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Bosporus statt Bodensee - Warum Deutsch-Türken zurück in die Türkei wollen

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Ein Jahr ist es her, dass der Putschversuch in der Türkei die Welt den Atem anhalten ließ. Ein Jahr, in dem viel passiert ist. Ein Jahr, das Präsident Erdogan genutzt hat, um seine Macht zu zementieren. Warum ziehen ausgerechnet jetzt Deutsch-Türken zurück in die Heimat ihrer Eltern?

Was wirklich geschehen ist, in der Nacht vom 15. Juli 2016 ist noch immer nicht hundertprozentig geklärt. Was die Folgen sind, ist bekannt: 115.000 Menschen wurden bislang aus ihren Arbeitsverhältnissen entlassen, 55.000 Menschen verhaftet. Auch die …

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Anders als vor zwei Jahren bin ich dieses Mal mit gemischten Gefühlen nach Istanbul gereist. In diese wunderbare, aufregende Stadt, Perle des Orients wird sie genannt. 15 Millionen Einwohner leben hier, die Wirtschaft boomt, überall wird gebaut. Nicht wenige meiner Freunde spielten immer mal wieder mit dem Gedanken, dort zu arbeiten und zu leben. In diesem bunten, widersprüchlichen Aufeinandertreffen von Abendland und Morgenland. Aber jetzt? Ein Jahr nach dem gescheiterten Putschversuch hat eine "Verhaftungswelle" über 50.000 Menschen ins Gefängnis gebracht. Auch mehr als 160 Journalisten sitzen hinter Gittern, die Pressefreiheit wird mit Füßen getreten. Überall hängen Erdogan-Plakate. Der Staatspräsident regiert mit eiserner Hand. Sobald ich mit irgendjemandem über Politik reden will, verstummen die Gespräche. Ich fühle mich nicht mehr wohl.

Rückkehr in das Land, das Heimat bleibt

Und trotzdem gibt es Menschen, die aus Deutschland hierher zurückkehren. Die tatsächlich lieber in dieser Türkei leben wollen als in dem Land, in dem sie aufgewachsen sind. Obwohl sie fließend Deutsch sprechen und beruflich erfolgreich sind.

Am Bosporus, der Grenze zwischen Europa und Asien, treffe ich Cigdem Akkaya. Auch sie ist eine Rückkehrerin. Seit 2004 organisiert sie eine Art Stammtisch für Deutsch-Türken. Jeden Monat treffen sich hier 70 bis 80 Rückkehrer. Doch über Politik, sagt sie, wird dort kaum noch geredet. Kein Wunder, denke ich, nach so vielen politischen Verhaftungen in nur einem Jahr. Wohin wird sich die Türkei bewegen, frage ich sie. "Wir müssen uns an Europa halten - das ist meine Hoffnung. Auf Europa kann die Türkei nicht verzichten".

Ich treffe mich auch mit Recep. Mit acht Jahren kam er nach Deutschland. Er hatte einen gutbezahlten Job bei Mercedes Benz und ist jetzt trotzdem zurückgegangen in das Land, das für ihn immer Heimat blieb. Erdogan sei ihm egal, sagt er. "Wenn ich die türkische Fahne sehe, dann kommen ganz andere Gefühle hoch. Ich kann es nicht erklären. Aber es ist einfach so."

Nach 30 Jahren Leben in Berlin: "Wir passen nicht zu Europa"

Ich kann ihn nicht begreifen. Genauso wenig wie Burak, geboren vor 30 Jahren in Berlin. Jetzt plant er den Umzug in den Staat, in dem er nie gelebt hat. Ich spreche mit ihm während des Zuckerfestes und erfahre voller Erstaunen, dass er früher sogar zu den Erdogan-Kritikern gehörte.

Doch seit dem "Erdogan-Bashing", wie er es nennt, ist das vorbei. Jetzt stellt sich Burak hinter die türkische Regierung. Und beklagt sich über einen deutschen Alltagsrassismus, der ihn von seinem Geburtsland entfremdet habe. "Wir entfernen uns von Europa", sagt er zu mir. "Ich finde das gut. Wir passen nicht zu Europa." Und ich frage mich: Was ist da bloß schief gelaufen? Warum sind diese beiden Männer nie in meiner Heimat Deutschland angekommen?

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