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"Paradise Papers" - "Hier muss hart durchgegriffen werden"

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Erst "Panama Papers", jetzt "Paradise Papers": "Dieses Mal läuft das Fass nun wirklich über", sagt Steuerexperte Thomas Eigenthaler. Die Steuermoral sei in Gefahr.

"Wir brauchen mehr Bewusstsein, dass es nicht geht, dass Reiche sich die Rosinen rauspicken, während sich die Anderen für das Steuerzahlen zu interessieren haben", sagt der Vorsitzende der Deutschen Steuer-Gewerkschaft, Thomas Eigenthaler.

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ZDF: Herr Eigenthaler, die Panama Papers: Große Empörung, wenig passiert. Zu mächtige Lobbys, zu kompliziert? Warum passiert nix?

Thomas Eigenthaler: Nun, dieses System internationaler Steuertricks ist ja nicht neu. Wir kennen das im Grunde seit Jahrzehnten und ich bin diesem Journalisten-Netzwerk wirklich dankbar, dass man das immer wieder an die Öffentlichkeit zieht, weil wir Finanzbeamte können das ja nicht tun. Wir haben das Steuergeheimnis und können diese Dinge nicht anprangern. Aber ich habe das Gefühl: Dieses Mal läuft das Fass nun wirklich über. Viele einfache Leute sagen mir: Bei uns wird jeder Cent abgezogen, und dann müssen wir diese Tricks sehen und keiner kümmert sich richtig drum.

ZDF: Nun sprechen Sie da gerade was an, was viele auch umtreibt. Wenn man sich die Zahlen anschaut: Schätzungen zufolge entgehen dem Staat jährlich Milliarden durch illegale alltägliche Steuerhinterziehung, die eben nicht die Reichen begehen, sondern der sogenannte kleine Mann: die schwarz beschäftigte Putzfrau; die Geburtstagsfeier, die als Geschäftsessen deklariert wird. Wie groß schätzen Sie diesen Schaden ein?

Eigenthaler: Nach unseren Schätzungen müssen wir von Ausfällen bei den Steuern durch Kriminalität, durch Steuerkriminalität, von 50 bis 60 Milliarden pro Jahr ausgehen. Und darauf kommt noch das, was man als Steuerflucht bezeichnet. Was zwar auf dem Papier noch legal ist, was aber völlig unmoralisch ist und wo eben die Staaten gegeneinander arbeiten, um sich irgendwie nur ein Stück des Steuerkuchens zu sichern.

ZDF: Ist das Bild, was viele dann im Kopf haben, richtig? Dass man sagt, wenn ich die Putzfrau schwarz beschäftige, dann werde ich sofort bestraft, aber wenn die Großen in großem Stil Steuern hinterziehen, dann kommen sie davon. Ist dieses Gefühl irgendwie zu belegen?

Eigenthaler: Also viele Leute haben dieses Gefühl. Jeder Finanzbeamte weiß, dass ihm Steuerzahler das sagen: Bei mir prüft ihr und bei den Anderen, da passiert nichts. Und das ist ja das Gefährliche, dass die Steuermoral erodiert, dass sie zerstört wird. Und noch schlimmer: Die Leute wenden sich von der Demokratie und dem Rechtsstaat ab, weil sie sagen, hier geht es nicht gerecht zu, dieser Staat kümmert sich nicht richtig.

ZDF: Brauchen wir also am Ende mehr Gesetze oder brauchen wir mehr Moral?

Eigenthaler: Ich glaube, wir brauchen mehr Bewusstsein, dass es nicht geht, dass Reiche sich die Rosinen rauspicken während sich die anderen für das Steuerzahlen zu interessieren haben. Das geht nicht. Die Stützen der Gesellschaft tragen Verantwortung und dürfen sich nicht durch Gier und durch eine gewisse Verachtung des Staates auszeichnen. Hier muss nun endlich hart durchgegriffen werden.

Das Interview führte Christina von Ungern-Sternberg im ZDF-Mittagsmagazin.

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