Sie sind hier:

Ein Besuch in der rechtsextremen Szene - Zwischen Dirndl und Pfeil-Runen

Datum:

Im thüringischen Themar findet seit Jahren eines der größten Rechtsrockfestivals in Europa statt. Dort treffen Journalisten auf viel Polizei - und wenige Gesprächspartner.

Die Neonazi-Szene trifft sich im thüringischen Themar bei einem der größten Rechtsrockfestivals Europas. Wie agiert die rechtsextreme Szene und wie reagieren die Sicherheitsbehörden?

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Zwei Tage lang wird die kleine Gemeinde Themar mit knapp 2.900 Einwohnern auch dieses Jahr wieder zum Mittelpunkt der rechtsextremistischen Szene. Angemeldet ist die Veranstaltung als politische Kundgebung mit dem Titel "Tage der Nationalen Bewegung". Ich möchte wissen, wie die Szene auftritt und welche politischen Ziele sie verfolgt.

Akribische Kontrollen

Bis zu 1.000 Besucher werden erwartet, mehrere hundert Polizisten sind im Einsatz. Ihre hohe Präsenz fällt mir bei meiner Ankunft sofort auf. Die Einsatzkräfte aus mehreren Bundesländern sichern das eingezäunte Gelände und führen akribisch Kontrollen am Einlass durch. Nicht nur die Taschen werden überprüft, hier geht es auch darum zu verhindern, dass verfassungswidrige Symbole offen gezeigt werden - sei es in Form von Tattoos oder auf bedruckten Shirts. Hakenkreuze, SS-Runen, schwarze Sonnen ... 

Die meisten Besucher wissen genau, was erlaubt ist und was nicht, viele haben verbotene Zeichen auf ihrer Haut zumindest teilweise mit Pflastern abgeklebt. Solange sie nicht sichtbar getragen würden, sei ein Straftatbestand nicht erfüllt, erklärt mir der Einsatzleiter. Ansonsten drohen bis zu drei Jahre Haft. Ich werde Zeuge, wie bei einem Besucher verbotene Pfeil-Runen auf seinem T-Shirt entdeckt werden, das Verbandsabzeichen einer ehemaligen SS-Division. Er muss das Festivalgelände verlassen und bekommt einen zweitägigen Platzverweis sowie eine Strafanzeige. Ob er wusste, dass diese Symbole verboten sind, frage ich ihn? Er winkt nur stumm ab.

Strafrechtlich verboten

Die Polizei empfiehlt uns Journalisten, das Areal nur in ihrer Begleitung zu betreten. Schon beim ersten Gang durch die noch kleine Menge wird klar: Reden will oder soll hier keiner mit mir. Sobald ich jemanden anspreche, eine Frage stelle, steht immer wieder ein Ordner der Veranstalter neben uns mit der Empfehlung, mir nicht zu antworten. Schließlich komme ich doch mit einer Frau ins Gespräch.

Angela Schaller ist mittleren Alters, trägt ein Dirndl und hat ihr rotbraunes Haar zu einem langen Zopf geflochten. An den Ohren trägt sie je einen silbernen Stecker in Form einer Acht. Die doppelte Acht gilt in der Szene als Code für ein doppeltes H - "Heil Hitler". Schaller ist bekannt in der Szene, sie bezeichnet sich selbst als Nationalsozialistin. Ob es sie nicht störe, dass hier auch Neonazis anwesend seien, die einen völkermordenden Krieg verherrlichten? Nein, für sie falle das unter die Meinungsfreiheit. Den Holocaust leugnen wolle sie mit dieser Aussage nicht, das sei strafrechtlich verboten, sagt sie.

Fakten werden angezweifelt

Auch meinem nächsten Gesprächspartner merke ich an, dass er ganz genau weiß, wo die Grenzen des legal Sagbaren verlaufen. Patrick Schröder, ein ehemaliger NPD-Funktionär, betreibt hier auf dem Festival einen Devotionalienstand für die rechtsextreme Szene. Er ist Inhaber eines rechtsextremen Modelabels. Auch ihn spreche ich auf den Nationalsozialismus an. Über die Zeit von 1933 bis 1945 könne er genau so wenig Aussagen treffen wie über die Zeit von 1945 bis 1969, denn da sei er noch nicht da gewesen.

Dunja Hayali im Gespräch mit Besuchern des Rechtsrock-Festivals in Themar.
Ins Gespräch kommt Dunja Hayali nur mit wenigen Besuchern.

Aber dass Deutschland 1954 Weltmeister geworden sei, das glaube er schon? "Ja gut, da gibt’s ja das Spiel und eindeutige Fernsehaufnahmen, ich geh jetzt mal davon aus, dass das echt ist." Und die Aufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg? Nun, nur weil er viele Tote auf einem Bild sehe, könne er noch lange nicht genau zuordnen, wer abgebildet sei und wie die Zusammenhänge seien. Ich bin entsetzt, wie hier immer wieder Geschichte und Fakten wenn nicht offen geleugnet, so doch angezweifelt werden.

Protest gleich nebenan

In nur wenigen Metern Entfernung, getrennt durch zwei Zäune, findet die Gegenveranstaltung statt. Rund 400 Teilnehmer sind gekommen, um Gesicht gegen rechts zu zeigen, mehr als in den Vorjahren. Der Veranstalter Thomas Jakob vom "Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit" ist zufrieden. Auch die unmittelbare Nähe zum Festival findet er gut. "Für uns ist es sehr wichtig, genau hier zu sein und den Nazis zu zeigen: Wir haben keine Angst vor euch." Er fordert von der Politik, dem Rechtsrockfestival den Status der "politischen Versammlung" abzuerkennen. Wäre es ein kommerzielles Event, müsste der Veranstalter die Kosten für Security und Aufräumarbeiten selbst aufbringen. Aktuell trägt der Steuerzahler diese Kosten.

Ist es wirklich eine politische Kundgebung oder doch ein Musikfestival zur Freizeitgestaltung? Ich mache mich auf den Weg in den Nachbarort, um einen der Initiatoren der Veranstaltung  zu treffen. Tommy Frenck hat unter anderem die Wiese für das Konzert angemietet. Er ist ehemaliger NPD-Funktionär und sitzt heute für die Wählergemeinschaft "Bündnis Zukunft Hildburghausen" im Kreistag. Er betreibt hier eine Gaststätte, die laut Verfassungsschutzbericht ein Treffpunkt der rechtsextremen Szene ist. Von ihm will ich wissen, was der Zweck des Festivals sei und was es als politische Kundgebung auszeichne.

Neue Mitglieder rekrutieren

Die Veranstaltung werde zum Netzwerken genutzt und zum Rekrutieren neuer Mitglieder, wie es andere Parteien auch machten, sagt Frenck. Nach einer Diskussion über den Holocaust, das Tragen von fragwürdigen T-Shirts, den Gefahren durch Zuwanderung, Asyl, "Überfremdung", Gewalt und ähnlichem frage ich ihn nach seiner Gesinnung. Er sei normal, sagt er und fragt mich, wie ich ihn einschätze. "Rechtsextrem", sage ich, denn für mich sei es alles andere als "normal", dass jemand am 20. April, also am Geburtstag von Adolf Hitler, ein Führerschnitzel für 8,88 Euro verkaufe.

Das Festival ist dieses Mal kleiner als in den Jahren zuvor. Top-Rechtsrockbands waren nicht angekündigt. Vielleicht wurde es den Leuten in diesem Jahr aber auch ein bisschen zu unbequem. Die Bilanz der Polizei: Zwei Band-Auftritte wurden von den Einsatzkräften abgebrochen. Der eine, weil der Verdacht bestand, dass ein Lied der Waffen-SS und der Hitlerjugend gespielt wurde. Alkoholverbot. Parkverbot rund um das Gelände und darüber hinaus.

Insgesamt wurden an den zwei Tagen 45 Strafanzeigen gestellt, die meisten wegen des Zeigens verfassungswidriger Symbole. Eines wurde wieder deutlich: Die rechtsextreme Szene setzt auf offene Provokation. Ein direktes Gespräch war nur mit wenigen, offenbar gut geschulten Personen möglich, die genau wissen, was man noch öffentlich sagen darf und womit sie sich strafbar machen würden.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.