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Ein Jahr nach Anschlag in Stockholm - 40 Sekunden, die ein Land verändern

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Fünf Menschen tötete Rakhmat Akilov in seiner Raserei. Mit einem Laster preschte er durch eine Fußgängerzone in Stockholm. Ein Jahr danach beschäftigt die Tat Schweden immer noch.

Nach dem Terroranschlag in Stockholm
Ermittler am Tatort des Terroranschlags in Stockholm Quelle: dpa

Wenn sich heute in Stockholm Tausende in der Stadtmitte versammeln, gedenken sie der Opfer des ersten größeren Terroranschlages auf schwedischem Boden. Auf den Tag genau ein Jahr ist es her, dass sich der 39-jährige Rakhmat Akilov ans Steuer eines geklauten Kleinlasters setzte und mit Tempo 60 durch die belebte Fußgängerzone Drottninggatan bretterte - ganz gezielt ohne Rücksicht auf Verluste. Fünf Menschen tötete er während der 40 Sekunden dauernden Raserei, die im Schaufenster eines großen Kaufhauses endete: einen Briten, eine Belgierin und drei Schweden - darunter ein elfjähriges Mädchen. Weitere 15 Passanten erlitten teils schwere Verletzungen.

Stockholm blieb an jenem Nachmittag eine noch größeren Katastrophe nur durch Zufall erspart: Akilov hatte eine Bombe gebastelt und in dem Lastwagen versteckt, doch die Kanister voller Butan-Gas, Schrauben, Messer und anderer Metallteile explodierten nicht. Akilov sprang aus dem Führerhaus des Lastwagens und verschwand in der Menge.

Verstört, aber unverletzt

Der Zündfehler hat vielleicht auch Sara Backmann das Leben gerettet. Die 29-jährige Finnin, die schon lange in Schweden lebt, stand gerade in der Umkleidekabine des Kaufhauses, als das Gebäude eiligst evakuiert wurde. Verstört, aber unverletzt lief sie damals den ganzen Weg von der Innenstadt zu Fuß nach Haus, um sie herum rasten Polizei- und Rettungswagen. Daran erinnert sie sich noch genau, auch, dass sie wie ferngesteuert an Verletzten vorbei den einstündigen Fußmarsch absolvierte. Erst kurz vor der Haustür wurde ihr so richtig klar, was sie da gerade erlebt und überlebt hatte.

Der Jahrestag mit seinen Gedenkveranstaltungen macht auch sie nachdenklich. "Ich habe keine Angst, durch Stockholm zu laufen, aber ich bin wachsamer geworden. Ich achte darauf, wann ich wohin gehe", sagt Backmann. Auf vollen Straßen fühle sie sich nicht mehr wohl und meide auch die U-Bahn zur Hauptverkehrszeit. "Ich passe noch mehr als früher darauf auf, dass Autos und Vans auch wirklich stehenbleiben, wenn ich die Straße überquere oder auf großen Plätzen unterwegs bin", erzählt sie. "Im Hinterkopf schwingt immer das Gefühl mit, dass große Menschenansammlungen potentielles Ziel für eine neue Attacke sein könnten. Ich meide solche Orte nicht, aber das flaue Gefühl begleitet mich", erzählt die Studentin.

Diffuse Angst nach dem Anschlag

Attentäter Akilov muss sich seit Februar vor Gericht verantworten. Er war damals wenige Stunden nach dem Anschlag im Norden der schwedischen Hauptstadt gefasst worden. Zur Tatzeit hätte der gebürtige Usbeke schon gar nicht mehr im Land sein sollen. Sein Asylantrag war 2016 abgelehnt worden, ein Vierteljahr vor dem Anschlag war er untergetaucht. Nachbarn beschrieben ihn als freundlichen, aber verschlossenen Mann, der sogar beim Tragen schwerer Einkäufe half. "Er war halt einer wie alle anderen auch, aber gerade das macht es für mich jetzt ziemlich unheimlich", sagte seine Nachbarin Felicia Platner kurz nach der Tat dem ZDF.

Dieser diffusen Angst, die sich in Schwedens Gesellschaft wie ein Krebsgeschwür auszubreiten drohte, wollten die Stockholmer schon kurz nach der Tat trotzen. Sie versammelten sich 48 Stunden nach Akilovs Terrorfahrt zu Tausenden in der Stadt, schworen sich auf einer großen Kundgebung, dem Terror mutig und offen die Stirn zu bieten und zusammenzuhalten.

Akilov bekennt vor Gericht Motive

Der LKW des Attentäters von Stockholm
Der Attentäter raste mit einem Lkw in die Fußgängerzone. Quelle: dpa

Diesen Schwur wollen sie heute erneuern. Denn Akilov hat mit seinem Anschlag Schweden ins Mark getroffen. Dieses so weltoffene Land, das sich Migranten und Flüchtlingen vieler Herren Länder als neue Heimat anbot, verändert sich: Die einst offenen Grenzen werden streng überwacht. Die Politik gegenüber Migranten wird rauher - allen voran die rechtspopulistischen Schwedendemokraten haben den unausgesprochenen Konsens der schwedischen Parteien, aus dem Anschlag im Herzen der Hauptstadt kein politisches Kapital zu schlagen, gekündigt.

Während Akilov vor Gericht freimütig bekannte, er habe mit seinem Anschlag eine große Anzahl Menschen töten und viel Angst und Schrecken verbreiten wollen, damit sich Schweden aus der Allianz gegen die Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" verabschiedet, tönten die Rechtspopulisten, dass eine lasche Regierungspolitik und unverantwortliche Politiker den Anschlag erst möglich gemacht hätten.

Schweden vor Parlamentswahl

Die Regierung hatte bereits wenige Monate nach dem Anschlag reagiert: Die Sicherheitsbehörden werden gestärkt, der Austausch von Informationen verbessert, die Möglichkeiten der Kameraüberwachung ausgeweitet.

Im  September wählen die Schweden ein neues Parlament. Während sich die Stockholmer heute zur Gedenkveranstaltung in der Stadtmitte versammeln, ist klar, dass im aufziehenden Wahlkampf Sicherheit und der weitere Umgang mit den Folgen der Flüchtlingskrise zentrale Themen sein werden. Die Schweden haben erkannt, dass ihr Land ein wachsendes Problem mit islamistischer Radikalisierung hat. Zu den Gefechten im Irak und Syrien sind mehrere Hundert Menschen aus Schweden gereist, um an der Seite von Terroristen zu kämpfen. Etwa die Hälfte davon ist ins Königreich zurückgekehrt. Die Sicherheitsbehörden tun sich schwer, die Gewalt in einigen Gegenden in den Griff zu bekommen.

Staatsanwaltschaft fordert lebenslange Haft

Nicht nur Stockholm ist betroffen, auch bestimmte Viertel von Malmö und Göteborg gelten als unsicher. Der Prozess gegen Akilov soll vor der heißen Phase des Wahlkampfs abgeschlossen sein. Spätestens im Juni wird das Urteil erwartet. Die Ankläger fordern lebenslange Haft und anschließende Ausweisung aus Schweden. "Mein Ziel ist, dass er sich niemals mehr frei in unserer Gesellschaft bewegen kann", sagte Staatsanwalt Hans Ihrmann.

Studentin Sara Backmann wird auch heute durch Stockholm laufen und ihre Umgebung ständig beobachten. "Das hat sich mir tief eingebrannt", sagt sie. Trotz allem hat sie das Gefühl, dass Stockholm eine sichere Stadt ist.

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