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"Ein Wolf wird nicht zum Vegetarier"

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Deutsche-Wohnen-Gegner Taheri - "Ein Wolf wird nicht zum Vegetarier"

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Rouzbeh Taheri will große Immobilienfirmen in Berlin enteignen und startet dazu ein Volksbegehren. "Wir wollen eingreifen, bevor es zu spät ist", sagt er im heute.de-Interview.

Rouzbeh Taheri vom Bündnis "Deutsche Wohnen enteignen"
Rouzbeh Taheri vom Bündnis "Deutsche Wohnen enteignen"
Quelle: dpa

heute.de: Was treibt Sie und Ihre Mitstreiter an, große Wohnungsunternehmen in Berlin enteignen zu wollen?

Rouzbeh Taheri: Wir haben in den letzten Jahren mit den großen Immobilienkonzernen in Berlin extrem schlechte Erfahrungen gemacht. Wir haben sie als Haupttreiber der Mietpreise in dieser Stadt identifiziert und versucht, mit allen konventionellen Protestformen wie Demonstrationen und Infoveranstaltungen dagegen vorzugehen. Wir haben mit der Politik geredet und gemerkt, dass das alles keine Reaktionen seitens dieser Konzerne hervorruft. Und da wir nicht langfristig mit diesem Mietenwahnsinn in Berlin leben wollen, haben wir uns entschlossen, eine grundsätzliche und radikale Lösung vorzuschlagen.

heute.de: Im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten wie München, Frankfurt am Main oder Stuttgart sind die Berliner Mieten trotz des Anstiegs in den vergangenen Jahren im Durchschnitt noch immer moderat. Die Deutsche Wohnen weist in ihrer Jahresbilanz für 2018 eine Mietsteigerung von 3,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr aus. Von welchem Mietenwahnsinn sprechen Sie da?

Taheri: Die Mieten sind zwar in Berlin im Schnitt noch nicht so hoch wie in München, aber bei Neuvertragsmieten haben wir Köln überholt. Außerdem müssen Sie bedenken, dass die Menschen in Berlin unterdurchschnittlich verdienen – im Schnitt 30 Prozent weniger als die Münchner. Es geht ja auch um das Verhältnis zwischen Einkommen und Miete. Die Deutsche Wohnen hat in den letzten Jahren die Mieten gesteigert und wird es weiter tun. Wir wollen eingreifen, bevor es zu spät ist und solange es noch bezahlbare Wohnungen im Bestand der Großkonzerne gibt. Wenn wir noch fünf Jahre warten, haben wir Verhältnisse wie in München.

heute.de: Kritiker argumentieren, Sie sollten besser alternativ per Volksentscheid den Senat dazu zwingen, noch mehr für den Neubau von zu tun. Was können Sie dem abgewinnen?

90 Prozent der Neubau-Wohnungen in dieser Stadt sind derzeit für den Durchschnittsberliner nicht bezahlbar.
Rouzbeh Taheri

Taheri: Die Kritiker vergessen, dass wir den Senat vor drei Jahren mit dem ersten Mietenvolksentscheid gezwungen haben, wieder mit dem sozialen Wohnungsbau anzufangen. Wir unterstützen also den Neubau von Wohnungen, aber wir sagen auch: Es muss bezahlbar gebaut werden. Denn 90 Prozent der Neubau-Wohnungen in dieser Stadt sind derzeit für den Durchschnittsberliner nicht bezahlbar! Außerdem sind diese sozialen Neubauten nur ein Faktor. Wenn wir den Bestand von Hunderttausenden immer noch bezahlbaren Wohnungen nicht schützen, kommen wir mit dem Neubau nicht hinterher. Denn die Menschen, die jetzt aus ihren Wohnungen vertrieben werden, brauchen ja auch wieder ein Dach über dem Kopf.

heute.de: Ihre Initiative "Deutschen Wohnen & Co. enteignen" fordert, dass betroffene Unternehmen "deutlich unter Marktwert entschädigt werden" sollen. Ist das nicht utopisch?

Taheri: Nein, denn der aktuelle Marktwert der Berliner Wohnimmobilien ist ein Spekulationswert. Das Gute nach Artikel 15 des Grundgesetzes ist, dass man unter Marktwert entschädigen kann. Das heißt: Die leistungslosen Vermögenszuwächse der Immobilienkonzerne brauchen nicht berücksichtigt zu werden. So kann man also auch deutlich unter Marktwert entschädigen. Die Unternehmen haben ja nichts gebaut, sondern nur gekauft und die Preise nach oben getrieben. Wir wollen denen ja nicht ihren Spekulationspreis zahlen, damit die dann weitere Hunderttausende Wohnungen in anderen Städten kaufen und da die Mieter ins Elend stürzen.

heute.de: Die Deutsche Wohnen hat inzwischen im Umgang mit Mietern Fehler eingeräumt. Vorstandschef Michael Zahn verspricht, es künftig besser machen zu wollen. Auf der anderen Seite radikalisiert sich der Protest gegen das Unternehmen. Vergangene Woche sind zwei Firmenautos in Berlin in Brand gesetzt worden. Welchen Gedanken hatten Sie, als Sie davon gehört haben?

Taheri: Das sind nicht unsere Mittel und Methoden. Wir kümmern uns darum, dass die Berliner Mieter eine starke Stimme bekommen. Dass Herr Zahn jetzt versucht, das Image aufzubessern, ist aus seiner Sicht verständlich. Er fühlt sich jetzt in die Ecke gedrängt – so wie er seit Jahren die Mieterinnen und Mieter in Berlin in die Ecke drängt. Aber bis jetzt hat er keinerlei konkrete Maßnahmen angekündigt – außer, dass er jetzt mehr reden möchte. Aber ein Wolf wird auch nicht zum Vegetarier, wenn er eine Weile einen Schafspelz überzieht. Die Strategie des Unternehmens hat sich keinen Deut geändert. Der Konzern fühlt sich nur seinen Aktionären gegenüber verpflichtet.

Das Interview führte Marcel Burkhardt

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von Marcel Burkhardt
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