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Bundesrat entscheidet - E-Scooter - ein Stressfaktor mehr?

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Rad- oder Gehweg - und was ist mit der Straße? Mit seiner Entscheidung stellt der Bundesrat die Weichen für den E-Scooter. Fest steht: Öffentlicher Raum wird neu verteilt.

E-Scoter am 06.01.2019
Könnten in Zukunft das Bild in deutschen Städten mitprägen: E-Scooter.
Quelle: dpa

Sie sind hip, ein bisschen auch ein schickes Männerspielzeug. Und bislang in Deutschland auf öffentlichen Verkehrsflächen verboten: E-Scooter - also elektrisch betriebene Tretroller - werden mit der heutigen Entscheidung des Bundesrates ihren Einzug in unseren Alltag nehmen. Wie auch immer - neben Pkw, Lkw, Fahrrädern, E-Bikes, Rollstühlen, ein paar Segways und - nennen wir die Schwächsten einfach zuletzt - Fußgängern also nun ein weiteres Fortbewegungsmittel, das seinen Platz auf unseren Straßen beansprucht. E-Scooter einfach konsequent auf der Straße? Bislang ist davon kaum die Rede. Ist die Frage am Ende zu heiß für unser Autofahrerland?

Irgendwie hat doch keiner drauf gewartet

Die Diskussion, wo E-Scooter künftig denn nun fahren sollen (und worüber nicht geredet wird), verdeutlicht den Kern der Problematik: Da kommt ein neues Fortbewegungsmittel, auf das keiner der bisherigen Verkehrsteilnehmer wirklich gewartet hat. Die Räume sind verteilt - und bekanntermaßen schon heute hart umkämpft. Autofahrer schneiden Radfahrer laut hupend auf der Straße. Radfahrer bimmeln Fußgänger zur Seite. "Weg da, du störst!" Jetzt also der nächste potentielle Störenfried. Und möglicherweise ein weiterer gehöriger Stressfaktor in unserem Verkehrsraum.

"Mit E-Scootern sind sicherlich Konfliktpotentiale vorprogrammiert", sagt Peter Zeile vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Seit 2014 untersucht der Leiter des Projekts "Urban Emotions" Stressreaktionen von Radfahrern und Fußgängern anhand ihrer Hauttemperatur. Ausgestattet mit Sensoren, GPS und 360-Grad-Videokamera, lässt sich so feststellen, wer bei welcher Verkehrssituation unter Druck gerät. Eine Erkenntnis, so Peter Zeile: "Es wird meist dann stressig, wenn verschiedene Verkehrsarten mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten aufeinander treffen."

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Unterschiedliches Tempo verursacht Stress

Der schnelle Radfahrer ist für den Fußgänger ein bedrohlicher Faktor. Der gradlinige Radfahrer hingegen gerät in Wallung, wenn ein sich eher chaotisch bewegender Fußgänger in Blickweite gerät - ebenso aber auch, wenn sich Autotüren öffnen oder Autos mit geringem Abstand überholen. "Gerade auf dem Gehweg, der ja meist ohnehin schon zu klein für die vielen unterschiedlichen Teilnehmer dimensioniert ist, wären E-Scooter sicherlich ein weiterer großer Stressfaktor", so der Raumplaner. Aber das scheint ja vom Tisch zu sein - oder doch nicht?

Straße, (wo vorhanden) Radweg und Gehweg: Irgendwie gehört der öffentliche Verkehrsraum ja uns allen. "Aber wir haben halt vielfältige Ansprüche, die untereinander konkurrieren", so Zeile. Jede Kommune habe da ihre Chance, ein Statement abzugeben. Dass es mitunter nicht damit getan ist, neue Fortbewegungsmittel wie E-Scooter einfach so hereinzulassen, zeigt aktuell das Beispiel Paris.

Paris ist genervt, Berlin in den Startlöchern

So ist man in Frankreichs Hauptstadt mittlerweile dermaßen genervt von den beliebten E-Scootern, dass mancher sie am liebsten wieder verbannen möchte. Gerade erst hat die Stadtverwaltung die Vermieter von E-Scootern dazu verdonnert, etwas gegen wild in der Gegend abgestellte Roller zu unternehmen und dafür Sorge zu tragen, dass Verfolgungsjagden auf Bürgersteigen ausbleiben. 15.000 solcher Miet-Scooter soll es derzeit geben, und 40.000 könnten es schon Ende des Jahres sein. Eine Menge also, was da an allen möglichen Ecken herumliegt oder unterwegs ist und den ohnehin schon engen öffentlichen Verkehrsraum nun zusätzlich belastet.

In Deutschland stehen Vermieter vor allem in Ballungsräumen (allen voran natürlich Berlin) bereits in den Startlöchern, und die Politik unterstützt dieses neue abgasfreie Mobilitätsangebot aktuell nach Kräften. Stichwort Verkehrswende. Aber was können E-Scooter langfristig tatsächlich bringen? "Man muss wohl genau hinschauen, welche Funktionen sie erfüllen können, die andere Fahrzeuge nicht auch schon erfüllen", sagt Philine Gaffron, Verkehrsplanerin an der Technischen Universität Hamburg. "Die Frage ist doch: Gewinnen wir eher ein Mehr an nachhaltiger Mobilität oder eher neue Konfliktebenen im Verkehr, die wir eigentlich nicht brauchen?"

Wie weit kommt der E-Scooter letztlich?

E-Scooter können, so Gaffron, möglicherweise Lücken im Mobilitätsbereich schließen, seien aber sicherlich nicht die Lösung der Verkehrsprobleme in Deutschland. "Was wir in den vergangenen Jahrzehnten an Mobilitätsänderungen geschafft haben, ist doch sehr wenig. Für wirkliche Lösungen brauchen wir mehr Weitsicht und Gestaltungswillen, auch wenn ich aktuell den Eindruck habe, dass da mittlerweile etwas in Bewegung ist."

Straßenzulassung, Rad- oder Gehweg, Versicherungslösung, Nutzeralter - all das wird jetzt wohl geklärt und auf den Weg gebracht. Wie weit der E-Scooter unseren Verkehr tatsächlich bringen wird, inwieweit er mehr als nur ein hippes Strohfeuer ist, zeigt sich in Zukunft. Ebenso wie die Klärung der Frage, ob Privatleute sich ein 15 bis 20 Kilo schweres Gefährt eingeklappt im Bus unter den Arm klemmen, um von der letzten Station bis zum Job elektrisch betrieben zu rollen. Oder ob Vermieter langfristig wirklich Geld mit Gefährten verdienen können, die im harten Tagesgeschäft den Geist aufgeben, bevor sie überhaupt den Anschaffungspreis eingespielt haben. Und natürlich wie der Rest der Verkehrsteilnehmer mit dem neuen Fortbewegungsmittel klarkommt.

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