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Parteien online - Wahlkampf: Web 2.0 nicht kapiert?

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Was machen die Spitzenkandidaten eigentlich online? Eine Analyse zeigt, mit welchen Posts Merkel, Schulz & Co. bei Facebook besonders erfolgreich sind. Und dass bis auf eine Ausnahme kaum Dialog stattfindet. Die Ergebnisse sind verräterisch.

Wahlkampf in Deutschland ist überwiegend analog. Der Wahlkampf im Netz kommt noch nicht so richtig in Gang.

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Es ist der 25. Juli nachmittags, da lädt das Social-Media-Team der Bundeskanzlerin ein neues Foto bei Facebook hoch. Es ist ein Wahlkampffoto vor den schwarz-rot-goldenen Formen, die auch die CDU für ihre Plakate nutzt. Merkel schaut freundlich, die Lippen geschlossen, direkt in die Kamera. Ein typisches Politikerfoto in Zeiten des Wahlkampfs.
Mehr steht da nicht, kein Text, nicht mal ein Smiley. Und doch ist dieses Foto der bisher mit Abstand erfolgreichste Statuspost von Angela Merkel bei Facebook im laufenden Jahr - also der mit den meisten "Likes" und Kommentaren. Das ist eines der Ergebnisse einer Analyse, die die Kölner Softwarefirma Quintly bei allen Spitzenkandidaten der deutschen Parteien durchgeführt hat.

Nur wenige Facebook-Fans

Und was folgt auf Platz zwei der beliebtesten Facebook-Posts bei Angela Merkel? Wieder ein neues Profilfoto - diesmal das aus dem Januar. Und auf Position drei: ihre Ostergrüße in diesem Frühjahr. Inhalte ziehen offenbar nicht so sehr bei der Kanzlerin auf Facebook.
Anders dagegen bei Martin Schulz. Zwar ist auch sein erfolgreichster Post eher inhaltsleer (darin wünscht er allen Musliminnen und Muslimen ein schönes Zuckerfest). Doch auf Position zwei und drei folgen die Inhalte: erst ein Post zur "Ehe für alle", dann eine Statusmeldung, in der Schulz sich gegen Großveranstaltungen von Erdogan in Deutschland ausspricht.

Die Frage ist nur, wer das überhaupt mitbekommt. Denn um solche Posts zumindest theoretisch sehen zu können, müssten die deutschen Facebook-Mitglieder auch Fans der Spitzenkandidaten werden. Bei Martin Schulz sind das aktuell rund 350.000 Facebook-Profile - die meisten vermutlich ohnehin eingefleischte SPD-Anhänger. Bei der Kanzlerin sind es zwar deutlich mehr (2,5 Millionen) - doch nach der Quintly-Analyse kommt nur ein Viertel ihrer Fans überhaupt aus Deutschland, kann sie also zumindest theoretisch wählen. Nur zum Vergleich: Ein Fußballer wie Thomas Müller hat 9,5 Millionen Fans auf Facebook.

Dialog auf Facebook? Fehlanzeige

Ein Vorteil der sozialen Medien, so heißt es aus den Parteien, sei übrigens die direkte Kommunikation mit den Wählern. "Online-Wahlkampf ist keine Einbahnstraße der Kommunikation mehr", sagt etwa SPD-Generalsekretär Hubertus Heil im ZDF-Interview. Doch die Analyse von Quintly zeigt exklusiv für das ZDF, dass es die Spitzenkandidaten mit der direkten Kommunikation auf Facebook nicht so ernst meinen. Auf Fragen oder Kommentare der User antworten sie beziehungsweise ihre Teams nur äußerst sporadisch.

So zeigt eine Stichprobe der letzten beiden Juli-Wochen, dass Merkel oder ihr Team kein einziges Mal auf einen Kommentar oder eine User-Frage geantwortet haben. "Der große Vorteil von sozialen Medien ist die Interaktion - doch viele der Parteien und Spitzenkandidaten nutzen diesen Vorteil nicht", sagt Tilo Kmieckowiak von Quintly, der die Studie durchgeführt hat.

Auch die anderen Spitzenkandidaten tun das kaum. In der Stichprobe verzeichnet die Analyse jeweils nur eine einstellige Zahl von Reaktionen auf User-Kommentare: ob von SPD-Mann Schulz, Sahra Wagenknecht von der Linkspartei, Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir von den Grünen, Joachim Herrmann von der CSU oder Alice Weidel von der AfD. "Da haben die deutschen Parteien nicht verstanden, dass im Web 2.0 nicht einfach nur Platz für Pressemitteilungen ist, sondern dass dort Gespräch stattfindet sollte", kritisiert Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler und Wahlkampf-Experte von der Universität Hohenheim.

Einzige Ausnahme in der Stichprobe übrigens ist FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner. Er beziehungsweise sein Team antworten regelmäßig auf Fragen und Kommentare der User. In den untersuchten zwei Wochen waren es immerhin 69 Reaktionen - einsamer Spitzenwert.

Dem Autor auf Twitter folgen: @fneuhann

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