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Ein Jahr nach Putschversuch - Türkei: Börse boomt, Wirtschaft darbt

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Ein Jahr nach dem Putschversuch lebt die Türkei weiter im Ausnahmezustand. Darunter leidet auch der Ruf als Urlaubsparadies und als Ziel ausländischer Investitionen. Die Regierung steuert verzweifelt dagegen, doch der Erfolg ist nur ein Strohfeuer. Dafür boomt die Börse.

Genau ein Jahr ist es her, dass Teile des türkischen Militärs einen Putschversuch unternommen haben. Präsident Erdogan reagierte mit einer großen Verhaftungs- und Entlassungswelle. Den 15. Juli erklärte er zum nationalen Gedenktag.

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Pünktlich zum Jahrestag des Putschversuches hat die türkische Regierung unter Machthaber Erdogan nochmals 7.000 Bedienstete aus dem Staatssektor entlassen - Polizisten, Justizangestellte, Wissenschaftler. Damit erreicht die Zahl der Entlassenen, denen durchweg Verbindungen zur Bewegung des Geistlichen Fethullah Gülen vorgeworfen werden, die unglaubliche Höhe von 140.000 Personen. 50.000 allein sitzen in den Gefängnissen.

Subventionen sollen Wirtschaft ankurbeln

Gülen, der im Exil in den USA lebt, war einst Verbündeter Erdogans, jetzt muss er als Todfeind herhalten. Schöner Nebeneffekt aus Sicht Erdogans: Durch Zwangsverstaatlichung angeblich Gülen-naher Unternehmen hat der Staat bisher elf Milliarden Euro eingenommen. Die Instabilität im Land jedoch, Ungewissheit über die Zukunft und eine prekäre wirtschaftliche Lage schrecken Ausländer ab.

2016 stürzte das Land in die Rezession, die Arbeitslosigkeit beträgt heute offiziell elf Prozent, die der Jugendlichen sogar 23 Prozent. Millionen junger Türken drängen in den nächsten Jahren auf den Arbeitsmarkt - ohne ausländische Investitionen ist das nicht zu bewältigen.

Die Regierung und Erdogan wissen dies natürlich - und vermutlich auch, dass Verhaftungswellen keine gute Werbung für ein Land sind. Gegengesteuert wird mit enormen staatlichen Mitteln. So etwa gibt es einen 65 Milliarden Euro schweren Hilfsfonds, der Kreditgarantien für kleine und mittlere Unternehmen übernimmt. Subventioniert werden vom landenden Ferienflieger bis zum Grundnahrungsmittel alle Dinge, die ein weiteres Abgleiten verhindern könnten.

Mittelgroße Unternehmen fehlen

In Werbespots im europäischen Fernsehen legen ausländische Unternehmer Zeugnis ab, wie schön es in der Türkei sei - darunter auch Lukas Podolski, der vom türkischen Fußball schwärmt, kurz bevor er allerdings gen Japan aufbricht. Die Spots atmen eine gewisse Verzweiflung - und die scheint angebracht.

2016 und auch Anfang 2017 brach zum Beispiel der deutsche Türkei-Tourismus regelrecht ein, erst jetzt besinnen sich Urlauber angesichts von Rabatten über 50 Prozent darauf, last minute in die Türkei zu reisen. Ankara wiederum bemüht sich um russische Urlauber und intensiviert seine Wirtschaftsbeziehungen in die arabische Welt. Der Haken hierbei: Ausgerechnet das international isolierte Katar ist sein wichtigster Handelspartner.

Was fehlt, sind vor allem Direktinvestitionen, etwa durch mittelgroße Unternehmen, die im Gefolge solcher Großen wie Siemens oder Daimler einen Sitz in der Türkei errichten wollen. Die Zahl dieser Investoren ging im letzten Jahr um mehr als ein Drittel zurück. Einzig die Börse Istanbul boomt. Dort finden sich Anlegergelder auch aus dem Ausland, denn diese Mittel können im Krisenfall schnell wieder zu Geld gemacht werden.

Düstere Stimmung im Land

Vorsicht regiert aber auch hier, denn die Inflation ist zweistellig, die türkische Lira verliert entsprechend an Wert. Für Überraschung sorgte daher die Meldung, dass im ersten Quartal 2017 wieder ein Wirtschaftswachstum von fünf Prozent erzielt worden sei. Internationale Beobachter verweisen allerdings darauf, dass die Statistikbehörde Türkstat ihre Berechnungsmethode geändert habe, und die neue Art der Datenerhebung sei nicht wirklich nachvollziehbar.

Wie dem auch sei, selbst fünf Prozent Wachstum wären für ein Schwellenland wie die Türkei nicht berauschend, jedenfalls würden sie nicht reichen, um Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Erdogan stehen 2019 Wahlen ins Haus - wenn die denn stattfinden, dürfte er eine solide Wirtschaft brauchen, die ihn schon ursprünglich an die Macht gebracht hatte.

Zwischen staatlicher Geldschwemme und geradezu paranoider Verfolgung angeblicher Gülen-Gefolgsleute findet sich die türkische Regierung quasi eingeklemmt. Viele der enteigneten Firmen und verhafteten Bediensteten gehörten zu den produktiven Teilen der türkischen Wirtschaft - das Wüten gegen den fernen Gegner hat sich also zu einer Art Enthauptungsschlag der Ökonomie entwickelt. Die düstere Stimmung im Lande ermutigt wirklich nicht, dort einen neuen Aufbruch zu wagen.

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