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Gedenken ein Jahr nach Anschlag - Barcelona: Das Trauma ist nicht überwunden

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Ein Jahr nach dem Anschlag in Barcelona versucht die Stadt, zur Normalität zurückzukehren. Die Ermittlungen laufen noch, die Wunden sind tief. Heute hat Spanien der Opfer gedacht.

Vor einem Jahr raste ein Lieferwagen in eine Menschenmenge auf der beliebten Flaniermeile Las Ramblas. 13 Menschen starben. Ein Jahr danach gedenkt Barcelona der Opfer.

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Touristen aus aller Welt schieben sich über die Flaniermeile "La Rambla" in Barcelona. Shoppen, Eis essen, sehen und gesehen werden. Es ist fast wie immer. Nur die gut sichtbaren Sicherheitspoller, die Fahrzeugen den Zugang zu dem Prachtboulevard versperren, erinnern daran, dass hier im vergangenen Jahr ein blutiger Terroranschlag verübt wurde. Ein Attentäter raste mit einem Lieferwagen ungebremst über die Allee und riss alles mit, was auf seinem Weg lag. 16 Menschen starben damals, darunter auch eine deutsche Besucherin, mehr als 100 Menschen wurden verletzt, einige von ihnen schwer.

Keine politischen Reden

Am nächsten Tag versuchten Attentäter der gleichen Terrorzelle weiter südlich, im Badeort Cambrils, erneut Menschen mit einem Fahrzeug zu töten. Die Polizei erschoss die Männer bei einem Feuergefecht.

Mit einer emotionalen Gedenkfeier hat Barcelona an die Opfer erinnert. Angehörige legten auf der Promenade "La Rambla" Blumen nieder. An einer mit Musik untermalten Zeremonie auf der Plaza de Catalunya unter dem Motto "Barcelona, Stadt des Friedens" nahmen auch König Felipe VI. und Königin Letizia sowie Ministerpräsident Pedro Sánchez und der katalanische Regionalchef Quim Torra teil. Die Familien der Opfer hatten ausdrücklich darum gebeten, dass keine politischen Reden gehalten werden. Der Tag solle ausschließlich der Erinnerung an das Leid gewidmet sein.

"Wir haben keine Angst!"

"Wir haben keine Angst!", mit dieser Parole war die Stadt nach der Bluttat im letzten Jahr den Terroristen mutig entgegengetreten. Doch die Behörden verstärkten zugleich auch massiv die Sicherheitsvorkehrungen. Die Hauptsehenswürdigkeiten werden jetzt strenger bewacht, am Eingang zur Gaudi-Kathedrale, der "Sagrada Familia", stehen Metalldetektoren.

"Ein solcher Anschlag mit einem Fahrzeug, das wahllos in die Menge rast, ist schwer zu verhindern", sagt der spanische Terrorexperte Manuel Gazapo Lapayes. "Das haben die Anschläge in Nizza, Berlin und London gezeigt. Aber die spanische Polizei hätte im Vorfeld die Gefährder enger beobachten und schneller auf Warnzeichen reagieren müssen. Die Terroristen hatten ihre Tat schon vorher in den sozialen Netzwerken angekündigt."

Verbindungen im Gefängnis

Drahtzieher der Anschläge war nach Erkenntnissen der Polizei der spanisch-marokkanische Kriminelle Abdelbaky Es Satty. Der 44-jährige Salafist predigte als Imam in der Kleinstadt Ripoll in den Pyrenäen, 100 Kilometer nördlich von Barcelona. Hier scharte er gleichgesinnte junge Leute aus dem Ort um sich, radikalisierte sie für den Dschihad gegen die angeblichen Ungläubigen. Es Satty war den Behörden bekannt.

Karte Spanien Katalonien Barcelona Cambrils Ripoll
Am 17. August 2017 verübten Attentäter einen Anschlag in Barcelona, am nächsten Tag versuchten sie im Badeort Cambrils, Menschen mit einem Fahrzeug zu töten. Die Terroristen stammten aus Ripoll.
Quelle: ZDF

Wegen Drogenschmuggels saß er eine vierjährige Haftstrafe ab. Im Gefängnis knüpfte er enge Verbindungen zu einem der einsitzenden Al-Kaida-Attentäter von Madrid, wo 2004 bei Zuganschlägen 191 Menschen getötet worden waren. Nach seiner Haftentlassung reiste Es Satty nach Brüssel, wo er vermutlich Kontakte zum Netzwerk des Islamischen Staates knüpfte. Zurück in Spanien bereitete er offenbar eine ganze Serie von Anschlägen vor, so der jetzige Ermittlungsstand.

"Leute schauen abweisend"

Am 16. August 2017 explodierte aber in Alcanar, 200 Kilometer südlich von Barcelona, ein Wohnhaus. In den Trümmern starb auch der Terrorist Es Satty. Die Gruppe hatte dort große Mengen Sprengstoff und mehr als 120 Gasflaschen zur Vorbereitung ihrer Anschläge gebunkert. Ihr Ziel war offenbar das Camp-Nou-Fußballstadion des FC Barcelona, wo sie das Saisoneröffnungsspiel sprengen wollten. Dazu kam es glücklicherweise nicht. Stattdessen verübten die verbliebenen Mitglieder der zwölfköpfigen Terrorgruppe an den Tagen nach der Explosion die Attentate in Barcelona und Cambrils. Acht der Attentäter sind tot. Vier stehen noch vor Gericht. Die Ermittlungen sind noch nicht vollständig abgeschlossen.

"Wenn ich jetzt durch die Stadt gehe, schauen die Leute immer wieder mal abweisend herüber." Mohamed, der vor 29 Jahren aus Marokko nach Ripoll kam, spürt die Auswirkungen des islamistischen Terrors im Alltag. "Klar, die Polizei kontrolliert deinen Wagen jetzt sehr viel genauer, wenn sie sehen, dass du einen marokkanischen Namen hast und aus Ripoll kommst!"

Die Moschee hat inzwischen einen neuen Imam. Er setzt auf Transparenz. Doch bei vielen Nicht-Muslimen in Ripoll haben sich Skepsis und Misstrauen eingenistet. Die Terroristen von Barcelona lebten mitten unter ihnen. Und doch hat niemand die Taten kommen sehen. Bürgermeister Jordi Munell versucht, so gut es geht, das Zusammenleben seiner Bürger, die aus mehr als zwei Dutzend Nationen kommen, friedlich zu organisieren. Er möchte nach vorne blicken, hat ein Programm gegen Fremdenfeindlichkeit ausgearbeitet. Doch das Trauma dieser Anschläge wird nur schwer zu überwinden sein. Auch in Ripoll ist nichts mehr, wie es vor dem 17. August 2017 war.

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