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Dunja Hayali in Chemnitz - Zwischen den Fronten

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Dunja Hayali bewegte sich in Chemnitz zwischen den Fronten. Sie schildert den Hass und die Wut, die sie selbst erlebte. Und warum sie trotzdem an Verständigung glaubt.

Dunja Hayali in Chemnitz
Dunja Hayali in Chemnitz Quelle: ZDF

Ich habe mit Pegida-Leuten in Erfurt gesprochen, habe mich unter Gegner eines Flüchtlingsheims in Berlin gemischt. Immer wieder bin ich an die Orte gegangen, wo der vermeintliche Volkszorn hochkochte und sogenannte Wutbürger ihren Unmut äußerten. Und doch: Was ich am Wochenende in Chemnitz erlebt habe, war nochmal anders. Dort lag ein Hass auf das ganze "System" in der Luft, den ich so noch nicht kannte. Aber der Reihe nach.

Ärger über "die da oben"

Dunja Hayali sitzt auf dem Sofa in der Sendungskulisse
Mehr von den Erlebnissen der ZDF-Journalistin in Chemnitz sehen Sie in der Sendung "dunja hayali", heute um 22.45 Uhr im ZDF. Quelle: ZDF/Svea Pietschmann

Als ich am Samstag nach Chemnitz fahre, blickt die ganze Republik schon seit Tagen entsetzt nach Sachsen. Seit Daniel H. am 26. August getötet wurde, mutmaßlich von zwei Migranten, ist Chemnitz Brennpunkt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Auf den nun folgenden Demonstrationen entlädt sich vieles, was die Republik seit drei Jahren in Atem hält: der Streit um Flüchtlinge und Migration und der Ärger über "die da oben".

Ich will heute alle Seiten erleben: den sogenannten "Trauermarsch" von Pro Chemnitz, AfD und Pegida und die Gegendemonstranten, die Vertreter der Vielfalt und die Wütenden. Aber ich beginne an dem Ort, an dem es losging: am Tatort. Hier wird getrauert. Hunderte Blumen und Kerzen zeugen davon. Die Stimmung: andachtsvoll, nachdenklich. Ein älteres Ehepaar äußert seine Sorgen: Wer sich kritisch über die Regierung äußere, gelte schnell als rechts. Ist das so? Auf jeden Fall merke ich, dass die Menschen ernstgenommen werden wollen.

Hasserfüllte Blicke

Meine nächste Station: der Buchhändler Klaus Kowalke. Er will nicht, dass seine Stadt international als Hochburg Rechtsradikaler wahrgenommen wird. Er steht für das "bunte" Chemnitz und nimmt mich mit auf die Demonstration "Es reicht! Herz statt Hetze". Die Stimmung ist freundlich und aufgeräumt. Einige skandieren: "Refugees are welcome here!" Hier lebt sie noch, die Willkommenskultur. Ich denke an den Sommer 2015. Wie lange ist das her!

Nur ein paar hundert Meter weiter bin ich wie in einer anderen Welt. Eine bedrückende Stimmung. Viele erkennen mich, einige werfen mir hasserfüllte Blicke zu. "Lügenpresse", "Du gehörst nicht hierher!" und andere Beleidigungen, die ich schon oft gehört habe. Kalt lassen sie mich trotzdem nicht. Wie groß muss der Hass sein, wenn man jeden Anstand und Respekt verliert?

Ich sprach an diesem Tag mit vielen Anhängern von "Pro Chemnitz" und der AfD. Das war anstrengend, schon wegen des Tonfalls. Klar, als ZDF-Reporterin stehe ich bei den Leuten für alles, was sie an Medien kritisieren. Vermeintlich einseitige Berichterstattung und Parteinahme für linke Politik. Ich versuche es wie immer mit Sachlichkeit. Und doch bleibt es mühsam. Es ist nicht leicht, gegen die "Wir sind das Volk"- und "Weg mit den Staatsmedien"-Rufe anzukommen.

Viele Sorgen sind berechtigt

Ein bestimmter Teil der Demonstranten ist an einem Gespräch nicht interessiert. Der Rechtsextremismus-Experte Michael Nattke kann mir genau sagen, wer sich an dem Protestzug beteiligt: Die rechtsradikale "Ein Prozent"-Initiative, Vertreter der "Identitären Bewegung", bekannte Neonazis. Ein Dialog ist mit diesen Gruppen wohl aussichtslos. Und ehrlich gesagt: Auch mir vergeht die Lust auf ein Gespräch, wenn ich höre: "Sie gehören gar nicht nach Deutschland!"

Was aber auffällt: Sobald ich etwas länger mit manchen Demonstranten rede, geht es immer weniger um Ausländer. Auch nicht um die Tötung von Daniel H. Ja, sie erleben durch Migranten eine Veränderung ihres Alltags und fühlen sich bedroht. Aber sie beschweren sich eben auch über die mangelnde Ausstattung von Schulen, den Lehrermangel, geringe Renten und fehlende Arbeitsplätze. Sie finden sich in den Medien mit ihren Themen zu wenig wieder und fühlen sich missverstanden.

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