Einzelhandel vor extremen Herausforderungen

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Tarifverhandlungen - Einzelhandel vor extremen Herausforderungen

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Die Tarifverhandlungen im Einzelhandel sind in Baden-Württemberg in vollem Gange. Doch in der aktuellen Zeit können die Gespräche schnell zu einem Tanz auf Messers Schneide werden.

Einzelhandel Schließen - Typical
"Gerade traditionsreiche Händler finden in den Innenstädten kaum noch Platz, weil sie die aufgerufenen Mieten nicht bezahlen können.", sagt Bernhard Franke, Fachbereichsleiter Handel von Verdi Baden-Württemberg. (Archivbild)
Quelle: dpa

"Gutes Geld für gute Arbeit" - so lautet der Slogan von Verdi für die Entgelttarifrunde im Einzelhandel. Die Gewerkschaft möchte laut Bernhard Franke, dem Fachbereichsleiter Handel von Verdi Baden-Württemberg, deutliche Verbesserungen der Realeinkommen erreichen: "Es bleibt ein gesellschaftlicher Skandal, dass ein großer Teil der Menschen, die im Handel arbeiten, immer noch arm sind, trotz Arbeit und auch im Alter nur Armutsrenten erwarten können."

Gehalt? Nur eine von vielen Baustellen

Der Handel befindet sich in einem starken Wandel. Die Gehaltsstrukturen sind nur eine der vielen Baustellen, mit denen er sich beschäftigen muss. Die Herausforderungen, denen sich die Unternehmen heute stellen müssen, sind mannigfaltig: Konkurrenz aus dem Internet, bezahlbare Mieten von Immobilien in den Innenstädten und der Fachkräfte-Mangel setzen den Einzelhändlern zu. "Die Arbeitgeber sehen die wachsende Konkurrenz des Online-Handels als ihr Hauptproblem an", sagt Franke.

Sie sollten endlich begreifen, dass sich der Handel nach den Kundenwünschen richten muss.
Bernhard Franke

Seiner Meinung nach ist aber mit "Jammern und Kosten senken nichts gewonnen". Laut dem Gewerkschafter müsste sich der stationäre Handel auf seine Kernkompetenz fokussieren und dabei seine Stärken gezielter ausspielen: "Sie sollten endlich begreifen, dass sich der Handel nach den Kundenwünschen richten muss."

Denn wenn ein Kunde heute ins Kaufhaus geht, erwartet er ein schönes Einkaufserlebnis. "Er will es mit allen Sinnen erleben - fühlen, sehen, riechen - sonst kann er auch online bestellen", fügt Franke hinzu. Dazu gehören für den Gewerkschafter eben auch Service und Beratung.

Online-Handel bleibt größter Konkurrent

Die Kosten werden gesenkt und dann wundert man sich, warum der Kunde lieber online shoppen geht.
Bernhard Franke

Und genau an diesen mangelt es gewaltig: "Die Warenhäuser reduzieren nicht nur die Preise, sondern gleichzeitig auch das Personal und somit wird der Kunde, der ins Geschäft kommt meist durch einen anderen Kunden beraten, und nicht, wie es eigentlich sein sollte, vom qualifizierten Fachverkäufer." Bernhard Franke nennt diesen Zustand ein "downtraden des Handels" und moniert: "Die Kosten werden gesenkt und dann wundert man sich, warum der Kunde lieber online shoppen geht."

Für Sabine Hagmann vom Handelsverband Baden-Württemberg stellt gerade der wachsende E-Commerce-Bereich eine große Herausforderung dieser Tage dar: "Gerade aus dem Ausland drücken immer mehr Anbieter auf den deutschen Markt." Früher musste man einen Laden in einer Innenstadtlage haben, um präsent zu sein und da war laut Hagmann die Konkurrenz eben nicht so schnell dabei. "Heute bedingt das unterschiedliche Kundenverhalten, dass immer mehr Anbieter aus Amerika und Asien Geschäfte machen und somit diese Kunden, dem deutschen Einzelhandel nicht mehr zur Verfügung stehen", betont die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg.

Franke: Einzelhandel wird von Immobilien getrieben

Für Verdi-Mann Franke wirken sich aber auch städteplanerische Konzepte negativ auf den stationären Handel in den Innenstädten aus: "Der Einzelhandel findet leider total Immobilien getrieben statt." Stadtentwicklung ist laut Franke nur denkbar, wenn man Neubauten mit Einzelhandelsketten füllt, was bei Bestandsgebäuden zu Leerständen führt.

Gerade traditionsreiche Händler finden in den Innenstädten kaum noch Platz, weil sie die aufgerufenen Mieten nicht bezahlen können.
Bernhard Franke

"Gerade die großen traditionsreichen Handelsunternehmen wie Karstadt sind nur noch als Immobilienobjekte interessant", erklärt der Gewerkschafter. Daraus ergibt sich für ihn ein riesen Problem: "Die Innovationskraft des Handels wird im Keim erstickt."

Die Unternehmen, die mittlerweile hinter den großen Handelsketten stehen, verdienen nicht am eigentlichen Kerngeschäft - dem Handel - sondern machen durch die hohen Mieten ihren Umsatz. "Gerade traditionsreiche Händler finden in den Innenstädten kaum noch Platz, weil sie die aufgerufenen Mieten nicht bezahlen können, und selbst Warenhaus-Ketten wie Karstadt schreiben rote Zahlen, weil die Mietpreise horrend sind", fügt Franke hinzu.

Teilzeit-Beschäftigung = Qualitätsverlust?

Auch bereite es ihm aus gewerkschaftlicher Sicht zunehmend Sorgen, dass der Einzelhandel zur Niedriglohn-Branche verkomme. "Verkäufer haben nie viel verdient, aber mittlerweile verzeichnen wir eine fatale Entwicklung - die Menschen werden in finanzielle Grenzbereiche gedrängt", so Franke. Flexibilität lautet das Gebot der Stunde weshalb die Beschäftigten hauptsächlich in Teilzeit angestellt werden. "Das führt unweigerlich zu Qualitätsverlusten bei den Verkäufern", fügt Verdi-Mann Franke hinzu.

In der Summe ist der Einzelhandel schon herausfordernder geworden, als noch vor zehn Jahren.
Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Handelsverband Baden-Württemberg

Sabine Hagmann vom Handelsverband Baden-Württemberg sieht die steigenden Kosten allgemein als ein großes Problem des Handels an: "Der Kunde erwartet Events und  möchte tolle, wechselnde Einrichtungen sehen. Das ist verstärkt mit Anstrengungen, aber vor allem auch Kosten verbunden, die der Händler leisten muss."

Auch ist der Fachkräftemangel eine große Herausforderung, die es zu bewältigen gilt. "Der Kunde möchte immer mehr Service, dazu braucht man einerseits Geld, aber andererseits auch die Menschen, die diesen Service bieten können", erklärt Hagmann. Sie verweist dabei auch auf die niedrige Arbeitslosenquote, die natürlich auch Auswirkungen auf die Personal-Probleme in der Branche hat.

"In der Summe ist der Einzelhandel schon herausfordernder geworden, als noch vor zehn Jahren", konstatiert die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg. Sie erinnere sich noch an die 1970er, 1980er Jahre, "als es noch viel einfacher war, Einzelhandel zu betreiben".

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