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Kampf gegen Clan-Kriminalität - 1.000 Nadelstiche gegen Clans

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Essen gilt als Hochburg krimineller Clans. Die Polizei verfolgt dort seit einem Jahr die sogenannte Strategie der 1.000 Nadelstiche - auch mit regelmäßigen Razzien. Eine Reportage.

Dunja Hayali auf Streife mit Essener Spezialeinheit für Clan-Kriminalität
Dunja Hayali sitzt mit einem Polizisten einer Spezialeinheit in einem Einsatzwagen und unterhält sich mit ihm.
Quelle: ZDF/Joshua Werner

Ich möchte mich selbst davon überzeugen, wie das konkret abläuft und ob der riesige Aufwand etwas bringt. Eine Nacht lang begleite ich Polizeihauptkommissar Bernhard Stratmann in Essen. Unter seiner Leitung wird eine Hundertschaft der Polizei an einem Samstagabend mehrere Lokale, Shisha-Bars, aber auch Autos kontrollieren. Bei Clan-Kriminalität, die oft von Gewalt begleitet wird, geht es hauptsächlich um Immobilien, Glücksspiel, Drogen und Steuerhinterziehung.

Das primäre Ziel des bevorstehenden Einsatzes aber ist, auch kleinere Delikte aufzudecken und konsequent zu ahnden. Baurechtliche Bestimmungen, Jugendschutzgesetz, Schwarzarbeit, Brandschutz, Zollvorschriften - immer wieder sollen sich die Clan-Mitglieder gestört fühlen durch Kontrollen und Durchsuchungen. Ein bis vier Mal pro Woche werden neuerdings solche Maßnahmen durchgeführt, meistens sind es unangekündigte Razzien in Bars, Restaurants, Wettbüros und Discotheken.

Polizei darf ohne konkreten Verdacht kontrollieren

Es geht los. Unter Sirenengeheul schiebt sich eine lange Reihe Mannschaftswagen durch die Essener Innenstadt, das Blaulicht erhellt flackernd die umliegenden Häuserwände. Schon durch ihr massives Auftreten demonstriert die Polizei unmissverständlich ihre Dominanz. Erstes Ziel an diesem Abend: ein Restaurant in Essen-Altendorf. Die Sirenen verstummen, die Beamten steigen aus und verteilen sich vor dem Laden. Einige gehen rein und beginnen mit den Kontrollen. Keiner, auch kein Gast, darf das Lokal verlassen.

Als Ausländer fühlt sich jeder zweite hier unwohl. Sie machen das fast jeden zweiten Tag hier!
Kellner bei Razzia

Für mich ist das Restaurant auf den ersten Blick ein völlig unauffälliges, gut besuchtes Lokal. Warum sind wir hier? Einsatzleiter Stratmann erklärt mir: Die zahlreichen Hinterzimmer des Restaurants dienten immer wieder als Treffpunkt für ranghohe Clan-Mitglieder. Wir befinden uns hier in einem Stadtteil, der als besonders gefährlich eingeschätzt wird. Hier darf die Polizei auch ohne konkreten Verdacht Personalien aufnehmen und Kontrollen durchführen. So gewinnen die Ermittler immer mehr Erkenntnisse über Clanstrukturen und persönliche Netzwerke.

Heute ist hier allerdings niemand von besonderem Interesse anwesend. Ich frage den Kellner des Ladens, ob er sich unfair behandelt fühlt? Ja, sagt er, und damit sei er auch nicht alleine: "Als Ausländer fühlt sich jeder zweite hier unwohl. Sie machen das fast jeden zweiten Tag hier!" Er hat für solche scheinbar anlasslosen Kontrollen kein Verständnis, denn sie schaden natürlich auch dem Umsatz. Einer seiner Kunden saß gerade beim Abendessen und bekräftigt: "Ja, nächstes Mal komme ich nicht mehr, ich hab Angst!"

Generalverdacht gegen Unschuldige?

In NRW werden Straftaten aus dem Clan-Milieu seit Anfang 2019 anhand von Familiennamen und sozialen Strukturen kategorisiert. Bei Mehrfachtätern werden alle Delikte vom gleichen Sachbearbeiter behandelt, und nicht wie sonst, von unterschiedlichen Sachbearbeitern je nach Art der Straftat. Auf diese Weise wollen die Ermittler Clan-Strukturen schneller und effizienter verstehen und aufdecken.

Bevor wir zum nächsten Zielort fahren, möchte ich noch wissen, wie die Beamten verhindern wollen, dass bei solchen Durchsuchungen Unschuldige diskriminiert werden und sich unter Generalverdacht gestellt fühlen? Was ist, wenn ich einfach nur das Pech habe, zufällig den gleichen Nachnamen zu tragen oder die gleichen Orte zu besuchen wie Intensivtäter? Polizeikommissar Sebastian Schmidt, der mit uns im Einsatz ist, zeigt sich eher unbeeindruckt: "Wir haben die Leute, die nicht straffällig werden, aber diese Leute gehen ja auch nicht freiwillig zur Polizei. Das heißt, sie schützen ihre geschlossene Familienstruktur trotzdem. Deswegen hab ich in dem Fall wenig Mitleid."

Aggressive Stimmung gegen Polizei und Kamerateams

Die Stimmung bei unserer ersten Station in dieser Nacht war schon deutlich angespannt. Bei unserem zweiten Halt geht es direkt aggressiv zur Sache. Dieses Mal haben die Ermittler eine Shisha-Bar im Visier. Sie gehört einem Clan, der deutschlandweit als einer der kriminellsten gilt. Als der Vater des Besitzers die Kamera sieht, kippt die Stimmung sofort. Lauthals beschimpft er uns als "Hunde", "Hurensöhne", "Bastarde", die Polizei könne von ihm aus machen, was sie wolle, aber die Kamera sollen wir gefälligst ausmachen.

Das ist ja eine Verhaltensstruktur von denen, dass die mit dieser Einschüchterung und Gewalt spielen.
Polizeihauptkommissar Bernhard Stratmann

Einsatzleiter Stratmann sagt zu mir, dass wir Glück haben, weil nur wenige Familienmitglieder anwesend sind. Je mehr Leute da sind, desto aggressiver, so sein Erfahrungswert. Hat er selbst eigentlich keine Angst vor der offenen Gewaltbereitschaft der Clans? Doch, sagt er, "das ist ja eine Verhaltensstruktur von denen, dass die mit dieser Einschüchterung und Gewalt spielen." Hin und wieder, so gibt er zu, fährt er schon mal eine Extrarunde um den Block, wenn gerade ein Mercedes dicht hinter ihm fährt. "Natürlich macht man sich Gedanken und hat auch Angst. Insbesondere wenn man dann Kollegen sieht, die tatsächlich bedroht werden."

Auch in dieser Bar werden die Beamten heute kaum fündig. Gerade mal 600 Gramm unversteuerter Tabak werden sichergestellt. Insgesamt wurden heute Abend 213 Personalien aufgenommen, 22 Ordnungswidrigkeiten festgestellt und zwei Führerscheine entzogen. Einer von 1.000 Nadelstichen.

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