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Ein Jahr Air-Berlin-Pleite - Frust, Umschulung und weniger Geld

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Vor genau einem Jahr meldete die Fluggesellschaft Air Berlin Insolvenz an. Für viele Mitarbeiter ein Schock, die anschließende Jobsuche durchaus schwierig. Wie geht es ihnen heute?

Ex-Air-Berlin-Mitarbeiter nach der Landung der letzten Maschine.
Ex-Air-Berlin-Mitarbeiter nach der Landung der letzten Maschine.
Quelle: Gregor Fischer/dpa

Ein Jahr nach der Pleite haben angeblich 85 Prozent der ehemaligen Mitarbeiter einen neuen Job gefunden. Bestätigt wird diese Zahl offiziell nicht. Ehemalige Air-Berlin-Beschäftigte berichten aber von zum Teil schwierigen Bedingungen, wieder eine Stelle zu finden. "Etwa 60 Prozent derjenigen, die sich bei uns gemeldet haben, haben inzwischen eine Beschäftigung gefunden oder die Aussicht auf eine Anstellung", sagt ein Sprecher der Arbeitsagentur in Berlin.

Auch in Nordrhein-Westfalen sind bei der Arbeitsagentur nur noch 375 ehemalige Air-Berliner arbeitslos, weitere 130 als arbeitssuchend gemeldet, das wären also zusammen knapp 19 Prozent der 2.750 Mitarbeiter, die dort von der Insolvenz betroffen waren. Unwahrscheinlich sei es deshalb zumindest nicht, dass auch bundesweit tatsächlich 80 bis 85 Prozent der Air-Berliner untergekommen sind.

Tests wie Berufsanfänger

Neue Jobs dürften inzwischen also viele der einst 8.000 Air-Berlin-Beschäftigten in Verwaltung, Technik oder Kabine haben. Die Piloten wurden von Air Berlin nicht an neue Gesellschaften vermittelt, ihnen wurde gekündigt und sie mussten sich neu bewerben, erzählt ein früherer Air-Berlin-Pilot, der seinen Namen nicht nennen möchte. Und das habe auch bedeutet, wie ein Berufsanfänger alle Tests noch einmal durchlaufen zu müssen.

Nur Eurowings, habe das Auswahlverfahren vereinfacht und die Erfahrungen als Pilot anerkannt. "Da war nur ein Interview nötig, wenn das gut verlief, wurde man eingestellt", erzählt der Pilot - wenn auch mit Gehaltseinbußen. Er selbst arbeitet inzwischen auch bei der Billigflugtochter der Lufthansa mit Basis in Düsseldorf. "Die Kollegen dort haben mich willkommen geheißen, es hat von deren Seite keinen Druck gegeben", sagt er. Allerdings müsse man eben wieder eine Probezeit absolvieren und stehe deshalb unter Leistungsdruck.

Weniger Gehalt

Eine Umschulung mussten aber alle neu eingestellten Flugzeugführer durchlaufen - von unterschiedlicher Dauer, bei dem britischen Billigflieger Easyjet sei die deutlich länger angesetzt. Und auch beim Gehalt gibt es große Unterschiede: Während Easyjet gut bezahle, verdienten die Piloten bei Eurowings bis zu 40 Prozent weniger als bei Air Berlin. Einige der früheren Air-Berliner haben auch bei Fluggesellschaften im Mittleren und Fernen Osten angeheuert, die ebenfalls höhere Gehälter bieten, einige seien aber auch zu Ryanair gewechselt – zu vermutlich schlechteren Konditionen.

Alle Fluggesellschaften aber haben sich aus dem Pool der als gut ausgebildet geltenden Air Berliner die Besten ausgesucht - oder vielmehr die aus Sicht der Airlines Besten. Denn Flugkapitäne mit hohem Dienstalter hätten kaum Chancen – "zu teuer", meint der Pilot trocken. In den letzten Monaten wurden vor allem noch Kopiloten gesucht. Kollegen in Elternzeit oder Teilzeit seien nicht eingestellt worden, wer in den Monaten vor der Insolvenz für längere Zeit krankgeschrieben war, ebenfalls nicht. "Für die war kein Platz im Bewerbungsverfahren."

Flugbegleiter frustriert und empört

Auch die Flugbegleiter haben zum größten Teil neue Jobs gefunden. Allerdings seien viele ehemalige Kollegen sehr frustriert und empört über die Art des Umgangs mit ihnen, meint eine frühere Air-Berlin Stewardess, die inzwischen bei der Thomas-Cook-Tochter Condor untergekommen ist und sich dort wohl fühlt.

So hatte Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann ihnen am 15. August, dem Tag der Insolvenz, in einer Video-Botschaft Hoffnung  gemacht: "Ich bin sehr optimistisch, dass wir neue Partner finden werden und die Arbeitsplätze in unserer Kabine und in unserem Cockpit gesichert sind." "Stattdessen wurden viele von uns zum 1. November 'widerruflich freigestellt'" empört sich die Flugbegleiterin.

Die widerruflich freigestellten Mitarbeiter wurden aufgefordert, sich arbeitslos zu melden. Dabei aber hätte der Arbeitgeber die Pflicht, ihnen Gehalt und Sozialversicherungen zu bezahlen. Ob aber genügend Geld aus der Insolvenzmasse übrig bleibt, um die Ansprüche der Mitarbeiter zu befriedigen, das entscheidet sich erst nach Ende des Insolvenzverfahrens. Öffentlich machen sollten die Air-Berlin-Beschäftigten die internen Vorgänge aber auch nicht. Nicht alle sind in der Branche geblieben, andere seien wegen ihrer Erfahrungen nicht mehr in der Lage gewesen, weiter zu arbeiten, hört man von den früheren Mitarbeitern.

Chef geht vorzeitig

Beklagen darf sich zumindest ein ehemaliger Mitarbeiter der Air Berlin nicht: Deren Ex-Vorstandschef Thomas Winkelmann. Er hatte noch einen Vertrag als Geschäftsführer bis 2021, nun geht er doch vorzeitig zum Jahresende und verzichtet auf einen Teil seiner Gehaltsansprüche von bis zu 4,5 Millionen Euro, die über eine Bankgarantie abgesichert waren. "Ich kann mich nun ab 2019 neuen beruflichen Aufgaben widmen", ließ Winkelmann nach der Vereinbarung mit Insolvenzverwalter Lucas Flöther wissen.

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