Sie sind hier:

Polizei-Arbeit in den USA - Verdächtige am Social-Media-Pranger

Datum:

Seht her, so arbeiten wir: Einige Polizeidienststellen in den USA erregen mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit die Gemüter. Weil sie Verdächtige und ihre mutmaßlichen Delikte auf Facebook präsentieren. Die Polizei findet das weitestgehend in Ordnung, die Betroffenen sind - wie einige Bürger auch - empört.

Ein Krimi zur Krise der US-Polizei

Beitragslänge:
5 min
Datum:

Eine Autofahrerin im US-Staat Massachusetts pflügt sechs Pfosten mit Briefkästen an einer Straße um, spricht undeutlich und sagt der Polizei, dass sie eine große Eidechse in ihrem Büstenhalter habe. Der Beamte, der sich der Sache annimmt, findet das alles offenbar nicht nur sträflich, sondern auch amüsant. Das Ergebnis: Die Fahrerin findet die Geschichte auf der Facebook-Seite der Polizeiabteilung wieder, samt Fotos von ihr, den entstandenen Schäden und, natürlich, ihrer Echse.

"Zielschiebe von Spott"

Das Vorgehen dieses Ordnungshüters ist kein Einzelfall. Immer mehr Polizeiabteilungen benutzen Facebook, um die Gemeinde über das zu informieren, was sie tun - und wen sie festnehmen. Und einige witzeln auch, aber die Betroffenen finden das natürlich alles andere als lustig. Auch Bürgerrechtsgruppen äußern Kritik. Die Veröffentlichung von Polizeifotos - den meist wenig schmeichelhaften Aufnahmen, die nach der Festnahme von mutmaßlichen Straftätern gemacht werden - und die herabsetzenden Beschreibungen von Verdächtigen und Abläufen kämen einer öffentlichen Beschämung gleich, beklagen sie. Dabei seien die Betroffenen noch nicht verurteilt, und solange es dabei bleibe, müssten sie als unschuldig gelten.

"Es macht sie zur Zielscheibe von Spott, dabei haben sie wahrscheinlich ohnehin schon ihren schlechtesten Tag erlebt", sagt Arisha Hatch von der Bürgerrechtsgruppe Color of Change. Die Organisation hat kürzlich erreicht, dass die Polizei in Philadelphia auf ihrer Facebook-Seite keine "Verbrecherfotos" mehr postet. Derartige Veröffentlichungen könnten großen Schaden "für Leute anrichten, die Eltern sind, die einen Arbeitsplatz haben - ein Leben, zu dem sie wieder zurückkehren müssen", sagt Hatch.

Der Fall der Autofahrerin ereignete sich in Taunton, einer Stadt mit 70.000 Einwohnern gut 60 Kilometer südlich von Boston, und die Facebook-Schilderung über eine anscheinend alkoholisierte Frau mit einen Echse im BH erregte großes Aufsehen. Der Polizist schrieb, dass die Frau die Briefkastenpfähle mit voller Wucht umgemäht habe, einige seien in die Luft geflogen. Dann sei das Auto von der Straße abgekommen, durch einen Rasen gepflügt und schließlich unter ein paar Bäumen zum Stillstand gekommen.

Milde Rüge vom Chef

Viele Leser lobten die Polizei. "Großartige Arbeit geleistet (dabei, Betrunkene von der Straße zu holen und uns zu unterhalten)", schrieb eine Frau. Aber andere fanden das Ganze unangemessen. So etwas sei genau der Grund, "warum Leute die Polizei nicht mögen/nicht respektieren", kommentierte ein Mann. Die Frau, der Trunkenheit am Steuer und anderes angelastet wird, hat auf nicht schuldig plädiert.

Der Polizist sagt, dass alles, was er zu dem Fall geschrieben habe, wahr sei. "Ich habe kein Problem damit", sagte er in einem Interview. "Kann man zu weit gehen? Ich nehme an, man könnte es. Ich glaube aber, dass es nicht auf mich zutrifft. Ich versuche, lediglich zu berichten, was geschieht." Dennoch erhielt er eine milde Rüge vom Polizeichef. "Er sagte, "mäßige es ein bisschen"", schilderte der Polizist.

Unschuldig am Pranger

Ein anderer Betroffener aus Philadelphia wäre nach eigenen Angaben beinahe aus einer Schule für Schönheitspflege geflogen, als Lehrer sein Polizeifoto auf Facebook sahen. Er war 2016 angeklagt worden: In einem Haus, das er zur Betreuung eines Kunden aufgesucht hatte, waren bei einer polizeilichen Durchsuchung Drogen gefunden worden. Die meisten Anklagepunkte gegen ihn wurden bereits vor Prozesseröffnung fallengelassen, und in dem einzigen noch verbliebenen Punkt wurde der Mann freigesprochen.

Er habe sich durch die Facebook-Veröffentlichung erniedrigt gefühlt, sagt der 24-Jährige. "Ich war damals wütend. Ich wurde für nicht schuldig befunden. Sie (die Polizei) zeigen ohne weiteres die Gesichter von Leuten, als ob das in Ordnung wäre."

In Marietta (Bundesstaat Georgia) machte sich die Polizei über einen Mann lustig, der des Ladendiebstahls in einer Pfandleihe verdächtigt wurde. Er habe wohl vergessen, dass er dem Angestellten im Laden beim Abschluss eines Geschäftes vor dem Diebstahl seinen Ausweis mit allen persönlichen Daten gegeben habe, mokierte sich die Polizei im Dezember auf Facebook. Zudem sei der Vorfall von einer Überwachungskamera aufgenommen worden. "Wenn du es so leicht machst, nimmst du (uns) allen Spaß, schlechte Kerle zu verfolgen!"

Fotos rechtlich kein Problem

Der Polizeichef in South Burlington (Vermont), Trevor Whipple, war zunächst dafür, Polizeifotos auf Facebook zu posten. Aber dann registrierte er herabwürdigende Bemerkungen von Lesern über die Verdächtigen - von deren Frisur bis zu deren Intelligenz. Nach einem Jahr stellte die Polizei die Facebook-Praxis ein. "Wollen wir unsere Facebook-Seite nutzen, um Leute zu beschämen?" so Whipple. Aus rechtlicher Sicht sei die Veröffentlichung der Polizeifotos jedoch kein Problem, da diese ohnehin öffentlich zugänglich seien.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.