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Ein Jahr nach Ende der Kämpfe - Mossul gleicht einer Zeitbombe

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Von apokalyptischen Zuständen berichten Helfer aus dem Westteil von Iraks zweitgrößter Stadt. Explosive Kriegsreste und verbliebene IS-Terroristen sorgen überall für Gefahr.

Archiv: Zerstörung in Mossul, aufgenommen am 10.07.2018
Zerstörung in Mossul, Irak (Archivbild)
Quelle: reuters

In jeder Ruine, unter jedem Trümmerteil kann in Mossul der Tod lauern. Im zerstörten Westteil von Iraks zweitgrößter Stadt bedrohen nach Angaben der Hilfsorganisation Handicap International "acht Millionen Tonnen explosiver Kriegsreste" Leib und Leben der Menschen. Fliegerbomben, Raketen, Granaten, Sprengstoffgürtel. Es sind Überbleibsel der größten und längsten Schlacht um eine Stadt seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Handicap International spricht von einer "beispiellosen Menge" von Sprengkörpern, die auch ein Jahr nach Einstellen der Kämpfe nicht beräumt sind. Trotz des weitgehenden Endes des Terrorregimes des "Islamischen Staates" (IS) ist die Lage in Mossul aus vielerlei Gründen weiter hochexplosiv.

Tagtäglich Schwerverletzte durch Sprengkörper

"Die Stadt gleicht einer Zeitbombe", warnen die Handicap-Helfer. Ganze Stadtteile seien durch Blindgänger und improvisierte Sprengfallen des IS so stark verseucht, dass ein Betreten eigentlich unmöglich sei. Dennoch versuchen es heimkehrende Bewohner, räumen mit bloßen Händen die Trümmer ihrer ehemaligen Wohnstätten beiseite und werden dabei tagtäglich Opfer der Sprengkörper. Schwerstverletzte können dabei kaum auf Hilfe hoffen. In der Stadt mit derzeit geschätzt 1,8 Millionen Einwohnern gibt es weniger als 1.000 Krankenhausbetten.

Die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" spricht von einer "dramatischen medizinischen Unterversorgung" in Mossul. Der Grund: Neun der 13 öffentlichen Krankenhäuser sind während der monatelangen Kämpfe gegen den IS schwer beschädigt worden und der Wiederaufbau kommt kaum voran. Das Ergebnis aus Sicht der Ärzte: eine "riesige Kluft" zwischen medizinischen Angeboten und Bedürfnissen der Menschen. Bis zu eine Million Einwohner Mossuls sollen während des Kriegs aus der Stadt geflohen sein - nun wollen viele zurück und kommen täglich zu Tausenden.

"Ratten fett wie große Katzen" fressen sich an Leichen satt

Weil sich viele Heimkehrer die horrend gestiegenen Mietpreise im größtenteils verschonten Ostteil Mossuls nicht leisten können, versuchen sie, die Ruinen der Altstadt irgendwie wieder bewohnbar zu machen. Einwohner und freiwillige Helfer berichten dabei von apokalyptischen Zuständen. Die Zahl der zivilen Opfer der Schlacht um Mossul geht in die Tausende und noch immer liegen unzählige Leichen und einzelne Gliedmaßen in den Trümmern. Helfer berichten davon, "dass sich Ratten fett wie große Katzen" an ihnen satt fräßen. Der Geruch, der in der Luft liege, sei unerträglich, berichtete jüngst auch die UN-Sonderbotschafterin Angelina Jolie aus Mossul.

Professionelle Bergungstrupps und Wiederaufbauteams? Fehlanzeige! "Als ich im Westen Mossuls stand, fühlte es sich an, als wären die Waffen gestern erst verstummt", schreibt Jolie in einem Blogeintrag. Immerhin suchen Kampfmittelräumdienste im UN-Auftrag nach Sprengfallen und Kriegsschrott. Das Problem: Für das Entminen von privaten Wohnhäusern reicht das Geld nicht. Indes klagen die Einwohner Mossuls, dass die irakische Regierung den Wiederaufbau bewusst verschleppe. Zwar hatte sie im Februar während einer internationalen Geberkonferenz 30 Milliarden US-Dollar für den Wiederaufbau von Schulen, Krankenhäusern, Wohnungen und Infrastruktur zugesichert bekommen. Allerdings war das viel weniger als die erhofften 88 Milliarden.

Gefahr durch IS-"Schläferzellen", soziale Spannungen

In der Konsequenz bedeutet dies, dass der Irak den Wiederaufbau Mossuls weitgehend selbst stemmen muss. Allein die Kosten für die allernötigsten Maßnahmen im Westteil der Stadt beziffert Lise Grand, UN-Koordinatorin im Irak, auf mehr als 560 Millionen Euro. Doch nicht nur die Frage, wer bei nahezu leeren Kassen bezahlt, verhindert ein Wiederbeleben der Trümmerwüste. In einem der laut Transparency International korruptesten Länder der Welt treibt auch die weitverbreitete Gier nach "verstecken Provisionen" die Preise für den Wiederaufbau in die Höhe.

Derweil wächst die Unzufriedenheit der Einwohner Mossuls. "Die Leute haben zu viel Zeit zum Nachdenken, sie haben nichts zu tun", berichtet etwa ein Nachbarschaftsbürgermeister aus einem der weitgehend zerstörten Altstadtviertel. Arbeit sei mehr als genug da, aber es fehle jegliche Struktur, um Arbeitsplätze zu schaffen. Der wachsende Frust der Menschen sorgt für Aggression. In einer Stadt, in der sich während der insgesamt dreijährigen IS-Okkupation mehrere Zehntausend Einwohner Mossuls der Terrormiliz angeschlossen haben sollen, herrschen Misstrauen und die Frage: Wer war Opfer, wer Täter, wer Mitläufer? UN-Experten sprechen von einer fortdauernden Gefahr durch "IS-Schläferzellen" in der Stadt. Von einem friedlichen, geordneten Alltagsleben sind die Menschen in Mossul so noch weit entfernt.

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