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Neue Tricksereien bei VW? Nein, aber ...

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Nach Durchsuchungen in Wolfsburg - Neue Tricksereien bei VW? Nein, aber ...

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Wieder Durchsuchungen bei VW. Und wieder Verdächtigungen, dass der Autobauer auch bei neueren Motoren getrickst haben könnte. Der Konzern versichert das Gegenteil.

Archiv: VW-Firmenzentrale in Wolfsburg
Die Staatsanwaltschaft durchsuchte Büros bei Volkswagen. Es soll um den Dieselmotor EA 288 gehen.
Quelle: Reuters

Das Geschäft mit Autos boomt. Nicht unbedingt das Geschäft mit Neuwagen, aber das Geschäft von Anwaltskanzleien, die an den Folgen des Dieselskandals verdienen wollen. Gerichte behandeln in Sammel- oder Musterklagen die Forderungen von Aktionären und VW-Kunden - und auch Mercedes kämpft inzwischen mit Ansprüchen von Kunden, die sich betrogen fühlen. Kanzleien, die ein paar hundert oder sogar ein paar hunderttausend Autokäufer gleichzeitig vertreten, können bei Erfolg guten Reibach machen.

Entsprechend groß ist das Interesse, den Dingen einen "spin" zu geben. Vertrauliche Information oder Papiere werden an Journalisten durchgestochen. So verteilten interessierte Kreise im Frühjahr Unterlagen aus dem Volkswagen-Konzern, die angeblich beweisen sollten, dass neben dem Diesel-Skandalmotor EA 189 auch das Nachfolgeaggregat EA 288 von Manipulationen betroffen sei. Wäre es wahr, würde es für Volkswagen ein Desaster bedeuten. Der EA 288 mit Euronorm 6 sollte der saubere Weg heraus aus dem Dieselsumpf sein. Quer durch den Konzern wurde er von Audi bis Volkswagen in viele aktuelle Modelle eingebaut, seit 2016 auch mit dem Versprechen neuer Ehrlichkeit.

Kraftfahrtbundesamt: Keine Beweise für neue Tricksereien

So verlockend es für alle investigativen Journalisten mit Zugang zu mehr oder weniger geheimen Unterlagen auch klang, den Sünder Volkswagen noch einmal an die Wand zu nageln und ihn weiterer Lügen zu überführen: Bei genauer Prüfung der Papiere fand sich kein "rauchender Colt" beim EA 288, kein hinreichender Beweis für eine unerlaubte Abschalteinrichtung in der Steuerungssoftware des Motors. Die meisten Medien, die bei der Aufdeckung des Dieselbetruges vorne dabei waren, hielten sich zurück.

Der Motor hat keine unzulässige Abschaltvorrichtung. Gottseidank ist nichts dran an der Geschichte.
Herbert Diess, Volkswagen-Chef

Eine Story des Südwestrundfunks entpuppte sich im September als Eintagsfliege, als in Reaktion darauf das Kraftfahrtbundesamt und auch das Bundesverkehrsministerium noch einmal bestätigten, dass es trotz gezielter Tests keinerlei Hinweise auf eine unzulässige Abschalteinrichtung gäbe. Der Volkswagen-Untersuchungsbericht der Bundesregierung war im April zu demselben Ergebnis gekommen. Volkswagen-Chef Herbert Diess im Herbst in der ZDF-Sendung Maybrit Illner: "Der Motor hat keine unzulässige Abschaltvorrichtung. Gottseidank ist nichts dran an der Geschichte."

Warum die neuerlichen Durchsuchungen?

Oder etwa doch? Volkswagen wird noch lange damit leben müssen, dass man allen Aussagen immer wieder zweifelnd begegnet. Die Durchsuchungen der Staatsanwaltschaft bei Volkswagen vor zwei Tagen gründeten sich auf Verdachtsmomente beim E 288. Zwar wird hier wohl gegen einzelne Personen ermittelt und nicht gegen den Konzern, aber trotzdem fragt man sich, was die Staatsanwälte antreibt?

Vordergründig war es der Konzern selbst, der das Kraftfahrtbundesamt (KBA) darauf hingewiesen hatte, dass es in vereinzelten Fällen ein Softwareproblem bei der Fehlererkennung im SCR-Katalysatorsystem geben kann. EA 288, ja - aber kein Bezug zu irgendeiner illegalen Abschalteinrichtung. Bei Volkswagen wundert man sich seit Dienstag, warum es die öffentlichkeitswirksame Durchsuchung gab, denn "die Ermittler hätten sich doch auch einen Stick mit den entsprechenden Daten beim KBA abholen können". Oder traut die Staatsanwaltschaft Braunschweig der Bundesbehörde nicht?

Mögliche Fehlfunktion einer Warnlampe für Abgassystem

Exklusiv zitiert das Handelsblatt Ermittlungsakten, in denen vernommene Zeugen offensichtlich Hinweise geben, der Datensatz auf dem EA 288 könnte doch problematisch gewesen sein. Dann hätten sich Bundesverkehrsministerium und das KBA getäuscht und diverse externe Prüfer hätten das Entscheidende übersehen. Ohne es noch komplexer zu machen als es ohnehin schon ist: Erst einmal hat der Sachverhalt, um den es bei der Durchsuchung gegangen sein soll, nach Volkswagen-Aussage nichts mit bewusster Manipulation zu dreckigerem Abgasausstoß im Straßenbetrieb zu tun. Es geht um das ordnungsgemäße Funktionieren einer Warnlampe im Auto, falls der SCR-Katalysator ausfällt, der Stickoxide auffängt.

Das Diagnosesystem des Fahrzeugs (OBD) und die Warnlampe müssten aber auch melden, wenn der Zufluss des Reinigungszusatzes AdBlue sich vermindert oder unterbrochen ist. Tun sie dies nicht, könnte so ein Diesel dreckiger als erlaubt durch die Gegend fahren, ohne dass die Fahrer das bemerken. Eine sechsstellige Zahl Porsche, Audi und VW mit höherem Hubraum wurde wegen eines solchen Softwaretricks zuletzt vom Kraftfahrtbundesamt zurückgerufen. Beim EA 288 gab es bisher keinen entsprechenden Alarm. Und wenn doch, in der Zukunft, könnte man es dann Abschalteinrichtung nennen?

Fahrzykluserkennung in EA 288 eingebaut

Mehrere Gerichte, die Kundenklagen bearbeiten, beschäftigen sich seit Monaten mit genau diesen Fragen - und warten auf Gutachten, die noch in Auftrag sind. Wenn auch dieser Saubermann unter den Volkswagen-Dieselmotoren sich als gut verkleideter Dreckspatz entpuppen sollte, dann winkt all den Anwälten ein noch besseres Geschäft im Rechtsstreit mit den Dieselsündern. Im Internet rufen Kanzleien dazu auf, im Fall EA 288 schon einmal vorsorglich zu klagen. Während alle weiter auf der Suche nach dem "rauchenden Colt" sind.

Es ist sicherzustellen, dass Fahrzeuge nicht vor Kunde gelangen können.
Interne VW-Papiere zu EA 288

Munition für einen Colt war seit Produktionsbeginn 2012/2013 zumindest in Form einer sogenannten Fahrzykluserkennung im EA 288 eingebaut. In den dem ZDF vorliegenden internen Volkswagen-Dokumenten heißt es im Oktober 2015 - nach Bekanntwerden des Abgasbetruges also - im Bezug auf den EA 288: "Fortsetzung der bisherigen Bedatungsstragien zulässig, wenn ... der Projektterminplan gefährdet würde. ... Es ist sicherzustellen, dass Fahrzeuge nicht vor Kunde gelangen können."

VW-Chef verbürgt sich im ZDF: Technik nicht für illegale Zwecke

Was hatte man da zu verbergen, wo man doch angeblich nichts zu befürchten hatte? Es ging um die sogenannte Fahrkurvenerkennung, die tatsächlich zur gezielten Abgassteuerung eingesetzt werden könnte. Volkswagen-Chef Herbert Diess, der dem Autobauer einen Kulturwandel verordnet hat, verbürgte sich im ZDF bei Maybrit Illner allerdings dafür, dass diese eingebaute technische Option im EA 288 nicht zu illegalem Zweck genutzt worden sei. Das habe man ihm in seinem Haus "hoch und heilig" versichert. Aber, heilig's Blechle Volkswagen, wo bitte soll man Dir noch glauben? Auch wenn man es doch möchte, um den ganzen Dieselgestank endlich hinter uns zu lassen.

Peter Kunz ist Leiter des ZDF-Landesstudios Niedersachsen.

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