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Dunja Hayali - Obdachlos trotz Arbeit

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Eine Tasche war das einzige, das Thomas Schulz blieb, als er obdachlos wurde. Er ist einer von vielen Menschen, die in Deutschland auf der Straße leben müssen - und das trotz Arbeit.

Eine Tasche voller Leben war das einzige, das ihm blieb, als er auf der Straße landete, so Thomas Schulz. Er ist einer von geschätzt 330.000 Menschen, die in Deutschland ohne Obdach leben.

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5 min
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Herr Schulz ist 56 Jahre alt, frisch rasiert und trägt ein orangefarbenes Polohemd. Jeden Morgen um 6 Uhr geht er zur Arbeit in eine große Produktionshalle, in der Backwaren hergestellt werden. Abends kehrt er zurück an den Ort, an dem er übernachtet. Thomas Schulz hat kein Zuhause mehr. Er schläft in einer Notunterkunft. Er ist einer von über 330.000 Menschen, die in Deutschland keine Wohnung haben.

"Wenn man aufwacht, muss man weiter kämpfen"

Ich sitze mit Thomas Schulz in einem überdachten Raucherhäuschen im Osten Berlins. Es riecht nach Zigarettenqualm. Eine "Tasche voller Leben" war das einzige, das ihm damals blieb, als er auf der Straße landete, erzählt er. Thomas Schulz sagt mir, dass er schon mehrmals hier im Freien übernachten musste. Er hat seine Isomatte auf dem Boden ausgerollt und sich zugedeckt.

"Es ist nicht schön, weil es würdelos ist", gesteht er. "Aber man muss sich sagen, dass die Sonne am nächsten Morgen wieder aufgeht. Man muss versuchen zu schlafen. Und wenn man aufwacht, muss man weiter kämpfen." Ich frage ihn: "Und dann sind Sie tatsächlich am nächsten Morgen aufgestanden und zur Arbeit gegangen?" Er nickt.

Immer weniger bezahlbare Wohnungen

Die Zahl der Menschen ohne Wohnung wächst stetig. Von den über 330.000 Betroffenen leben mehr als 40.000 auf der Straße und gelten damit als obdachlos. Eine Zahl, die sich seit 2012 um mindestens 50 Prozent erhöht hat. Vor allem in den Städten werden Wohnungen immer teurer. Und immer mehr hart arbeitende Menschen bekommen Probleme, ihre Miete zu bezahlen. Dass es Menschen gibt wie Thomas Schulz, die 1.100 Euro netto im Monat verdienen und trotzdem obdachlos sind, das hätte ich nicht erwartet. Er erzählt mir, dass es viele wie ihn gibt. Dass er auf der Straße immer wieder Leuten begegnet, die arbeiten gehen wie er. Ich frage mich, was da falsch läuft in unserem reichen Land.

20.000 Wohnungslose – aber nur 8.000 Plätze

Thomas Schulz nimmt mich mit zu der Notunterkunft, in der er zurzeit die Nächte verbringen darf. Dort treffe ich die Leiterin: Mara Fischer vom Verein mob e.V., eine ernste, junge Frau, die Non-Profit-Management studiert und ihre Lust am Helfen entdeckt hat. Mara Fischer konfrontiert mich mit erschreckenden Zahlen: 20.000 Wohnungslose gibt es in der Hauptstadt. Aber nur 8.000 Plätze in den dafür vorgesehenen Heimen. Die 31 Betten sind daher jeden Abend belegt. Chronisch unterfinanziert schafft sie es nur mit ehrenamtlichen Helfern, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Die Zimmer sind sauber und hell. "Verglichen mit anderen Heimen ist das hier ein Drei-Sterne-Hotel", sagt Thomas Schulz.

Als ich mich verabschiede, sehe ich etwa 30 Meter vom Eingang entfernt eine Gestalt auf dem Bürgersteig liegen. Ein Bündel Mensch auf einer dünnen Matratze, eingerollt in einen Schlafsack. "Es ist eine Frau", sagt Mara Fischer. "Sie hat gefragt, ob wir ein Bett für sie haben. Aber wenn wir voll sind, sind wir voll. Wir mussten sie abweisen."

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