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Konsequenz aus Berliner Anschlag - "Es gibt kein Schema F"

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Matthias Simon ist erfahrener Notfallseelsorger. Die ganze Nacht war er am Breitscheidplatz vor einem Jahr im Einsatz. Vorbereiten auf einen Terroranschlag? "Schwierig", sagt er.

Ein Jahr nach dem Terroranschlag in Berlin
Berlin trauert, bis heute: Vor einem Jahr starben am Breitscheidplatz zwölf Menschen, Dutzende wurden verletzt. Quelle: dpa

heute.de: Wie war das vor einem Jahr, als Sie zum Breitscheidplatz kamen?

Matthias Simon: Es war ein Durcheinander, aber auch eine eigenartige Stille. Das war ungewöhnlich. Es wurde ganz konzentriert gearbeitet. Wir hatten auch gar keine Zeit, großartig rumzuschauen. Was da genau passiert ist, haben wir erst später mitbekommen. Wir haben sofort angefangen, Leute in einem Reisebus der Feuerwehr und im Waldorf-Astoria zu betreuen.

heute.de: Wer kam zu Ihnen?

Simon: Das waren entweder Menschen, die etwas gesehen hatten oder die später dazu kamen und sich um Verletzte gekümmert hatten. Oder Menschen, die ein Familienmitglied suchten und Hilfe brauchten. Um diese haben wir uns alle im Waldorf-Astoria-Hotel gekümmert. Ich habe noch nie erlebt, dass so schnell, so unkompliziert ein Raum zur Verfügung gestellt wurde. Dazu Essen, Trinken und Personal, damit wir abgeschirmt waren. Die haben sich wirklich rührend um uns gekümmert.

heute.de: Das ist ja eine schlimme Situation, wenn nach einem Unglück jemand sagt: Uns fehlt ein Freund oder jemand aus der Familie. Was machen Sie dann?

Simon: Man versucht Kontakte zur Polizei, zu Krankenhäusern zu knüpfen, um Informationen zu bekommen. Da gibt es mehrere Möglichkeiten.

heute.de: Sie dachten erst, sie werden zu einem Unfall gerufen. Dann stellte sich heraus, dass es ein Terroranschlag ist …

Simon: … ja, da war uns klar: Wir müssen uns auch um unsere eigenen Einsatzkräfte kümmern. Auch wir müssen die Nachricht verkraften, damit wir anderen helfen können. Außerdem ist das auch eine Frage der Sicherheitsmaßnahmen. Wir haben aber schnell gemerkt, dass unsere Leute hochprofessionell arbeiten, den ganzen Abend lang. Es gab keine Bedenken, dass sie das nicht schaffen.

heute.de: Kann man sich auf einen Terroranschlag vorbereiten?

Simon: Theoretisch natürlich, aber die Praxis sieht immer anders aus. Allein das Gefühl, es ist ein Terroranschlag, ist neu. So etwas gab es ja noch nicht in Berlin. Das ist schwerwiegender als alles, was wir bisher hier erlebt haben. Dieses hohe Maß an Brutalität, wenn ein Lkw durch eine Menschenmenge rast, kann man sich vorher nicht ausmalen. Ich habe es zum Glück nicht selber sehen müssen, darüber bin ich ganz froh. Schon was mir andere erzählt haben, hat mir gereicht.

heute.de: Als Konsequenz wird ja momentan gefordert, dass sich Behörden und Einsatzkräfte besser vorbereiten und der Einsatz nach einem Terroranschlag geübt werden soll. Geht das?

Simon: Man kann sich nur darauf vorbereiten, dass es schlimm wird. Mehr nicht. Man muss situationsbedingt arbeiten, das geht nicht nach Schema F. Natürlich gibt es Abläufe: Jeder, der zu uns kommt, wird registriert, bekommt etwas zu essen und zu trinken und so weiter. Aber vorbereiten kann man sich nur auf Dinge, die nach einem Schema ablaufen, aber bei einem Terrorakt ist das schwierig.

heute.de: Wird sich etwas in der Ausbildung der Notfallseelsorger ändern?

Simon: Wir müssen uns auf schwerwiegendere Ereignisse vorbereiten, natürlich. Das war vorher nicht so präsent.

heute.de: Wie gehen Sie selbst und die Helfer mit dem Erlebten in einer solchen Nacht um?

Simon: Wir haben gelernt damit umzugehen, wir haben Mechanismen. Das schaffen wir. Wir sind auch gewöhnt, dass wir nie erfahren, wie die einzelne Geschichte ausgeht, die wir an diesem Abend gehört haben. Wir ordnen, helfen den Menschen weiter, damit sie weiterkommen, so ist das. Ich selbst gehe weiter auf Weihnachtsmärkte, ich lasse mich davon nicht unterkriegen.

heute.de: Diesmal waren Sie vier, fünf Tage im Einsatz und haben auch noch in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die schnell zum Zentrum des Gedenkens wurde, Menschen betreut.

Simon: Die Gemeinde hatte uns darum gebeten, sie zu unterstützen, um die Angehörigen und die Bevölkerung in ihrer Trauer zu begleiten. Es kamen in den ersten Tagen danach ja sehr viele Menschen dorthin. Wir haben gefragt, ob sie Hilfe brauchen. Mit vielen kamen wir schnell ins Gespräch und konnten so viel Druck von ihnen nehmen. Mit manchen haben wir auch einfach nur geschwiegen. Je nach dem, was der einzelne braucht, das war ganz unterschiedlich.

heute.de: Wie lange dauert es, bis man ein solches Ereignis verkraftet?

Simon: Das ist schwer zu sagen. Das ist abhängig von den einzelnen, manche gehen wieder auf Weihnachtsmärkte, andere nicht. Berlin hat es nach meinem Gefühl alles ganz gut verkraftet und sich dagegen gestemmt nach dem Motto: Wir wollen uns nicht vorführen, wir wollen uns nicht spalten lassen. Die Stadt geht gut mit dem Gedenken um, das neue Mahnmal sagt mir sehr zu. Schlimm ist nur, wenn man ein Jahr lang hört, welche Pannen bei den Behörden passiert sind. Da muss eine Stadt schon ganz schön kneifen, um das zu verkraften. Das ist nicht einfach.

Das Interview führte Kristina Hofmann.

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