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ZDFzoom - Die dunkle Seite der Zeitarbeit

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Die Zeitarbeit boomt. Rund 52.000 Verleihbetriebe beschäftigen über eine Million Mitarbeiter. Doch nicht immer halten sich Zeitarbeitsfirmen an die gesetzlichen Vorgaben.

Mehr als eine Million Menschen arbeiten in Deutschland als Zeitarbeiter. Nicht überall werden sie auch gut behandelt, berichten Insider dem ZDF.

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In Deutschland arbeiten als Zeitarbeiter mehr als eine Million Menschen. Gegenüber dem ZDF berichten nun Mitarbeiter eines Zeitarbeitsunternehmens aus Bayern über Missstände in ihrem Unternehmen: Danach werden Zeitarbeitern immer wieder Krankengeld und andere Leistungen vorenthalten. Auch müssten sie in dem Unternehmen Blanko-Unterschriften auf Formularen hinterlegen, damit das Unternehmen sie nach Belieben ausfüllen könnte. ZDFzoom-Recherchen zeigen: Das sind keine Einzelfälle. Auch Vertreter der Gewerkschaft IG Metall berichten über ähnliche Vorkommnisse. Eine Praxis, die nach Expertenmeinung völlig rechtswidrig ist.

Deutschlandweit gibt es nur fünf Prüfteams

Warum solche Gesetzesverstöße vorkommen können, wollte jetzt die Grünen-Bundestagsabgeordnete Beate Müller-Gemmeke in einer kleinen Anfrage von der Bundesregierung wissen. Zuständig für die Kontrolle von Zeitarbeitsfirmen ist in erster Linie die Bundesagentur für Arbeit. Deutschlandweit gebe es fünf Prüfteams mit insgesamt 85 Planstellen, erklärt die Bundesregierung in ihrer Antwort.

Nach Ansicht der Grünen-Politikerin reicht das nicht aus: "Das Verhältnis ist nicht sehr gut. Ich habe mal ausgerechnet: Auf einen Prüfer fallen 615 Verleihbetriebe und rund 12.000 Leiharbeitskräften. Das ist natürlich eine Riesenzahl, die da geprüft werden soll. Von daher wundert es nicht, dass gerade nur mal zehn Prozent der Leiharbeitsfirmen geprüft werden können."

Die Prüfungen sind nach Ansicht des Zeitarbeit-Experten Norbert Fuhrmann außerdem nicht besonders wirkungsvoll. Er hat Kenntnis davon, dass die Prüfer der Bundesagentur für Arbeit (BA) bei einer Kontrolle nur Akten aus dem jeweils zurückliegenden Jahr kontrollieren: "Was davor war, interessiert die Prüfer letztendlich nicht", sagt er und nennt noch einen weiteren Punkt: "Es hängt natürlich ein bisschen von der Größe des Zeitarbeitsunternehmens ab. Aber in der Regel werden nie mehr als 20 Akten geprüft, auch wenn das Unternehmen 1.000 Beschäftigte hat."

Verband: Niedrige Eingangshürde, um Zeitarbeitsfirma zu gründen

Entsprechend gering ist auch die Anzahl der aufgedeckten Verstöße. Nach Informationen der Bundesregierung wurden im vergangenen Jahr 1.730 Verstöße von den Kontrolleuren der Bundesagentur für Arbeit festgestellt. 2015 waren es noch über 2.100 Verstöße, die geahndet wurden.

Der Interessenverband der Zeitarbeitsbranche stellt zu den Vorwürfen auf Nachfrage fest: Die meisten Zeitarbeitsunternehmen in Deutschland arbeiteten sauber. Aber leider gebe es auch einige schwarze Schafe in der Branche. Manuela Schwarz ist selbst Chefin eines Zeitarbeitsunternehmens und arbeitet im Bundesvorstand des Branchenverbandes IGZ - sie fordert: "Wenn Sie mich nach meiner ganz persönlichen Meinung fragen, dann würde ich mir wünschen, dass die Eingangshürde, um überhaupt erst einmal eine Zeitarbeitsfirma gründen zu können, hochgesetzt wird." Jeder Friseur müsse einen Meisterbrief vorweisen, um sich selbstständig zu machen. Um eine Zeitarbeitsfirma zu gründen, müsse man jedoch noch nicht einmal Branchen- oder Fachkenntnisse haben, so Schwarz. "Da reicht es, ein Formular auszufüllen."

In der Branche tummeln sich schwarze Schafe

Dass in Deutschland quasi jeder ein Zeitarbeitsunternehmen gründen dürfe, kritisiert auch die Grünen-Politikerin Beate Müller-Gemmeke. In einigen europäischen Nachbarländern gelten andere Regeln, so etwa in Österreich: Dort muss man eine grundsätzliche Eignung haben, sagt Erich Pichorner, Bundesvorsitzender der Personaldienstleister der Wirtschaftskammer Österreich.

Erforderlich sei eine abgeschlossene Ausbildung verbunden mit beruflicher Erfahrung im Personalbereich und der Unternehmensführung. "Zusätzlich gibt es eine Befähigungsprüfung. Das heißt, man muss einen Kurs an einem Ausbildungsinstitut machen und muss danach eine Prüfung ablegen. Und auf Basis dessen kann man dann eine Gewerbeberechtigung bekommen", erklärt Pichorner.

In Deutschland hält man eine solche Eignungsprüfung hingegen nicht für erforderlich. Auf Nachfrage erklärt das zuständige Bundesministerium für Arbeit und Soziales: "Derzeit plant die Bundesregierung nicht, besondere Zulassungsvoraussetzungen für die Gründung eines Zeitarbeitsunternehmens gesetzlich festzulegen."  Unseriös arbeitende Zeitarbeitsfirmen haben also weiter leichtes Spiel.

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