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Neuer Dürre-Report - Mit der Klimakrise kommt der Durst

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Das Dürrerisiko für Europas Landwirte und Energieversorger wächst. Forscher erwarten Klimabedingungen, wie es sie heute mehr als 1.000 Kilometer weiter südlich gibt.

Ausgetrocknetes Flussbett der Elbe
Ausgetrocknetes Flussbett der Elbe
Quelle: dpa

Die Welt wird immer trockener, und das immer schneller. Davor warnt der neue "Dürre-Report" des Worldwide Fund for Nature WWF. Auch in Europa werden die Wetterextreme durch die zunehmende Erderhitzung zunehmen. Lang anhaltende Trockenperioden wie im Sommer 2018 werden dadurch immer wahrscheinlicher.

Unzureichende Vorbereitung

Auch wenn Industrieländer in Mittel- und Nordeuropa noch über ausreichende Wasserressourcen verfügen, sind auch sie von Dürreproblemen betroffen. Süßwasserexperte Philipp Wagnitz vom WWF Deutschland schlägt Alarm: "Länder wie Deutschland müssen sich auf Wassermangel vorbereiten, tun dies aber bislang nur unzureichend."

Niedrigwasser am Rhein im Sommer 2018
Quelle: ZDF

Dietrich Borchardt leitet am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ den Themenbereich Wasserressourcen und Umwelt und teilt die Einschätzung des WWF: "Wie 2018 und 2019 gezeigt haben, ist Deutschland massiv von Dürren betroffen. Sichtbare Zeichen sind akute Waldschäden auf einer Fläche von über 100.000 Hektar und Millionenschäden durch Ernteausfälle in der Landwirtschaft, nicht zu vergessen die geschädigten Ökosysteme in den Gewässern selbst."

Der Rhein führte 2018 wochenlang Niedrigwasser. Stellenweise konnten Anwohner trockenen Fußes durch das Flussbett spazieren. Auf der Elbe und auf anderen Flüssen kam die Binnenschifffahrt zum Erliegen, die Wassertiefe lag bei nicht einmal mehr einem halben Meter. Transportwege brachen zusammen, Benzin wurde knapp, mit Flusswasser gespeiste Kühlsysteme mussten gedrosselt werden.  Eine eingeschränkte Strom- und Rohstoffversorgung, aber auch Wasserrationierungen für Haushalte waren die Folge.

Ein Fünftel aller Großstädte gefährdet

Der Report belegt: Weltweit liegen bereits heute 19 Prozent der Großstädte mit mehr als einer Million Einwohner in vom Wassermangel akut bedrohten Regionen. Mexico City beispielsweise zapft für sein Trinkwasser bereits weit entferntes Umland an. Auch Las Vegas kämpft mit dem sinkenden Wasserspiegel. Wachsende Einwohner- und Touristenzahlen graben den Landwirten in der Wüste das Wasser ab. Weltweit leben rund 370 Millionen Menschen in Dürrerisikogebieten. Allein in Indien sind es 17,5 Millionen Menschen, in China 16,5 Millionen.

Infografik: Auswirkungen von Dürren
Infografik: Auswirkungen von Dürren
Quelle: ZDF/CRED

Verteilungskämpfe ums Wasser

Klimawandel und Wassermangel könnten sogar zum Sicherheitsrisiko werden. Denn durch den zunehmenden Dürrestress kann es verstärkt zu Verteilungskriegen ums Wasser kommen. Bereits jetzt führen ausfallende Ernten und Arbeitslosigkeit in Afrika und dem Nahen Osten zu erheblichen Migrationsbewegungen und Destabilisierung. Das heißt: Langanhaltende Trockenperioden können in ohnehin schwachen, konfliktträchtigen Staaten ein Auslöser für bewaffnete Konflikte sein. 

Philipp Wagnitz vom WWF Deutschland warnt daher vor den gravierenden Folgen eines weltweiten Wassermangels: "Dürren zerstören wichtige Ökosysteme und gefährden die Ernährungssicherheit. Sie befeuern soziale Unruhen und politische Konflikte."

Grundnahrungsmittel verdorren

Am stärksten von Dürre und Wasserknappheit betroffen ist die Landwirtschaft. Wenn in der Klimapolitik nicht gegengesteuert wird, könnte der Anbau von Grundnahrungsmitteln wie Kartoffeln, Weizen oder Mais, aber auch anderer Nahrungsmittel zunehmend gefährdet sein. So kommen zum Beispiel rund 22 Prozent der globalen Weizenproduktion aus Gebieten mit sehr hohem Dürrerisiko.

Zudem trocknen Flüsse, Seen und andere Feuchtgebiete langsam aus, ihr Wasser steht dann nicht mehr als Reservoir zur Verfügung. Schon jetzt ist etwa ein Sechstel der international als schützenswert erfassten Feuchtgebiete von Dürren bedroht. 

Kraftwerke im Dürrestress

Auch auf dem Energiesektor drohen massive Engpässe – so das Ergebnis des "Dürre-Reports". Denn wo Wasser etwa zum Kühlen von Kraftwerken oder als regenerativer Energieträger (Wasserkraftwerke) genutzt wird, führen häufigere und intensivere Phasen extremer Dürre zu akutem Ausfallpotenzial, warnt der Report. Fast die Hälfte der weltweiten Wärmekraft – hauptsächlich Kohle, Erdgas und Atomkraft – wird demnach in Gebieten mit hohem Dürrerisiko produziert. 43 Prozent der gesamten Süßwasserentnahme in Europa wird für die Kühlung von Kraftwerken genutzt. Allein in Spanien sind über 50 Prozent der 269 erfassten Kraftwerke einem hohen bis sehr hohen Dürrerisiko ausgesetzt. In Frankreich gehören zu den 27 betroffenen Kraftwerken auch mehrere Atomkraftwerke.

Hohes Dürrerisiko besteht auch in Deutschland für die Kohlekraftwerke Jänschwalde, Boxberg, Schwarze Pumpe und HKW Cottbus, sowie das Wasserkraftwerk Altheim und das Gaswerk Kirchmöser. Sie liegen allesamt in Brandenburg.

Schlechtes Management

Dietrich Borchardt vom UFZ  weist auf einen weiteren Aspekt hin: "Viele der geschilderten Wassermangelprobleme sind ganz überwiegend auch die Folge von Managementfehlern  - wie bei den Wasserkrisen von Kapstadt oder Chenna - , Verschwendung (z. B. in der Landwirtschaft) und mangelnder Befriedung von Nutzungskonflikten." Und: Wassermangel könne auch durch Wasserverschmutzung verursacht werden. In vielen Regionen der Welt sei dies das Hauptproblem. Dürren würden die Situation dann noch verschärfen. "Süßwasserschutz muss ein Schwerpunkt bei der Anpassung an die Klimawandel sein, der bisher zu wenig Beachtung findet", so Borchardt weiter.

Patentrezepte gibt es nicht

WWF-Wasserexperte Philipp Wagnitz geht das nicht weit genug: "Auch Wasserkraft ist in Zeiten niedriger Wasserstände und wegen der vielfältigen Umweltauswirkungen keine grüne Alternative. Wind- und Solarenergie müssen Vorfahrt haben. Und: Die Staatengemeinschaft muss die Erderhitzung auf 1,5 Grad begrenzen - sonst setzt sich die fatale Dürrespirale weltweit fort."

Problematisch ist bei Wind- und Sonnenenergie allerdings ebenfalls der hohe Flächenverbrauch. Dürregefährdete Atomkraftwerke wiederum könnten die Erderwärmung zumindest verlangsamen. Patentrezepte gibt es also nicht.

Doris Ammon ist Redakteurin in der ZDF-Umweltredaktion.

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