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Einblicke aus Venezuela - Ein Land am Abgrund

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In Venezuela tobt ein unerbittlicher Kampf um die Macht zwischen Staatschef Maduro und dem selbst ernannten Übergangspräsidenten Guaidó. Die Leidtragenden: die Bevölkerung.

Die Lage in Venezuela ist weiterhin kompliziert. Regierung und Opposition beanspruchen, legitime Vertreter des Volkes zu sein. Der zähe Machtkampf ist im Land allgegenwärtig.

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Drachenfeuer leuchtet auf der Leinwand, es dröhnt aus den Lautsprechern. Die amerikanische Erfolgsserie "Game of Thrones" im Public Viewing, in einem internationalen Hotel in der Innenstadt von Caracas. Teuer gekleidete Männer, junge Frauen, die aus SUVs und deutschen Limousinen steigen. Sushi, molekulare Küche, die besten Steaks der Welt in geschmackvoll eingerichteten Restaurants - alles kein Problem.

Die Nächte von Caracas entsprechen nach wie vor dem internationalen Standard. Zumindest an ausgewählten Stellen, für einige Auserwählte. Die meisten sind Chavistas, Mitglieder oder Profiteure des Machtapparates von Präsident Maduro, die sich trotz Sanktionen weiter selbst bedienen können am verbleibenden Geschäft mit Öl und Gold, was es in Venezuela im Überfluss gibt.

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Doch direkt vor den Türen ist die Welt eine andere. Dort werden Menschen wegen der kleinsten Habseligkeiten ermordet. Wer in Caracas unterwegs ist, muss wissen, wohin er will, wohin er gehört. Ein paar Kilometer außerhalb, in einem Slum, der noch auf keiner Karte zu finden ist, weil er so schnell wächst und, weil es ihn im sozialistischen Venezuela gar nicht geben dürfte, treffen wir Nicole. Sie ist 14 Jahre alt und seit einer Woche Mutter. Sie hat hohes Fieber, eine blutige Infektion im Unterleib. Man sieht es ihr an und man riecht es. Sie könnte daran sterben, wenn sie nicht bald zum Arzt geht und Antibiotika bekommt. Doch beides kann sie sich nicht leisten. Der Transport zum Arzt kostet 5.000 Bolivares, etwa ein Dollar - hin und zurück. Für Nicole unerschwinglich. Natürlich helfen wir ihr. Doch viele andere sterben täglich in Venezuela wegen solcher Banalitäten, weil sie das rettende Taxi, den Bus nicht bezahlen können.

Juan Guaidó im ZDF-Interview - "Interventionen wollen die Venezolaner nicht"

Venezuelas Übergangspräsident spricht sich für freie Wahlen in seinem Land aus. Militärische Interventionen "wollen die Venezolaner eigentlich nicht", sagt Guaidó im ZDF-Interview.

Der Umgang der Regierung mit dem allgegenwärtigen Elend ist schizophren. Zum einen wird es abgestritten. Das mehrfach in der Woche gleichgeschaltete Fernsehen zeigt Reden des Präsidenten, die jedes Mal noch mehr Fortschritt und Erfolge vermelden. Wenn nicht genug Unterstützer herbeigekarrt werden können, zeigt das Fernsehen im Split Screen das Publikum von vergangenen Auftritten. Dazu gibt es Bilder von glücklichen Kindern oder etwa von fünf Polizisten, die sich per Video bei El Presidente für drei abgepackte Hähnchen bedankten. Venezolanisches Staatsfernsehen hat etwas von einer Zeitreise. Zum anderen aber schiebt die Regierung, befeuert von russischen und kubanischen Troll-Armeen, die Verantwortung für dieses offiziell nicht existierende Elend auf ein "Embargo" der USA.

Menschen warten auf Wasserversorgung in Caracas
Menschen warten auf Wasserversorgung in Caracas.
Quelle: imago

Tatsächlich schmerzen die US-Sanktionen erheblich. Erst gingen sie gegen Schlüsselfiguren und Banken des Systems, inzwischen auch gegen den Ölsektor. Zwar sind Lebensmittel und medizinische Güter sowie die meisten zivilen Waren davon ausgenommen. Die Nike und Timberland Stores in Caracas führen die aktuellen Kollektionen. McDonalds und Co bleiben geöffnet. Rum und Bier (Polar Gruppe) werden weiter aus Venezuela in alle Welt exportiert. Doch die Lage der Armen hat sich durch die Sanktionen, die eigentlich andere treffen sollen, weiter verschärft. Unmittelbar verantwortlich ist der korrupte Machtapparat. Seinen Profiteuren bleibt schlicht nicht mehr genug übrig, um das bisherige Leben weiter zu führen, so dass sie noch weniger nach unten zu den Menschen durchlassen.

"Kollateralschaden" unter der Zivilbevölkerung in Kauf genommen

Dennoch scheinen die Sanktionen der einzige Weg zu sein, Risse in Maduros Geflecht aus 2.000 Generälen mit gekauften Loyalitäten zu bringen. Aber wie viel "Kollateralschaden" unter der Zivilbevölkerung, von Maduro bewusst in Kauf genommen, kann sich die Opposition im In- und Ausland leisten?

Die Sanktionen sind somit ein zweischneidiges Schwert. Ursache für die allgemeine Misere aber sind sie nicht. Der Niedergang Venezuelas ist hinlänglich dokumentiert. Er begann mit dem Abwürgen der Privatwirtschaft nach der sozialistischen Machtübernahme unter Hugo Chávez und der alleinigen Konzentration auf den Ölsektor. Dessen Milliardengewinne landen bis heute in den Taschen der Generäle und Gönner Maduros. Mit fallenden Ölpreisen blieb immer weniger für den Erhalt der Infrastruktur übrig. Die Fördermenge sinkt daher seit Jahren, die Infrastruktur des Landes zerfällt und bremst die Wirtschaft weiter. Ein Teufelskreis.

Venezuela ist eine Kleptokratie, deren einziges Ziel der Machterhalt ist. Maduro, erst am Sterbebett von Hugo Chavez auf Drängen der Kubaner zu seinem Nachfolger ernannt, verwaltet ein System, das seinen Generälen Geschäfte mit Drogen, Gold und Öl erlaubt und vor allem Kuba, nachrangig Russland, maximalen Einfluss auf das Land ermöglicht. Der von ihm gerne für seine Gegner reservierte Begriff "Marionette" kommt einem in den Sinn.

Maduros Schwäche wurde zuletzt weithin sichtbar, als bekannt wurde, wie plump hinter den Kulissen um die Loyalitäten geschachert wird. Insider erzählen von Verhandlungen mit Generälen über Koffer voller Geld. Gerade hat die Washington Post berichtet, dass bei dem gescheiterten Umsturzversuch vom 30. April alles am Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofs hing, der in letzter Sekunde doch nicht die Seiten wechselte, weil das Angebot nicht gut genug war.

Proteste in Caracas, Venezuela (Archivbild vom 30. April 2019)
Proteste in Caracas im April.
Quelle: ap

An Guaidó traut sich Maduro nicht ran

Auch Juan Guaidó, der junge Oppositionsführer, ist seitdem erheblich geschwächt. Maduro stutzt methodisch sein Umfeld. Fast täglich flüchten Abgeordnete in Botschaften, müssen befürchten, festgenommen zu werden. Irgendwann kann er dann vielleicht ganz das oppositionelle Parlament schließen, dessen Wahl im Jahr 2015 die letzte war, die demokratischen Ansprüchen genügte. Doch an Guaidó selbst traut Maduro sich nicht ran. Er ist noch nicht erledigt, und das hat nichts damit zu tun, dass er seine Gestik und Rhetorik gekonnt bei Barack Obama abgeguckt zu haben scheint.

"Er hat bewiesen, dass er mutig ist, nicht viel mehr, aber das ist eine Menge", sagt Diego - das ist nicht sein richtiger Name - ein Anwalt, Anfang 40. Er berät internationale Firmen bei ihren Geschäften in Venezuela und verdient damit sehr gut Geld. Sein Haus in einem eingezäunten Nobelviertel am Rand von Caracas ist hochmodern. Kunst, aktuelle Technik, Designermöbel. Doch das Wertvollste lagert in einer unscheinbaren Kammer neben der Garage, die mit Stahltüren gesichert ist: Toilettenpapier, Mehl, Wasser und weitere Vorräte für zwei Monate. Stolz zeigt er seinen eigenen Generator. Diego weiß, wie die Geschäfte der Regierung laufen, wie die Sanktionen umgangen werden, wie die Not im Land vom Regime als Waffe gegen die Opposition eingesetzt wird.

Das Passwort seines WLANs lautet "MaduroDictador". Wenn ich ihn nach der Zukunft seines Landes frage, wird er emotional. Eine Mischung aus Wut, Angst und Trauer mischt sich in die Stimme. Es ist ein Gefühl des betrogen Werdens. Ums eigene Land, sein Lebenswerk, die Zukunft seiner Kinder. Und auf einmal sind der reiche Diego und Nicole, die junge Mutter aus dem Elendsviertel, einander sehr nahe. Sie eint das Gefühl des ausgeliefert Seins gegenüber einer dekadenten, sturen Regierung, der es nur um Machterhalt geht. Sie eint das Gefühl nicht Herr des eigenen Lebens sein zu können. Das ist damit gemeint, wenn sie auf den Demonstrationen gegen Maduro "Libertad", Freiheit rufen: Selbstbestimmung.

Guaidó symbolisiert eine echte Alternative

Nicole, Diego und Millionen Venezolaner haben daher gar keine andere Wahl, als weiter auf Guaidó zu hoffen. Dabei geht es weder um seine Person, noch um ein Parteiprogramm, sondern allein um die Tatsache, dass zum ersten Mal in vielen Jahren ein Mensch eine Alternative symbolisiert, weil er sich mit Beharrlichkeit und Mut Respekt und Glaubwürdigkeit erarbeitet hat.

Inhaltlich weiß man wenig über ihn. Seine Partei, die Voluntad Popular, ist offiziell links, gehört zur Sozialistischen Internationale. Ihr starker Mann Leopoldo López aber gilt als stramm rechts. Guaidó hat sich nicht klar positioniert. Zu mir hatte er im Januar gesagt, dass er sich nur als Übergangspräsident sieht, danach López das Feld überlassen möchte.

Auch die weltpolitische Dimension des Konfliktes steht für die Menschen ganz weit hinten. Sogar der Frage nach einer Intervention der USA, die Guaidó vor ein paar Tagen selbst ins Spiel gebracht hat, ohne zu präzisieren, was er sich darunter vorstellt, begegnen hier in Caracas viele mit Achselzucken. Manche phantasieren, dass die Amerikaner Maduro einfach aus dem Palast zerren würden. Oder Krieg? Schlimmer als jetzt kann’s nicht werden, sagen viele. Man könnte meinen, die Venezolaner seien des Friedens, dieses "Friedens" müde. Eine gefährliche Stimmung. Aber eigentlich denkt keiner so weit, außer: Alles ist besser als das Bestehende. Je nachdem, wen man fragt, was man liest, wollen 80 bis 85 Prozent ein Ende der Herrschaft von Maduro. Das deckt sich mit unseren Erfahrungen.

Der Machtkampf in Venezuela bleibt offen

Maduro wollte sich offenbar nach Kuba absetzen. Archivbild
Präsident Maduro
Quelle: Zurimar Campos/Prensa Miraflores/dpa

Beide Seiten können im Moment den Kampf nicht aus eigener Kraft gewinnen, sind angewiesen auf Hilfe von außen. Bezieht man den Faktor der Menschen mit ein, hat Guaidó einen immensen Vorteil. Das ist auch der Grund, warum die propagandistische Bezeichnung als Marionette der USA gerade den Venezolanern gegenüber schlicht verächtlich ist. Wenn es auch unbestritten ist, dass er ihre Hilfe unverhohlen sucht. Maduro dagegen genießt kaum Respekt im Volk, wird auch hier als Herrscher von Kubas (und immer deutlicher Russlands) Gnaden angesehen, im besten Fall noch als Stellvertreter auf Erden des immer noch von vielen verehrten Hugo Chávez.

Und doch wage ich keine Prognose. Wie das Beispiel Syrien gezeigt hat, braucht ein herrschendes System keinerlei Legitimation und keinerlei Rücksicht auf zivilisatorische Standards zu nehmen, wenn Russland fest entschlossen ist, es zu stützen und der Westen nicht im gleichen Maße gegen hält. Der Machtkampf in Venezuela bleibt also offen.

Ein Bericht von:

  • Christoph Röckerath

    ZDF-Korrespondent in Rio de Janeiro

Doku-Tipp: "Machtkampf um Venezuela - Ein Land am Abgrund"

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