennenswertes Krankheitsrisiko – bei sachgerechter Anwendung. Es gibt Hinweise darauf, dass die erkrankten Kläger eben nicht sachgerecht mit dem Mittel umgegangen sind, doch spielte das bislang vor den befassten Gerichten nicht die entscheidende Rolle.

Auch Bayer hütet sich, diesen Sachverhalt prominent vorzutragen – ist man in Leverkusen doch der Auffassung, das Produkt schade überhaupt nicht, auch nicht in großen Mengen. Mit diesem Standpunkt hat man sich längst eingegraben und setzt auf harte Verteidigung. Das könnte die falsche Strategie sein, wenn es vor Geschworenen zum Schwur kommt.

Verstoß gegen die Gesundheit der ganzen Gesellschaft

Denn: Wenn kalte Logik auf heiße Gemüter trifft, geht es selten zugunsten der Logik aus. Ein amerikanisches Geschworenengericht, dessen Verdikt von unbescholtenen, aber mitunter auch unbedarften Mitgliedern der Bürgerschaft eines manchmal hart umkämpften Gerichtssitzes gefällt wird, hat seine eigenen Gesetze, und die stehen oft nicht in den Standardwerken der Rechtskunde.

Wenn jenseits begründeten Zweifels ein Zusammenhang zwischen der Anwendung von Glyphosat-Mixturen und einer lebensgefährlichen Erkrankung vorzuliegen scheint, ist aus Geschworenensicht ein eindeutiges Urteil kaum mehr zu vermeiden, und je nachdem, wie beeindruckend das Einzelschicksal den Laienrichtern erscheinen muss, geht es in den USA schnell um die gerade zu bestaunenden Milliardensummen.

Die Logik wiederum hinter der Entscheidung des Gerichts: Ein kalt kalkulierender Multi ist nur da zu treffen (und von künftigem Fehlverhalten abzuschrecken), wo es wehtut, und das ist bei einem anonymen Gebilde wie einer Aktiengesellschaft nun einmal das Geld. Weder das mit dem fraglichen Mittel verdiente, noch dessen Erträge sollen Monsanto bleiben, und obendrauf gibt es die typisch amerikanische Strafzahlung, mit der jene immateriellen Schäden gebüßt werden sollen, die allein durch den Verstoß gegen die Gesundheit der ganzen Gesellschaft entstanden sein mögen.

Durch Vergleich das Desaster bezifferbar machen

Der zuständige kalifornische Richter kann es offenbar schon länger nicht mehr mit ansehen. Er hat ultimativ gefordert, ein Mediationsverfahren zu beginnen, und klargemacht, dass er selbst einen Mediator benennen werde, sollte Bayer mit seinen Kontrahenten nicht den gütlichen Einigungsweg beschreiten. Das könnte zwar unübersichtlich werden, denn es geht inzwischen um mehr als 13.000 Klagefälle. Doch dürfte die jüngste Geschworenenentscheidung das Verfahren nun vielleicht anstoßen helfen.

Bei Bayer, dessen Aktionäre inzwischen vor Zorn derart beben, dass sie jüngst dem Vorstand sogar die Entlastung für 2018 verweigerten, muss man sich vielleicht von der Alles-oder-nichts-Taktik verabschieden. Es dürfte die Situation entstehen, dass man im Konzern wider besseres Wissen, oder das, was man dafür hält, nun einen möglichen Glyphosat-Schaden einräumt und damit den Weg für einen Vergleich freimacht. Das würde am Ende zumindest das Desaster bezifferbar machen und ein Preisschild an den verfehlten Erwerb von Monsanto hängen.

Schlimm für Vorstand und Aufsichtsrat ist dabei nicht nur das Eingeständnis, Milliarden versiebt zu haben. Sondern auch die indirekt mit einzugestehende Schande, dass die ganze Strategie des Konzernwandels mit Spezialisierung hin zu Saatgut und Pflanzenschutz ein Entwurf mit Tunnelblick gewesen ist. Und man froh sein kann, mit anderen Dingen doch eher ungestört und reinen Gewissens weiter Geld zu verdienen. Welche Schlussfolgerungen für die Spitzenpersonen des Unternehmens damit verbunden sein mögen, das ist eine Debatte für einen anderen Tag – der jedoch nicht so fern sein dürfte.

Das Bayer-Kreuz in Wuppertal

Hauptversammlung des Chemiekonzerns - Das sind Bayers Probleme

Mehr Gewinn, aber auch Ärger und Klagen: Bislang ist die Übernahme des Glyphosat-Herstellers Monsanto für Bayer eher eine Belastung. Die Probleme des Chemiekonzerns im Überblick.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.