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Interview zum Eurofighter - "Drohnen können das noch lange nicht"

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Die Bestürzung ist groß nach dem Eurofighter-Absturz. Die Übungsflüge seien lange Zeit gut gegangen, sagt Experte Wassmann. Drohnen könnten Kampfpiloten noch lange nicht ersetzen.

Eurofighter simulieren eine Abfangsituation
Eurofighter simulieren eine Abfangsituation
Quelle: reuters

heute.de: Das Eurofighter-Unglück ist bei einem taktischen Training geschehen: Piloten jagen sich gegenseitig und simulieren einen Luftkampf. Ist das eine Art Räuber und Gendarm?

Thomas Wassmann: Ja, nur in der Luft und ohne Verstecken. Letztlich trainiert man, wie man sich im dreidimensionalen Raum bewegt und wie man sich in eine vorteilhafte Position begibt, um den Gegner auszuschalten.

heute.de: Ist das nicht etwas waghalsig für eine Übung?

Wassmann: Dafür braucht es einen gewissen Erfahrungsschatz, aber ansonsten ist das eine normale, regelmäßig wiederkehrende Übung. Letztlich geht es ja darum, unsere Piloten fit zu machen für einen möglichen Angriff oder einen Einsatz. Deswegen brauchen wir auch diese Form von Übung.

Thomas Wassmann, Vorsitzender des Verbandes der Besatzungen strahlgetriebener Kampfflugzeuge der Bundeswehr
Thomas Wassmann, Vorsitzender des Verbandes der Besatzungen strahlgetriebener Kampfflugzeuge der Bundeswehr
Quelle: privat

heute.de: Was trainiert man genau bei solchen Übungsflügen?

Wassmann: Eigentlich alles: Starten, Landen, Angriff, Verteidigung, Ausweichmanöver, Sturzflug… Das klassische Szenario ist: Irgendjemand dringt in den deutschen Luftraum ein. Sie müssen den Eindringling visuell identifizieren. Das heißt: Dicht an das Objekt rankommen, um zu prüfen: Hat sich hier jemand verirrt oder ist das ein Angriff? Die andere Übung sieht so aus: Ein Feind dringt in den deutschen Luftraum ein und verhält sich aggressiv. Sie müssen dafür sorgen, dass er Sie nicht abschießt – und Sie ihn stattdessen abschießen können.

heute.de: Kommen bei den Übungen Waffen zum Einsatz?

Wassmann: Nein, das geschieht alles ohne Waffen. Aber die Technik zeichnet alles mit auf. Der Pilot tut so, als ob er schießen würde – und am Ende rechnet der Computer aus, ob er getroffen hat oder nicht.

heute.de: Wie gefährlich sind Übungsflüge für Piloten?

Wassmann: Normalerweise recht ungefährlich, das ist lange Zeit gut gegangen. Die Übungsflüge folgen ja einem Drehbuch mit genauen Regeln. Aber es ist wie im Straßenverkehr: Trotz klarer Regeln passieren Unfälle. Wir müssen abwarten, welche Erkenntnisse die Unfallanalyse nun liefert.

heute.de: Und wie gefährlich sind Übungsflüge für die Bevölkerung am Boden?

Wassmann: Die Flugplätze befinden sich meistens außerhalb von dicht besiedelten Gebieten. Das stammt aus der Zeit des Kalten Krieges, denn Flugplätze sind potenzielle Angriffsziele. Um die Zivilbevölkerung zu schützen, hat man die Flugplätze möglichst weit weg von Ballungsgebieten gebaut. Auch heute finden die Übungsflüge möglichst weit weg von der Zivilbevölkerung statt. Nicht nur aus Sicherheitsgründen, sondern auch wegen des Lärms.

heute.de: Trotzdem könnte ein Absturz die Bevölkerung gefährden?

Wassmann: Wenn ein Eurofighter abstürzt, dann kann der nicht wie ein Jumbo-Jet noch ewig in der Luft gleiten. Wenn er abstürzt, dann geht das schnell und unkontrolliert. Je nachdem, wo er aufprallt und wie viel Kerosin er noch im Tank hat, fällt der Schaden größer oder kleiner aus.

heute.de: Unterscheiden sich Übungsflüge über Land und über Wasser?

Wassmann: Nein, das Fliegen und Kämpfen fühlt sich gleich an. Es gibt aber viele Übungsflüge über der Nord- und Ostsee, um das Lärmempfinden der Bevölkerung nicht unnötig zu strapazieren.

heute.de: Könnte auch der Bordcomputer oder das Bodenpersonal den Schleudersitz auslösen?

Wassmann: Nein, das kann nur der Pilot. Es gibt keinen Automatismus.

heute.de: Wie lange muss ein Pilot im Simulator geübt haben, bis er fliegen darf?

Wassmann: Das hängt mit den Leistungen des Piloten zusammen. Die Luftwaffe hat einen genauen Ausbildungsplan, in dem genau festgelegt ist, wie viele Flugstunden geleistet sein müssen.

heute.de: Was ist schwieriger zu fliegen: ein Tornado oder ein Eurofighter?

Wassmann: Das reine Starten, Landen und Lenken ist aufgrund der heutigen Technik relativ einfach. Etwas komplexer ist es, das Waffensystem einzusetzen. Der entscheidende Unterschied zwischen Tornado und Eurofighter ist: Im Tornado sind Sie zu zweit, im Eurofighter sitzen Sie alleine – und müssen alles alleine machen. Also Informationen verarbeiten, Kommandos ausführen, abwehren und angreifen. Das ist schon stressiger, als wenn Sie sich mit Ihrem Co-Piloten abstimmen können.

heute.de: Wären die Flieger unbemannte Drohnen gewesen, wäre niemand zu schade gekommen, oder?

Wassmann: In der Luft kämpfen? Drohnen können das noch lange nicht! Drohnen sind gut, wenn es darum geht, ein Gebiet zu überfliegen, einen Luftraum auszuspionieren, Objekte zu fotografieren oder ein Ziel zu bombardieren. Aber im Luftkampf sehe ich noch lange keine Drohnen.

heute.de: Warum?

Wassmann: Ein Luftkampf ist ein Kampf im dreidimensionalen Raum. Das produziert eine enorme Menge von Daten, die verarbeitet werden müssen – in Millisekunden. Da braucht man enorme Rechnerleistungen, um diese Kapazitäten zu erreichen. Selbst die USA oder Israel stehen mit ihrer technologischen Forschung noch ganz am Anfang.

Das Interview führte Raphael Rauch. Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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