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Einflussnahme im Klassenzimmer - Wirtschaft versucht "Köpfe der Kinder zu erobern"

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Privatwirtschaftliche Interessen unterhöhlen den staatlichen Bildungsauftrag, meint der Bildungsforscher Tim Engartner. "Dieser Trend ist bedenklich."

Der Bildungsforscher Prof. Tim Engartner sagt, Unternehmen und Wirtschaftsverbände versuchten, den Schonraum Schule zu kapern und den Unterricht in ihrem Sinne zu beeinflussen.

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8 min
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makro: Der Einfluss der Wirtschaft auf das Bildungswesen nimmt zu. Sie sprechen von Schleichwerbung im Klassenzimmer. Wo genau liegt in Ihren Augen das Problem?

Tim Engartner: Die Schule ist ein Erfahrungs-, Schutz- und Sozialisationsraum, in dem Kinder und Jugendliche sich ganzheitlich bilden können sollen. Einzelne Unternehmen, Verbände und Initiativen versuchen jedoch, die Köpfe der Kinder zu erobern. Das Kernproblem dieser Öffnung von Schule gegenüber privatwirtschaftlichen Interessen liegt in dessen chronischer Unterfinanzierung, die sich in baufälligen Schulgebäuden und hohem Unterrichtsausfall ebenso niederschlägt wie in einem Mangel an professionell ausgebildeten Lehrkräften. Und eine kohärente Praxis der kritischen Wachsamkeit, beispielsweise durch eine bundesweite Prüfstelle für kostenlose Unterrichtsmaterialien, liegt leider in weiter Ferne.

makro: Apple, Google & Co rüsten Schulen mit Tablets und sonstiger IT aus und ermöglichen so einen modernen, multimedialen Unterricht. Schulen sind darüber oft heilfroh. Sind Sie hier weniger kritisch?

Engartner: Natürlich müssen Schulen auf die Digitalisierung der jugendlichen Lebenswelten reagieren und dürfen nicht in analogen Bildungswelten verhaftet bleiben. Aber während abzuwarten bleibt, ob der milliardenschwere "Digitalpakt Schule" Lehrenden und Lernenden das Lehren und Lernen wirklich erleichtert, steht schon jetzt außer Frage, dass Digitalkonzerne wie Apple, Google, Microsoft und Samsung mit lukrativen Aufträgen rechnen dürfen. Die Praktiken in den USA lassen vermuten, dass sie die fünf Milliarden Euro des Bundes sowie die mindestens 500 Millionen Euro der Länder in den kommenden fünf Jahren auch nutzen werden, um ihre Hard- und Software im Paket mit Lehrerfortbildungen, Lernplattformen und Unterrichtsmaterialien anzubieten.

makro: Es gibt einen Streit darüber, inwiefern schulische oder universitäre Bildung auf den Beruf vorbereiten, mithin also Anforderungen der Wirtschaft berücksichtigen soll. Wo positionieren Sie sich hier?

Engartner: Das scheinbar unstillbare Verlangen nach Verwertbarkeit von Wissen auf dem Arbeitsmarkt ist in Eltern-, Schüler- und Studierendenschaft leider weit verbreitet. Die ökonomistische Wende von Bildung geht jedoch zu Lasten einer auf Urteils-, Reflexions- und Kritikfähigkeit zielenden Bildung.

makro: Sie sind kein Freund der Idee, ein Schulfach Wirtschaft einzuführen. Aber wäre es nicht wichtig, hier mehr Kompetenzen zu vermitteln?

Engartner: Ökonomische Kompetenz ist in einer zunehmend ökonomisierten Gesellschaft zweifellos unabdingbar. Zugleich muss man aber sehen, dass es eine Vielzahl weiterer gewichtiger bildungspolitischer Anliegen gibt. Sprachwissenschaftler monieren gravierende Lese- und Schreibdefizite. Technikdidaktiker bedauern, dass die Funktionsweise einer Induktionsschleife im Land der Ingenieure auch nach Abschluss der allgemeinen Hochschulreife nicht mehr als bekannt vorausgesetzt werden könne. Und politische Bildner hadern damit, dass die Mehrheit der Bevölkerung nicht weiß, was unter einem konstruktiven Misstrauensvotum zu verstehen ist. Vor diesem Hintergrund eine Stärkung der ökonomischen Bildung zu fordern, ist nicht sachgerecht. Überdies läuft ein Fach "Wirtschaft" Gefahr, zu einer Mathematisierung der formalen Mikroökonomie oder einer betriebswirtschaftlich ausgerichteten Berufsausbildung zu verkommen.

Sechs Fakten zu Privatschulen:

makro: Es gibt seit etlichen Jahren einen Trend zu Privatschulen und privaten Universitäten. Wie bewerten Sie das?

Engartner: Dieser Trend ist bedenklich, zumal wenn man berücksichtigt, dass mehr als die Hälfte der Eltern ihre Kinder an einer Privatschule anmelden würde, wenn das teils üppige Schulgeld keinen Hinderungsgrund darstellte. Damit verstärkt das Schulsystem die ohnehin gravierenden sozialen Selektionseffekte, denn schon jetzt hat die soziale Herkunft in keinem vergleichbaren Staat derart entscheidenden Einfluss auf den Schulerfolg wie in Deutschland. Privatuniversitäten dürften hierzulande erst dann konkurrenzfähig sein, wenn ihr Renommee wächst. Von US-amerikanischen Verhältnissen mit einer Ivy League aus reichen Privatuniversitäten sind wir seit der Abschaffung der Studiengebühren an staatlichen Hochschulen noch weit entfernt. Dennoch ist auch das staatliche Hochschulsystem mangels einer ausreichenden staatlichen Grundfinanzierung immer stärker auf Drittmittel angewiesen.

Das Interview führte Carsten Meyer.

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