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Streit ums Tempolimit - Zwischen Temporausch und Runterfahren

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Wenige Debatten werden so emotional geführt wie die um das Tempolimit. Beim Thema Auto ist die Bevölkerung entsprechend gespalten. Dunja Hayali hat sich alle Seiten angehört.

Dunja Hayali auf einer Demo der Bewegung "Fridays for Future"
Dunja Hayali besucht eine Demo der Bewegung „Fridays for Future“ und spricht mit Jugendlichen über das Thema Tempolimit.
Quelle: ZDF/Ole Jürgens

Ja, ich fahre gerne schnell. Ja, ich komme gerne schnell von A nach B. Und ja, mir macht es Spaß, schnell zu fahren. Allerdings ohne zu drängeln, ohne Blinker links oder ähnliches. Zugleich ist mir natürlich sehr bewusst, dass mein Bremsweg bei 200 ein anderer ist, als bei 130 km/h. Und auch die Wucht bei einem Aufprall ist natürlich nicht zu vergleichen. Zur Diskussion um das Tempolimit habe ich also wie fast alle Deutschen einen persönlichen Bezug. Unschlüssig bin ich, welche Seite die besseren Argumente hat. Deshalb will ich mir selbst ein Bild machen.

5.853 PS warten auf ihren Einsatz

Mein erster Stopp ist die Werkstatt von Sidney Hoffmann. Er ist der hierzulande vielleicht bekannteste Auto-Tuner und könnte direkt aus den "Fast & Furious"-Filmen kommen. Im Kapuzenpulli und mit lässiger Kappe auf dem Kopf begrüßt er mich im 600-Quadratmeter-Showroom seiner Werkstatt. Überraschenderweise empfängt mich weder der Duft nach Öl und Gummi noch Motorenlärm. Dafür viel Stahl und Chrom: Sauber glänzend warten hier fünfzehn schnelle Schlitten darauf, die insgesamt 5.853 PS auf die Straße bringen.

Ein Tempolimit wäre für Sidney "ein Weltuntergang". Klar, seine berufliche Existenz ist auf die Lust am schnellen Fahren gebaut. Aber ich spüre auch seine ganz persönliche Leidenschaft für schnelle Autos. Ich lasse einen der Boliden an und sehe sein strahlendes Gesicht, als der satte Motorensound ertönt. "Das ist doch total schön", ruft er - und ich merke, dass das Thema "schnelles Fahren" immer auch ein emotionales ist. Auch im Ausland sei die deutsche Autobahn immer noch ein Mythos, der viele anzieht, erzählt mir Sidney. "Es ist das letzte, was uns deutsche Autofahrer ausmacht."

Täglich Opfer versorgen und Tote bergen

Nach dem Werkstattbesuch will ich selbst Gas geben und suche mir dafür fachkundige Begleitung: Michael Mertens, den stellvertretenden Vorsitzenden der Polizeigewerkschaft GdP. Als ich auf der Autobahn beschleunige, wird er etwas unruhig: "Ich kenne ja ihre Fahrkünste nicht!" Als er bei Tempo 170 meinen Puls fühlt und nur 66 Schläge pro Minute zählt, wird er etwas ruhiger. Mertens weiß aus seiner beruflichen Erfahrung genau: Wenn ein Unfall passiert, sind die Folgen bei hoher Geschwindigkeit einfach viel schlimmer. Und zwar völlig unabhängig davon, wer Schuld hat. Vor uns fährt ein Drängler. "Wenn der davor abbremst, hat der dahinter gar keine Chance mehr", so Mertens.

Wie das enden kann, müssen die Beamten der Autobahnpolizei Kamen jeden Tag mit ansehen. Mir geben sie mit Fotos einen kleinen Einblick: demolierte Autos und zerstörte Motorräder. Wie es den Unfallopfern erging, lässt sich erahnen. Die Polizisten hier müssen täglich Verletzte versorgen, Tote bergen und Angehörige trösten. Polizeihauptkommissar Manfred Blunk zeigt auf das Bild eines Kleintransporters, der auf einen Lkw aufgefahren ist und regelrecht zusammengequetscht wurde. "Dieses Schadensausmaß hat man eigentlich immer nur bei hohen Geschwindigkeiten", so Blunk. "Jedes Opfer ist eines zu viel."

Gefühle lassen sich nicht ausblenden

Letzte Station: "Fridays for Future", eine Demonstration von Schülerinnen, Schülern und Studierenden in Dortmund. Es geht um das Klima, um den Umweltschutz - aber eben auch um das Tempolimit, sagt Organisatorin Therese Kah. "Es wird ja gesagt, es sei so wenig CO2, das da eingespart wird. Es ist im Vergleich zum Kohleausstieg natürlich weniger, aber auch ein viel geringerer Aufwand." Ein Tempolimit würde von niemandem ein Opfer fordern, meint sie. Ihre Mitdemonstrantin Clara Rittmann pflichtet ihr bei: "Schlussendlich werden häufig die Entscheidungen emotionsbasiert getroffen. Und zwar aufgrund von Emotionen von Menschen, die halt 30 Jahre älter sind als wir, und um deren Zukunft es nicht geht."

Auch nach meiner Rundfahrt durch die Autorepublik Deutschland schlagen weiterhin zwei Herzen in meiner Brust. Natürlich macht es mir Spaß, richtig schnell zu fahren. Auf der anderen Seite gibt es gute Argumente dagegen. Schwere Unfälle, mehr Tote und Verletzte als bei niedrigen Geschwindigkeiten und ein höherer CO2-Ausstoß.

Mehr zu den Begegnungen mit Befürwortern und Gegnern des Tempolimits sehen Sie bei "dunja hayali" - hier die ganze Sendung:

Am 6. Februar geht es bei Dunja Hayali in der Sendung um die Themen: Der Streit ums Tempolimit, Schuleschwänzen gegen Klimawandel und Mobbing an deutschen Schulen.

Beitragslänge:
45 min
Datum:
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