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Ein Jahr nach dem Terroranschlag - Anschlag als Auftrag: "Es reicht noch nicht"

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"Wir müssen zusammenhalten." Als Imam Sanci beim Gedenkgottesdienst das sagt, ist der Berliner Anschlag 24 Stunden her. Alle fassen sich dort an den Händen. Ein Anfang, sagt Sanci.

Trauergottesdienst zum Gedenken des Terroranschlags in Berlin am 15.12.2017
Hand in Hand: Trauergottesdienst zum Gedenken des Terroranschlags in Berlin.
Quelle: Davids Bildagentur

"In dieser Situation brauchen wir uns. Wir können es nicht alleine schaffen. Wir müssen zusammenhalten, damit sich so etwas nicht wiederholen kann." Diese drei Sätze sagt Kadir Sanci am Tag nach dem Anschlag in Berlin, bei dem zwölf Menschen sterben und Dutzende verletzt werden. Knapp ein Jahr ist das her. Beim Gedenkgottesdienst damals sitzen die Staatsspitze, viele Minister und Parteipolitiker, Berlins Regierender Bürgermeister und die Senatsregierung damals in der Kaiser-Wilhelms-Gedächtniskirche. Imam Sanci ist auch eingeladen, neben evangelischen, katholischen, jüdischen, russisch-orthodoxen Geistlichen. Alle betonen die Gemeinsamkeiten an diesem Abend und dass ein Attentäter die Gesellschaft nicht spalten dürfe.

Wer der Täter ist, weiß zu diesem Zeitpunkt niemand. Vielleicht mit islamistischem Hintergrund, noch ist nichts sicher. Es heißt, er habe die ganze Gesellschaft treffen wollen. Das Brandenburger Tor erstrahlt zu Ehren der Opfer in Schwarz-Rot-Gold. Die Menschen legen Blumen an den Tatort, zünden Kerzen an. Auch Tage danach noch, als die Diskussion um die Ursachen, um die Folgen der Migrations- und Flüchtlingspolitik, Fahrt aufnimmt. "Ich bleibe bei dem, was ich gesagt habe", sagt Sanci heute. "Wir müssen zusammenhalten." Denn: "Wir sind noch nicht da, wo wir sein könnten."

"Jetzt muss ich noch mehr arbeiten."

Imam Kadir Sanci
Kadir Sanci
Quelle: imago

Sanci bemüht sich an vielen Stellen, dass sich Muslime, Christen, Atheisten, die ganze Gesellschaft besser verstehen. Er ist Religionswissenschaftler an der Universität Potsdam. Dort hat er ein Diskussionsforum zwischen den Fachbereichen mitgegründet, er engagiert sich bei der interreligiösen Initiative Forum Dialog. Zusammen mit evangelischen und jüdischen Gemeinden will er in Berlin das House of One, ein gemeinsames Bethaus für alle drei Religionen, bauen. Als er von dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz hört, ist er verzweifelt, wütend auch. Sein erster Impuls: "Jetzt muss ich noch mehr arbeiten." Mit den anderen Geistlichen einen Tag später am Altar zu stehen, sich als Symbol an den Händen zu fassen wie alle in der Kirche, das habe ihm gut getan. "Das war für mich wie eine Therapie. Das hat mir geholfen, zu begreifen und die Blockade zu lösen, um weiter arbeiten zu können."

Denn, was da nun kommt, kann Sanci ahnen: Der Attentäter nennt sich Muslim, der vorgab, in Namen seines Gottes zu handeln, als er den Lkw in den Weihnachtsmarkt lenkte. Um möglichst viele Menschen zu töten. Ein Krimineller, der sich als Flüchtling ins Land schlich, den Staat mit verschiedenen Identitäten betrog und von den Behörden im Wirrwarr der Zuständigkeiten nicht zu fassen war. Einer, der in einer Moschee in Berlin Unterschlupf fand, wo radikale Islamisten verkehrten und die mittlerweile geschlossen wurde. Das Attentat kommt in einer Zeit, in der Sanci, der als Kind türkischer Eltern in München geboren wurde, ein raues Klima gegenüber Muslimen spürt. Gegenüber allem, was fremd ist. Als die Willkommenskultur gegenüber den Flüchtlingen keine mehr ist.

Lieber vegan als koscher

Der 39-Jährige spricht trotzdem lieber zuerst vom Positiven. "Mit großer Erleichterung", sagt Sanci, habe er nach dem Anschlag gespürt, dass Politik, Medien, viele in der Gesellschaft besonnen und differenziert reagiert hätten. Nicht wie nach dem Anschlag auf das Word Trade Center im September 2001, den er als sehr polarisierend empfand. Wir gegen die. Alle gegen die Muslime. Nach dem Anschlag auf den Breitscheidplatz sei das anders gewesen. Trotz aller Probleme, trotz aller Unsicherheiten habe man das Ziel, den Dialog miteinander, nicht aus den Augen verloren. "Wir sind eine Gesellschaft, wir lassen uns nicht auseinanderbringen", davon ist Sanci überzeugt.

Und doch weiß er natürlich, dass es viele Menschen gibt, die genau diesen Dialog nicht wollen. Weil er anstrengend ist. Weil man lieber beim Gewohnten bleibt. Weil es einfacher ist, denjenigen abends einzuladen, der nicht koscher oder halal essen will. Und weil das immer noch nicht so selbstverständlich ist wie veganes Essen zum Beispiel. Vieles funktioniere mittlerweile gut. Auch wenn eine Gesellschaft diskutiere, wie viele Flüchtlinge sie aufnehmen kann, sei das legitim und ein Zeichen dafür, dass niemand egal ist, was mit dieser Gesellschaft passiert. "Wir sind sehr, sehr weit gekommen. Aber es reicht noch nicht", sagt Sanci. "Wir brauchen dringend mehr Austausch, auf allen Ebenen. Politik, Wissenschaft, Kultur, Sport, einfach überall", ist er überzeugt. Und er meint auch die AfD. Obwohl sie dafür eintritt, die Ausübung des Islams in Deutschland einzuschränken. "Wir müssen mit jedem reden, ohne zu erwarten, dass der andere wie ich denkt", sagt Sanci. "Man muss andere Meinungen ertragen."

Idee: Sprechstunde für alle Fragen

Wenn es am Dienstag wieder eine Friedensandacht zur Erinnerung an den Anschlag in der Gedächtniskirche gibt, ist diesmal Imam Sanci nicht eingeladen. Er will trotzdem an diesem Tag zum Breitscheidplatz kommen, wenn er es zeitlich schafft. Andacht, Einweihung des Mahnmals, Lichterkette, vieles ist geplant. "Solche großen Veranstaltungen sind wichtig, damit sich die ganze Gesellschaft an das erinnert, was war. Aber persönliche Gespräche sind auch sehr, sehr hilfreich." Sanci weiß, dass viele Menschen Fragen zum muslimischen Glauben haben. Viele sind unsicher, wie man miteinander umgehen soll. Der Imam, Deutscher mit türkischen Wurzeln, könnte da helfen. Eine Art Sprechstunde beim Forum Dialog, offen für alle, schwebt ihm vor. Noch ist es eine Idee. Die Arbeit hört nicht auf.

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