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Vergessene Opfer, vergessene Täter

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30 Jahre Mauerfall - Vergessene Opfer, vergessene Täter

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Wie erging es den Opfern der DDR-Staatssicherheit? Dunja Hayali erfährt im ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen, wie Insassen unter dem Regime litten.

Archiv: Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen am 23.08.2016
Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen
Quelle: dpa

Ich kann es nur erahnen: das Gefühl, unter Beobachtung zu stehen. Ausgeliefert zu sein. Sich überall verfolgt zu fühlen. Ich weiß davon allerdings nur von Dritten, aus Erzählungen etwa oder Filmen wie "Das Leben der Anderen" (von Florian Henckel von Donnersmarck) und "Ballon" (von Michael Bully Herbig). Darin wird die beklemmende Atmosphäre in der DDR beschrieben. Selbst engste Vertraute konnten sogenannte inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit sein.

Für meine Sendung will ich versuchen nachzuvollziehen, was Opfer des Systems erlebten. In der Gedenkstätte Hohenschönhausen, begleitet mich Andreas Mehlstäubl, durch den ehemaligen Stasi-Knast. Er selbst saß hier in Untersuchungshaft.

Dieses "Hier" gab es zu DDR-Zeiten offiziell aber nicht. Der Stasi-Knast war damals wie ein weißer Fleck auf der Landkarte.

Stundenlange Psycho-Folter

Kahle Betonwände, von denen Putz bröckelt. Siebeneinhalb Quadratmeter graue Kälte, fahles Neonlicht: So sieht die Zelle aus, die ich mit Andreas Mehlstäubl betrete. Eine Pritsche, ein Tisch und ein Hocker. Auf diesem Hocker musste der Häftling stundenlang sitzen, meist durfte er sich nicht mal an der Wand  anlehnen, nicht lesen, nicht sprechen. Psycho-Folter. Mir schnürt die Enge schon nach wenigen Minuten die Kehle ein.

Dunja Hayali in der Gedenkstätte Hohenschönhausen
Andreas Mehlstäubl, ehemaliger Inhaftierter, zeigt Dunja Hayali eine Gefängniszelle in der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit in Berlin Hohenschönhausen.
Quelle: ZDF/Tina Dauster

Sicher war nur die Ungewissheit, wie es weiter geht. Das nächste Verhör? Weitere Schikanen? Drei Monate lang musste Mehlstäubl das 1987 durchmachen. Das hieß absolute Isolation. "Andere Häftlinge sah man nicht", erzählt er mir, "die Wärter sprachen nicht mit einem". Nur der, der einen verhört hat, war "Gesprächspartner". Danach folgten vier Monate in anderen Gefängnissen. Sein Verbrechen: Er wollte frei sein. Einmal reisen, Palmen sehen. Doch der gelernte Matrose galt als "politisch unzuverlässig" und bekam Berufsverbot. Man unterstellte ihm zu Unrecht "Westkontakte". 1987 wollte er in den Westen fliehen und wurde geschnappt und in den "Stasiknast" Hohenschönhausen gebracht.

Heute hält sich der 54-Jährige freiwillig und regelmäßig in dem ehemaligen Gefängnis auf. Er führt seit neun Jahren Gruppen durch die Gedenkstätte, weil er über DDR-Verbrechen aufklären will. Wie viele andere Häftlinge hat ihn die Haftzeit traumatisiert. Er reagiert immer noch empfindlich auf grelles Licht und Geräusche. Vieles hat er verdrängt. "Ich konnte hier nur überleben, erzählt er, weil sich mein 'ich' nach einer Woche Haft abgespalten hat." Viele Millionen DDR-Bürger seien "ganz sauber durchgerutscht durch diese Zeit mit einer riesigen Portion Glück", sagt er Besuchern. "Aber es gab tatsächlich auch noch was Anderes und das findet gesellschaftlich überhaupt gar nicht statt, und das ist eigentlich ziemlich schräg."

Verraten vom eigenen Vater

Die Zahlen sind in der Tat erschreckend: Die Bundeszentrale für politische Bildung geht davon aus, dass zwischen 1945 und 1990 in der DDR rund 200.000 Menschen aus politischen Gründen inhaftiert wurden. Dazu viele Mauertote und Selbstmorde. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) beschäftigte von 1950 bis 1989 rund 180.000 hauptamtliche Mitarbeiter und ein Heer von "Inoffiziellen Mitarbeitern" (IM), die Freunde, Kollegen und Familienmitglieder bespitzelten.

Der Spitzel, der Andreas Mehlstäubl an die Stasi verriet, war sein Vater. Ich bin überrascht, wie offen er mir davon erzählt. Was er sagt, ist erschütternd. Nach dem Ende der DDR las er in seiner Stasi-Akte, dass sein Vater ihn seit seinem 16. Lebensjahr bespitzelt und viele persönliche Details weitergegeben hat. Er sollte der Stasi einen Grund liefern, um seinen Sohn verhaften zu können. Das Motiv seines Vaters kann Mehlstäubl sich bis heute nicht erklären. Besonders mitgenommen hat ihn die Art der Protokolle. "Also wenn man sich die Berichte durchliest, da wird einem eigentlich schlecht. Man könnte denken, er schreibt über irgendjemand anders, nicht über seinen Sohn." Klar ist für ihn, dass sein Vater zu den Tätern gehörte.

Frösteln in fensterlosen Gängen

Wie es den Opfern erging, ahne ich, als ich durch die fensterlosen Gänge in Hohenschönhausen gehe, vorbei an schweren Stahltüren. Mich fröstelt. Hier wurden Häftlinge gedemütigt, ihr Wille gebrochen und Geständnisse erzwungen. Manchmal sahen sie Tage lang kein Tageslicht. Mein Eindruck von Andreas Mehlstäubl: Die alten Wunden sind zumindest nicht klaffend offen. Ein tiefer Schmerz aber ist ihm anzumerken. Und Wut. Wut darüber, dass viele Täter nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Und dass unzählige Opfer weder eine Entschädigung noch eine öffentliche Würdigung bekommen haben. "Die Täter sind die Gewinner, definitiv", sagt Andreas Mehlstäubl. Nach der Wende habe die "Vergesslichkeit" begonnen, heute beobachtet er bei vielen Besuchern schlicht Ahnungslosigkeit, "für mache ist das hier wie Science Fiction". Gegen die Verklärung, gegen das Vergessen und das Unwissen will er weiter ankämpfen.

Über die Aufarbeitung der DDR-Geschichte spricht Dunja Hayali am Mittwoch, 6. November 2019, um 22.55 Uhr u.a. mit dem Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, Roland Jahn.

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