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Ein Jahr nach Brexit - Trübe Aussichten für die britische Wirtschaft

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Vor genau einem Jahr entschied sich das Vereinigte Königreich zum Brexit. Nun machen Inflation, sinkende Reallöhne, Konsumrückgang und fehlende Investitionen der Wirtschaft zu schaffen. Die schwache Regierung und harte Verhandlungen mit Brüssel geben wenig Anlass zu Optimismus.

Die Flüchtlingsfrage sei "zum ersten Mal seit anderthalb Jahren nicht mehr das große Top-Thema", berichtet ZDF-Korrespondent Stefan Leifert aus Brüssel. Der Fokus des EU-Gipfels werde auf "Brexit-getriebenen Themen" liegen.

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Staycation - Urlaub im eigenen Land - war das Motto des vergangenen, ersten Brexit- Sommers. Zweieinhalb Millionen Briten mehr als sonst zogen es vor, ihren Urlaub an der Küste von Cornwall oder im Lake District zu verbringen. Ein ungeheurer Schub für die britische Wirtschaft. Und auch dieses Jahr lässt sich für den einheimischen Tourismus gut an. Nicht nur das anhaltende mediterrane Klima mit Rekordtemperaturen von 35 Grad macht Urlaub daheim attraktiv, sondern vor allem die Schwäche des britischen Pfunds. Es ist gegenüber dem Euro um 14 Prozent gefallen, das macht Auslandsurlaube teuer, zieht aber gleichzeitig ausländische Besucher an.

Aus China, den USA und Kanada kamen mehr kaufkräftige und konsumwillige Besucher denn je. Im Oktober 2016 hatte der internationale zollfreie Einkauf um 37 Prozent gegenüber dem Vorjahr zugelegt. Doch so hilfreich das schwache Pfund für den Tourismus sein mag, Großbritannien importiert mehr als es exportiert, das verteuert die Preise.

Anfängliche Euphorie über ausbleibende Katastrophe

Direkt nach dem Referendum lief es gut für die britische Wirtschaft. Der wirtschaftliche Crash blieb erstmal aus. Keine der schwarzmalerischen Voraussagen traf ein - bis auf den Pfundabsturz. Im Gegenteil: Die Verbraucherausgaben stiegen, die Industrieproduktion nahm zu, der Geschäftstätigkeitsindex war stabil, ebenso die Hauspreise, selbst die Lohnentwicklung lag über den Voraussagen. Die Arbeitslosigkeit erreichte mit 4,9 Prozent ein Elf-Jahres-Tief.

Auch an der Börse sah es auf den ersten Blick gut aus: Das schwache Pfund kurbelte den Export an. Die Blue-Chip-Firmen im FTSE 100, also die Spitzenpapiere im Londoner Börsenhandel, legten 18 Prozent zu. (Den Großteil ihrer Geschäfte machen diese Großunternehmen allerdings außerhalb des Landes.)

Neueste Zahlen stimmen wenig zuversichtlich

Hinter diesen ermutigenden Zahlen aber wurden ab September 2016 mittel- und langfristige Probleme deutlich erkennbar. Der entscheidende Faktor war dabei die nach wie vor völlig unbeantwortete Frage, wie es für das Königreich außerhalb der EU weitergehen würde. Schließlich sieht das Land den wahrscheinlich schwierigsten Verhandlungen seiner Nachkriegsgeschichte entgegen. Im vergangenen Monat gingen die Konsumausgaben mit 1,2 Prozent deutlich stärker als erwartet zurück. Dabei haben nach Auskunft des Office of National Statistics (ONS) "Einzelhändler noch gar nicht angefangen, die höheren Importpreise in vollem Umfang an den Verbraucher weiterzugeben."

Steigende Preise, sinkende Löhne und die unsichere wirtschaftliche Zukunft lassen die Briten den Gürtel enger schnallen. Nichts spricht momentan dafür, dass sich das in nächster Zeit ändern könnte.

Keine Aussicht auf Wachstum

Das ONS macht die Inflation verantwortlich. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Preise um 2,9 Prozent gestiegen. Die Kehrseite einer schwachen Währung: Sie verteuert die Einfuhren. Vor dem Referendum lag die Inflationsrate bei 0,3 Prozent.

Der britische Notenbankchef Mark Carney warnte die Bürger zu Beginn dieser Woche vor schwindender Kaufkraft. "Es wird nicht lange dauern, bis wir alle herausfinden, inwieweit der Brexit ein gemütlicher Spaziergang ins Schlaraffenland wird."

Ausbleibende Investitionen in der Industrie

Der Brexit mit seinem unklaren Ausgang ist für die Wirtschaft eine immense Herausforderung. Seit den Parlamentswahlen, in denen Theresa May ihre absolute Mehrheit verloren hat, ist die Verunsicherung noch größer als zuvor. Andy Sylvester vom Institute of Directors beklagte gegenüber dem ZDF das aktuelle Führungsvakuum: "Die jetzige Situation wirft uns in nie dagewesenes politisches Chaos und die Frage ist, wie schnell die Regierung es schafft, Stabilität zu erzeugen, so dass die Unternehmer wieder Vertrauen gewinnen und investieren."

Das gilt auch für die produzierende Industrie. Bei Aston Martin stellt man in echter englischer Wertarbeit das Lieblingsauto von James Bond her. Andy Palmer, CEO der Firma, klagt: "Um ein typisches Modell von uns zu entwickeln und zu produzieren, muss man etwa eine Milliarde Dollar investieren, bis es fertig ist. Das streckt sich über zehn Jahre. Wenn man sich auf so eine Investition festlegt, in dieser Umgebung, in der man nicht weiß, ob nächste Woche Handelsschranken existieren werden oder nicht, macht es das Ganze deutlich stressiger."

57 Prozent sehen eine düstere Zukunft für das Königreich

Eine Umfrage unter den 700 Mitgliedern des Institute of Directors (IoD) im Juni bestätigt dieses Bild: 57 Prozent sehen eine düstere Zukunft für das Königreich. Nach Auffassung des IoD ist die wichtigste Aufgabe der neuen Regierung, zu einer Handelsvereinbarung mit Europa zu kommen, dem mit Abstand wichtigsten Markt für die britische Wirtschaft. Auch warnt der Unternehmerverband, dass verminderte Einwanderung und gleichzeitige Erhöhung des Mindestlohns das Ende billiger Arbeitskräfte für die britischen Unternehmen bedeuten wird. Damit widerspricht das Institut der britischen Regierung direkt.

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