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Ein Jahr nach Berliner Anschlag - 20 Minuten, die Leben retten können

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20 Minuten etwa. 20 Minuten, die Leben oder Tod bedeuten. Als vor einem Jahr der Lkw in den Weihnachtsmarkt kracht, probt nebenan der Bach-Chor. 20 Minuten retten 25 Menschen.

Archiv: Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin nach dem Anschlag mit einem LKW am 20.12.2016
Archiv: Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin nach dem Anschlag mit einem LKW am 19.12.2016 Quelle: dpa

Eigentlich sollte Pause gegen 20 Uhr sein, aber das Programm für die Christvesper fünf Tage später sitzt nicht richtig. Chorleiter Achim Zimmermann lässt seine Sänger Passagen noch einmal üben. 20.20 Uhr dann: Pause. Weil jemand Geburtstag hatte, gibt es Sekt auf der Empore der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Niemand geht wie sonst zum schnellen Glühwein nebenan auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz, wo die Buden gleich neben dem Kirchenportal stehen. Nur Achim Zimmermann geht vor die Tür, Raucherpause. Da kommt ihm die Polizei schon entgegen. "Alle raus aus der Kirche, sofort!" Niemand weiß, was passiert ist. Dass es etwas Schlimmes ist, ahnen alle.

Drinnen Besinnlichkeit, draußen Chaos

Bach-Chor
Der Bach-Chor an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche Berlin. Quelle: Bach-Chor

Gut 20 Minuten vorher hat der Attentäter Anis Amri nur wenige Meter neben der Kirche einen Lkw in die Buden des Weihnachtsmarktes gesteuert. Zwölf Menschen sterben, Dutzende Menschen werden verletzt, einige von ihnen sehr schwer. "Nicht auszudenken", sagt Chorleiter Achim Zimmermann, wenn an diesem Abend alles wie geplant abgelaufen wäre. 20 Uhr Pause, Pause auf dem Weihnachtsmarkt. "Ich mag gar nicht daran denken", sagt er und winkt ab. "Alles nicht zu fassen." Bis heute.

Drinnen Besinnlichkeit mit "Es ist ein Ros entsprungen" und "Ich steh an deiner Krippen hier", draußen das größte Chaos. Viel bekommen sie davon nicht mit, sie sehen die Feuerwehr, die Polizeiautos, und dass ungewöhnlich wenig Autos unterwegs sind. Die Sänger werden noch vor 21 Uhr von der Polizei auf die andere Straßenseite, weg vom Tatort, eskortiert, alle eilen nach Hause. Erst dort oder durch Anrufe und Nachrichten auf dem Handy hören die meisten, was passiert ist.

Dorothea Wagner informiert daheim gleich per Rundmail die anderen Sänger, dass alle wohlauf sind. Denn von den knapp 70 Mitgliedern des Bach-Chores proben an diesem Abend nur 25 mit. Alle, die am Heiligabend nicht verreist sind. Erst fünf Tage später kommen die Sänger wieder zusammen, zur Christvesper, und singen "Dona nobis pacem", gib uns Frieden, mit der Gemeinde im Kanon. Und sie wundern sich, dass sie bei ihrer Probe so gar nichts gehört hatten von dem Knall, als der Lkw die Buden ummähte. "Sonst", sagt Dorothea Wagner, "hört man immer, was draußen los ist, wenn die Tür auf und zugeht." An diesem Anschlagsabend ist diese fest verschlossen, nur der Chor ist noch in der Kirche. Wie auf einer Insel mitten im Chaos. "Wir waren buchstäblich in Gottes Hand da drinnen", sagt sie.

Zentrum des Gedenkens

Die Gedächtniskirche wird in den Tagen nach dem Anschlag schnell Mittelpunkt des Gedenkens. Und sie ist es bis heute geblieben. Dort, wo Menschen von Kaufhaus zu Kaufhaus hetzen, bewahrt sie die Ruhe zur Erinnerung an die Terrornacht. Kaum ein Gottesdienst, kaum eine Andacht, in der nicht für die Opfer gebetet wird, in denen nicht das Geschehene präsent ist. Die improvisierte Gedenkstätte mit Blumen, Kerzen, Fotos, Kreuzen bleibt das ganze Jahr über bestehen. Ist sie noch so zerfleddert von Regen und Wind, sie bleibt, bis neue Blumen und Kerzen aufgestellt werden. Erst das neue Mahnmal, das am Jahrestag eingeweiht wird, soll sie ersetzen.

Chorleiter Zimmermann kommt nach dem Anschlag jeden Tag vorbei. Schaut sich genau an, von wo der Lkw kam, wo er in die Buden krachte. "Einfach, um es irgendwie zu begreifen", sagt er. Vielen geht es wie ihm, sie kommen, legen Blumen nieder, halten inne. "Das war auch schön. Alle dachten das gleiche. Ein Gemeinschaftsgefühl, faszinierend für mich als Ossi."

"Es kann immer und zu jeder Zeit passieren"

Zimmermann geht gern auf den Markt am Breitscheidplatz. Immer noch. Auch wenn die Nacht des Anschlags immer dabei ist. Eingebrannt in seine Seele ist sie, sagt er. "Es kann immer und zu jeder Zeit passieren, ohne dass man etwas dagegen tun kann." Sein ganzes Leben, sagt der 59-Jährige, hat er Lieder zum Lobe Gottes gesungen. Und doch beschäftigt ihn seitdem die Frage, warum Gott das Schlimme in der Welt zulässt. "Wenn man unmittelbar erlebt hat, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt, dann muss man umso dankbarer sein, dass man dieses Leben hat", ist seine Antwort. Der Anschlag sei eine Mahnung, wie wertvoll das Leben ist: "Geht gut damit um, es kann jederzeit etwas passieren."

"Mit Absicht", sagt Zimmermann, wird der Bach-Chor daher zur Christvesper in der Gedächtnis-Kirche dieselben Lieder wie voriges Jahr singen. Nur das Friedenslied "Dona nobis pacem" lassen sie diesmal weg. Das singt der Chor zum öffentlichen Friedensgebet schon etwas früher, zum Jahrestag des Anschlags am Dienstag. Diesmal werden fast alle Sänger dabei sein.

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