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Antisemitismus in Deutschland - Gegen das Vergessen

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80 Jahre nach den Pogromen gegen Juden am 9. November 1938 ist Antisemitismus auch in Deutschland immer noch ein Thema. Beleidigungen, Drohungen und Übergriffe häufen sich.

dunja hayali: Der alte Hass - wie antisemitisch ist Deutschland?
Gemeinsam gegen Antisemitismus: Holocaust-Überlebender Natan Grossmann (l.) und Jens-Jürgen Ventzki, Sohn eines NS-Täters.
Quelle: ZDF/Jens Köppelmann

Auch deshalb ist es wichtig, mit denjenigen zu sprechen, die damals dabei waren - solange sie noch leben. Ich habe Natan Grossmann getroffen, der in Lodz (Litzmannstadt) seine Familie verlor und Auschwitz überlebte. Und einen Mann, der in derselben Stadt aufwuchs - aber auf der anderen Seite: Jens-Jürgen Ventzki. Sein Vater organisierte als Oberbürgermeister die Verfolgung und systematische Vernichtung der Juden mit.

Für mich ist die Begegnung mit Natan Grossmann etwas Besonderes. Ich war mehrfach in Israel, habe mich mit dem "Dritten Reich" und Antisemitismus ausführlich beschäftigt. Aber ich habe noch nie einen Überlebenden des Holocaust persönlich getroffen. Natan Grossmann war im Judenghetto in Lodz, er wäre beinahe im Konzentrationslager Auschwitz verhungert und kämpfte im ersten israelisch-arabischen Krieg. Seit fast 60 Jahren lebt er in München, dort treffe ich ihn.

Dunja Hayali hat sich mit dem Holocaust-Überlebenden Natan Grossmann getroffen - 80 Jahre nach den Novemberpogromen. Grossmann erzählt von damals und der aktuellen Situation.

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Fast distanziertes Erzählen von der Verfolgung

Wir sind im Jüdischen Museum verabredet. Eine Ausstellung dokumentiert die Gräueltaten des "Dritten Reichs". Mir fällt auf, dass Natan Grossmann ganz sachlich über die Judenverfolgung redet, fast distanziert. Vielleicht lässt sich nur so mit den Erinnerungen an diese Zeit leben. Als er ein Kind war, verhungerte seine Mutter, sie starb in seinen Armen. Sie überließ ihm das Wenige, das sie zum Essen hatten. "Ich habe nur vom Essen geträumt", erzählt er. Sein Bruder wird vergast, sein Vater wird zu Tode gefoltert.

Durch sein handwerkliches Geschick kann sich der 15-jährige Natan retten: Er arbeitet in einer Schmiedewerkstatt und bekommt dafür eine Suppe extra. Bis zu 220.000 Juden sind damals im Ghetto von Lodz gefangen, das Kriegsende erleben höchstens 10.000 von ihnen. Auch Natan Grossmann überlebt. Sechs Millionen Juden und andere Verfolgte, wie Kommunisten, Sinti und Roma oder Homosexuelle, nicht.

Grossmann geht nach Befreiung nach Israel

Das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte - Natan Grossmann ist einer von wenigen noch lebenden Zeitzeugen. Er ist heute 90 oder 91 Jahre alt - genau weiß er es nicht, weil sein Vater ihn möglicherweise älter machte, um seine Überlebenschancen zu erhöhen: So war die Wahrscheinlichkeit größer, Arbeit zu bekommen und nicht deportiert zu werden.

Menschen wie er halten die Erinnerung an die Schrecken der Nazizeit wach. Erinnerungen an das Unvorstellbare: die industrielle Vernichtung von Millionen von Menschen. Durch sie wird weitererzählt, was der Holocaust für die Menschen heute noch bedeutet. Zu seiner Befreiung 1945 sagt er: "Ich habe mich wie neu geboren gefühlt". Aber auch er trägt Hass in sich. Hass auf Deutschland und geht nach Israel. Er kämpft im Unabhängigkeitskrieg, dort ist er endlich angekommen. Und doch kehrt er 1959 ins Land der Täter zurück - weil er Erfrierungen hat, die in Israel nicht behandelt werden können.

Er kommt aus medizinischen Gründen und bleibt der Liebe wegen. Seine Frau nennt er "die beste Wiedergutmachung, die ich von Deutschland bekommen konnte". Aber er macht auch seinen Frieden mit dem Land, ist nicht verbittert. Inzwischen denkt er wie David Ben Gurion, der bei einem Treffen mit Konrad Adenauer sagte: "Es gibt ein anderes Deutschland." Bemerkenswert finde ich: Natan Grossmann schaut nach vorne, in die Zukunft. Er will dazu beitragen, dass etwas wie die Schoah nicht mehr geschieht. Dass heute Politiker die Nazi-Herrschaft als "Vogelschiss" in der Geschichte verharmlosen oder die Nazi-Verbrechen verleugnen, macht ihn wütend. "Jetzt kommen Stimmen, die sagen, der Holocaust habe nie stattgefunden. Denen habe ich den Krieg angesagt."

Koch und Kindermädchen statt Ghetto

Einen Mitstreiter für die Wahrheit fand Grossmann ausgerechnet in einem Mann, dessen Vater tief in die Nazi-Verbrechen verstrickt war. Jens-Jürgen Ventzki wurde 1944 in Lodz geboren. Er wuchs nicht im Ghetto auf, sondern mit Koch und Kindermädchen: Sein Vater Werner war Oberbürgermeister der Stadt.

Dass er an vorderster Front am Judenmord beteiligt war, ahnte Jens-Jürgen Ventzki schon länger. Zur Gewissheit wurde es ihm erst mit 47 Jahren, durch eine Ausstellung. Als Nationalsozialist, überzeugter Antisemit und Mitglied der Waffen-SS war Werner Ventzki mitverantwortlich für den Tod von bis zu 220.000 Juden im Ghetto von Lodz. Für seinen Sohn ist das schwer zu ertragen, sein Vater hatte ihn immer liebevoll behandelt. "Ich habe zwei Väter und mit diesen beiden Vätern muss ich irgendwie leben", erzählt er mir bei unserer Begegnung, ebenfalls in München.

Erstaunliche Gelassenheit

Ventzki zeigt mir den Saal im alten Rathaus, in dem Joseph Goebels seine Hetzrede vor der Pogromnacht am 9. November 1938 hielt. Diese Ereignisse, bei denen 400 Juden ermordet und 1.400 jüdische Einrichtungen zerstört wurden, gelten als Auftakt zur systematischen Verfolgung von Juden. Für Jens-Jürgen Ventzki ist die Geschichte - seiner Familie und seines Landes - heute Mahnung und Antrieb: "Ich spüre keine Schuld, sondern Verantwortung." Er trifft Holocaust-Überlebende und klärt junge Leute über die Geschichte auf. In einem Buch und Filmen setzte er sich mit seinem Vater auseinander.

Verantwortung. Dieser Begriff verbindet Grossmann und Ventzki. Seit vier Jahren sind sie befreundet, zusammen sind sie 2014 nach Auschwitz gefahren. Beide stellten sich so ihrer jeweiligen sehr unterschiedlichen Vergangenheit. Für beide ist dies zugleich persönlicher Handlungsauftrag für die Gegenwart. Jens-Jürgen Ventzki blickt mit Sorge auf die politische Stimmung in Deutschland und Österreich, wo er jetzt lebt. "Die sogenannten Protestwähler müssen wissen, was wirklich dahintersteckt, welche Weltanschauung", kommentiert er rechte Bewegungen. Auch Grossmann plädiert für Wachsamkeit. Und doch bin ich am Ende erstaunt über seinen Optimismus. "Ich bin nicht so skeptisch wie du. Weil die Menschen, auch die Dümmsten, wissen: Wenn es heute noch einmal Krieg gibt, dann ist es das Ende." Ich hoffe, Natan Grossmann behält recht.

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