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Alt, arm, abgehängt? - Wenn im Ruhestand das Geld nicht reicht

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Altersarmut: ein großes Wort. Dunja Hayali wollte sich selbst ein Bild machen, was dahintersteckt. Sie besuchte eine Rentnerin in Wuppertal, die jeden Euro umdrehen muss.

Viele Rentner in Deutschland leiden unter Altersarmut und müssen auch nach vielen Jahren harter Arbeit jeden Cent dreimal umdrehen. Dunja Hayali hat sie besucht.

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Wie sieht es aus, wenn jemand im Alter nur das Nötigste hat? Das wollten wir bei der Rentnerin Anita Pixberg in Wuppertal herausfinden. Auf der Schwelle zu ihrer Wohnung gehen mir gängige Klischees von Armut durch den Kopf: hungernde Menschen, schäbige Klamotten, Flaschensammler.

Arbeiten, um dem Enkel Taschengeld zu geben

Und dann begrüßt mich eine herzliche, sympathische 71-jährige Dame. Schicke Kleidung, die grauen Haare trägt sie elegant halblang. Dass sie nur 823 Euro Rente bekommt, sieht man weder ihr noch dem Zimmer in ihrer Senioren-WG an. Mit fünf Mitbewohnern teilt sie sich eine Wohnung. Was mir gleich auffällt: Die Wände sind voll mit Bildern ihrer drei Kinder und fünf Enkel. Familie bedeutet ihr alles. Damit sie ihrem jüngsten Enkelkind ein kleines Taschengeld geben kann, kocht sie zwei- bis dreimal in der Woche für den Seniorentreff in ihrem Wohnhaus. 350 Euro bekommt sie dafür - sonst blieben ihr nur 200 Euro zum Leben.

Gemeinsam gehen wir zu dem Treff der Diakonischen Altenhilfe, in dem sie jobbt. Ich unterhalte mich mit anderen Rentnerinnen und Rentnern. Keinem geht es richtig rosig. Oft reicht es gerade so, wenn der Ehepartner auch eine Rente bekommt. Viele rutschen nahe an die Armutsgrenze. Hier im Seniorentreff bekommen sie für kleines Geld ein Mittagessen - und für eine Stunde nette Gesellschaft. Die ist mindestens genauso wichtig.

Altersarmut ist die größte Sorge

Laut Statistischem Bundesamt ist fast jede sechste Person in Deutschland über 65 Jahren mittlerweile von Altersarmut bedroht, unter den Frauen ist es jede fünfte. In keiner Altersgruppe hat die Armut seit 2005 so stark zugenommen. Für jeden dritten Deutschen ist es die größte Sorge, im Ruhestand zu verarmen. Unbegründet ist diese Sorge nicht, sagen Experten: Wenn die geburtenstarken Jahrgänge ab 2022 ihren Ruhestand beginnen, wird jeder fünfte Neurentner von Altersarmut bedroht sein. Ich frage mich: Wie gehen wir als Gesellschaft damit um?

Bei Anita Pixberg sehe ich, wie eine starke Frau im Hier und Heute damit umgeht. Sie hadert nicht, auch wenn der Cappuccino am Sonntag etwas ganz Besonderes ist. Wenn sie nur einmal pro Woche für 25 Euro einkaufen geht, weil einfach nicht mehr drin ist. Auf dem Wochenmarkt merke ich, wie genau sie die Preise vergleicht. Ob Brokkoli oder Bananen: Sie hat die Vergleichswerte im Kopf. Anita fährt ein kleines Auto - aber nur, weil es günstiger ist als der öffentliche Nahverkehr. Zumindest, solange es nicht kaputtgeht. Mein Eindruck: Anita Pixberg würde nie über die Umstände jammern - typisch Ruhrpott eben.

Es geht um Würde

Immer wieder höre ich: Der Staat sorgt doch für jeden, dem es schlecht geht. Und es stimmt ja: Wer am Existenzminimum lebt, hat Anspruch auf eine Grundsicherung. Möglicherweise könnte Anita Pixberg sie auch bekommen. Aber das würde sie nicht wollen. Genauso wenig, wie Hilfe von ihren Kindern anzunehmen. "Es geht auch um Würde", sagt sie mir. Schließlich hat sie ihr Leben lang gearbeitet - meistens in Teilzeit, weil sie drei Kinder großgezogen hat. Ein Problem, das viele betrifft: Sie war im Einzelhandel tätig, wo geringe Löhne gezahlt werden. Das ist ein häufiger Grund für eine niedrige Rente später.

Als ich die Senioren-WG verlasse, habe ich Anita Pixberg ins Herz geschlossen. Und das nicht nur, weil sie wie ich Fan von Borussia Mönchengladbach ist. Sondern auch, weil sie ihren Weg klaglos geht und sich ihren Stolz nicht nehmen lässt. Geld ist für sie nicht das Entscheidende. Aber ich würde ihr wünschen, sich nicht jeden Monat neu um das Nötigste sorgen zu müssen. Dass sie ihren Enkeln etwas schenken kann, ohne es sich vom Mund abzusparen. Und wie sieht es aus, wenn sie mal nicht mehr im Seniorentreff kochen kann? Wenn sie wirklich nur noch 200 Euro hat und möglicherweise nicht mehr so mobil ist?

Wie oft habe ich die Stimmen gehört: Wer genug zu essen hat und sogar ab und zu ins Café gehen kann, ist doch nicht arm. Aber mal im Ernst: Das gehört doch zum Leben dazu, sich mal etwas leisten zu können. Wer keine Kohle hat, bleibt Zuhause. Verliert den Anschluss, ist immer weniger Teil der Gesellschaft. Es geht um Teilhabe, Dazugehören, Gebrauchtwerden. Anita Pixberg hat diese Möglichkeit im Seniorentreff, in dem sie kocht. Und sie hat ihre große Familie. Aber wie viele arme Senioren gibt es in unserem Land, die wir gar nicht sehen, nicht wahrnehmen? Es ist leicht, die Augen vor dem Problem "Altersarmut" zu verschließen. Aber wollen wir das?

Mehr von meinem Besuch bei Anita Pixberg sehen Sie am Mittwoch in meiner Sendung "dunja hayali" um 22.45 Uhr im ZDF. 

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