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Eine Woche nach Erdbeben - Obdachlos und traumatisiert: Lombok im Elend

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Eine Woche nach dem schweren Erdbeben auf der indonesischen Insel Lombok ist von Alltag keine Spur. Tausende Bewohner leben in Hilfscamps, die Suche nach Vermissten geht weiter.

Das Erste, was einem auffällt, wenn man sich dem Epizentrum des Erdbebens im Norden Lomboks nähert, sind die menschenleeren Strände. Die verwaisten Hängematten und Liegestühle, Beachvolleyball-Anlagen, auf denen niemand spielt. Und Strandhütten, an denen niemand Ananas und Mango verkauft. Die tausenden von Touristen, die das Erdbeben auf der indonesischen Ferieninsel vom vorvergangenen Sonntag mit mehr als 400 Toten erlebt und überlebt haben, sind abgereist oder in den vermeintlich sicheren Süden der Insel gefahren.

Zurück bleiben die Einheimischen, die nun in Zelten hausen oder in Hilfscamps die Tage und Nächte verbringen. Und zurück bleibt auch eine Wüste der Zerstörung, die das Grauen greifbar macht, was sich dort vor wenigen Tagen in wenigen Sekunden abgespielt hat: die Wellblechhütten der ärmsten Bewohner - komplett zerstört. Die Moscheen - bis auf die Grundmauern zusammengesackt. Oft schaut nur die Kuppel schief aus den Trümmern hervor. Die Geschäfte, Restaurants, Bars und Wohnhäuser - entweder mit offenen Dächern, eingestürzten Wänden oder statisch verschoben. Auf jeden Fall unbewohnbar.

Karte von Indonesien mit Lombok und Bali
5. August 2018: Bei dem Beben der Stärke 7,0 sind offiziellen Angaben zufolge 436 Menschen getötet worden. Tausende Wohnhäuser stürzten ein, Schätzungen zufolge verloren 350.000 Menschen ihr Obdach.
Quelle: ZDF

Lichtblicke nach der Katastrophe

In den am schlimmsten betroffenen Städten Tanjung und Karang Pansor hat die indonesische Armee Hilfscamps eingerichtet. Hilmi, der Leiter der Kinderstation in Tanjung, führt durch die improvisierte Zeltstadt auf dem Dorfplatz. Es gibt Zelte, in denen Familien wohnen, Kinder zur Schule gehen, Ärzte Verletzte versorgen und einen OP-Saal. Die schnelle Hilfe des Militärs sieht beeindruckend aus, aber reicht sie aus? "Wir sind in der Lage, diese Krise allein zu stemmen", sagt Ahmad Rizal Ramdhani zum ZDF. Der Oberst leitet nicht nur den Militäreinsatz im Camp, sondern in der gesamten Region. Die Vermutung liegt nahe, dass die indonesische Regierung im Hinblick auf die kommenden Parlamentswahlen im April 2019 Stärke und Entschlossenheit demonstrieren will.

Unter den freiwilligen Helfern im Camp ist Dini. Sie leitet eigentlich einen Reise-Startup in Bandung auf Java. Nun arbeitet sie als Lehrerin in einem der Zelte, malt und singt mit den Kindern und versucht, den Alltag, der keiner ist, soweit es eben geht angenehmer zu gestalten. "Manche der Kinder sind traumatisiert, manche weinen nur noch und lassen ihre Mütter nicht mehr los", sagt sie. Im ganzen Elend gibt es auch Lichtblicke. "In den ersten fünf Tagen kamen fünf Babys im Camp zur Welt", sagt Tanty, eine freiwillige Helferin aus Jakarta, die den Kommandanten unterstützt.

Von Erdmassen begraben worden

Im Zelt der Einsatzleitung steht Agus mit einem Funkgerät in der Hand. Der Leiter der Rettungskräfte und seine Hundertschaft suchen seit Tagen nach Vermissten unter Schutt und bergen doch nur Tote. Er nimmt den Reporter mit nach Rempek, einem Dorf im Inselinneren, eineinhalb Autostunden nordöstlich von Tanjong. Dort, an den Hängen der Bananenplantagen, sucht seine Mannschaft nach zwei Verschütteten, die zur Zeit des Bebens auf dem Feld gearbeitet haben und von Erdmassen begraben worden sind. "Sie hatten bei diesem Erdrutsch keine Überlebenschance", sagt Agus. "Aber wir sind es den Angehörigen schuldig, nach ihnen zu suchen."

Knapp eine Woche nach dem Beben finden seine Männer einen Leichnam unter drei bis vier Metern Erde. In einem Plastiksack, der von vier Rettungskräften getragen wird, bringen sie ihn hinunter ins Dorf und informieren die Angehörigen. Auf Bitten der Angehörigen des zweiten Vermissten geht die Suche am nächsten Tag weiter.

An Alltag ist auch eine Woche nach dem Beben nicht zu denken. 50 Kilometer entfernt, in der Insel-Hauptstadt Mataram, ruft der Muezzin draußen vor der Moschee zum Freitagsgebet auf - zu unsicher wäre das Gebet im Inneren des Gotteshauses. "Die Angst vor den Rissen in den Wänden und vor weiteren Nachbeben ist zu groß", sagt Measa, der mit seinen Freunden Amat und Safrayadi zum Gebet erscheint.

Vom Insel-Paradies zum Albtraum

Judith Edel arbeitete bis zum vorvergangenen Sonntag als Tauchlehrerin auf den benachbarten Gili-Inseln in der Nähe des Epizentrums. Die drei Inseln sind normalerweise ein Paradies für Rucksackreisende und locken mit feinen Sandstränden, Korallenriffen und türkisfarbenem Wasser. Nun wurden sie zum Albtraum für tausende Touristen. "Zunächst haben alle aus Angst vor Nachbeben am Strand geschlafen, dann aus Angst vor Tsunamis auf dem einzigen Hügel der Insel ausgeharrt", sagt Judith Edel. Und auch hier, so schildert es die 32-Jährige, sei die Hilfe des Militärs bei der Evakuierung schnell angelaufen.

Zutritt zu den Trauminseln haben momentan nur die Besitzer der Ferienanlagen und Mitarbeiter, die dort auf den Inseln leben. Die Ferienanlagen, so sagt es Judith Edel, hätten das Beben relativ unbeschadet überstanden, die einfachen Häuser der Einheimischen, die mit billigem Material gebaut wurden, nicht.

Staatschef will im Hilfscamp übernachten

Für Judith Edel, die seit über einem Jahr auf Gili lebt und ein bisschen Bahasa Indonesia spricht, kam eine schnelle Rückkehr nach Deutschland nicht infrage; sie blieb, um zu helfen. "Unsere Angestellten haben alle ihr Zuhause verloren, die konnte ich nicht einfach im Stich lassen", sagt sie. Zudem sei ihr Engagement die beste Art und Weise, das Trauma des Erlebten zu verarbeiten. Zusammen mit Freunden und einem Kleinlaster klappert sie nun im unzerstörten Süden der Insel die Supermärkte ab, kauft Babynahrung, Wasser, Lebensmittel und verteilt sie in den Heimatdörfern ihrer Mitarbeiter oder im Camp in Tanjung.

Dort lässt sich heute auch der indonesische Präsident Joko Widodo blicken. Er will Tatkraft demonstrieren, mit Worten trösten und sich bei Militär und Freiwilligen bedanken, so heißt es. Und er will Nähe demonstrieren. Denn Widodo schläft heute Nacht auf einem Feldbett im Camp - zwischen Obdachlosen, Verletzten und Einsatzkräften.

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