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Ein Jahr Friedensabkommen - Der Exodus der FARC-Rebellen

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Ein Jahr nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages in Kolumbien verlassen immer mehr Guerilleros die Reintegrationslager. Statt Aufbruchsstimmung herrscht oft Frust.

Ehemalige Kämpfer der FARC auf dem Weg zu einer Wiedereingliederungsmaßnahme in Valle del Cauca (Kolumbien)
Ehemalige FARC-Kämpfer auf dem Weg zu einer Wiedereingliederungsmaßnahme in Valle del Cauca. Quelle: epa

Für Kolumbiens Präsidenten Juan Manuel Santos kommt die Kritik zur Unzeit. Ausgerechnet vor dem Jahrestag zur Unterzeichnung des Friedensvertrages zwischen der linksgerichteten Guerilla-Organisation FARC und der Regierung des südamerikanischen Landes legt der französische Chef der UN-Mission, Jean Arnault, den Finger in die Wunde. Laut Einschätzung der Vereinten Nationen könnten etwa die Hälfte der in den 26 sogenannten Wiedereingliederungslagern zusammengefassten Rebellen die Einrichtungen wieder verlassen haben.

"Ein hoher Prozentsatz der ehemaligen Mitglieder der FARC sind jetzt nicht mehr in den territorialen Räumen der Wiedereingliederung", sagte Arnault in dieser Woche in Bogota. Der Grund sei unter anderem eine fehlende sozioökonomische Perspektive. Stimmen diese Angaben, dann würde das bedeuten, dass etwa bis zu 4.000 ehemalige Guerilla-Kämpfer den Übergangslagern den Rücken gekehrt haben.

Ernüchterung bei den Ex-Guerilleros

FARC- Anhänger, aufgenommen am 01.09.2017 in Bogota (Kolumbien)
FARC-Kongress zur Gründung der gleichnamigen Partei am 1.9.2017 in Bogota Quelle: reuters

Ein Jahr nach Unterzeichnung des Friedensvertrages ist Ernüchterung eingekehrt bei Kolumbiens ehemaligen Guerilleros. Im Rahmen des Friedensprozesses haben sie vor ein paar Monaten die Waffen abgegeben und öffentlich erklärt, stattdessen nur noch mit Argumenten für ein anderes, ein sozialistisches Kolumbien zu kämpfen. Auch eine Partei mit dem gleichen Namenskürzel wurde gegründet. Sie soll die politische Teilhabe der FARC sicherstellen.

Am Freitag sollen bei einem Gipfeltreffen zwischen Friedensnobelpreisträger Santos und FARC-Chef Rodrigo Londono alias Timochenko die strittigen Punkte besprochen werden. Vor allem die in Kolumbien hoch umstrittene Sonderjustizgerichtsbarkeit, die mit einer Maximalstrafe von acht Jahren den bewaffneten Konflikt aufarbeiten soll, ist ein Streitthema. Das Verfassungsgericht nahm an den zwischen den beiden Verhandlungsparteien ausgefeilten Entwurf allerdings Änderungen vor, die Timochenko so nicht akzeptieren will. Die Guerilla fühlt sich hintergangen.

In Mesetas, einem der 26 Übergangslager, räumt der lokale Kommandant Aldinever Morantes ein, dass von den rund 500 im Februar dort einquartierten Rebellen etwa die Hälfte das Lager verlassen haben. Mit unbekanntem Ziel. "Das Vertrauen in die Regierung ist zerstört", macht Morantes in dieser Woche dem Staat schwere Vorwürfe. Es fehle an Projekten und Perspektiven, seit zehn Monaten warteten die Menschen in den Lagern auf ein entsprechendes Re-Integrationsprojekt. Das sorgt für Frust und Fluchtbewegungen.

Regierung scheint überfordert

Heute vor einem Jahr, am 24. November 2016, setzten vor 750 geladenen Gästen im Teatro Colon in der Hauptstadt Bogota Santos und Timochenko zum zweiten Mal ihre Unterschrift unter den Friedensvertrag. Rund 250.000 Menschenleben hatte der jahrzehntelange Konflikt gekostet, mehr als sieben Millionen Binnenflüchtlinge wurden von ihrem Land vertrieben. Der erste Vertrag war in einem Volksreferendum durchgefallen. Wirklich geliebt wird der Friedensprozess in Kolumbien nicht, zu gespalten, zu misstrauisch beäugen sich die ehemaligen Konfliktparteien.

Wie schwer es ist, diesen Vertrag mit Leben zu erfüllen, wird fast überall deutlich. Das liegt einerseits daran, dass sich die FARC auf eigenen Wunsch in weit abgelegene Lager in allen Landesteilen zurückzog. Die dort zugesagten Infrastrukturmaßnahmen sind nur unter großem logistischen Aufwand umzusetzen. So fehlt auch nach Monaten oft Strom- und Wasserzugang, Lebensmittel werden per Lieferverträge geschickt.

Kolumbiens Regierung scheint zwar willig, aber eben auch überfordert. Das reicht nach Einschätzung der UN-Mission allerdings nicht. Jean Arnault forderte von der Santos-Regierung mehr Engagement, um die gegebenen Zusagen einzuhalten, ansonsten könnten alle bisherigen Anstrengungen vergeblich sein. Zuversichtlich klingt das nicht.

Ein Jahr Friedensabkommen: Eine Bilanz

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