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Klimawandel im Arktischen Ozean - Dramatische Eisschmelze nördlich von Grönland

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Nicht nur in Deutschland ist es in diesem Jahr besonders warm – auch in Grönland. ZDF-Wetterexperte Özden Terli hat darüber mit dem Meereis-Physiker Thomas Krumpen gesprochen.

Luftaufnahme des nicht mehr von Eis bedeckten Bodens von Ellesmere Island
Eisschmelze nördlich von Ellesmere Island
Quelle: Alfred Wegener Institut AWI

Mittlerweile kann man das Wettergeschehen nicht mehr nur lokal betrachten. Alles hing und hängt miteinander zusammen, und so wirkt sich eine ungewöhnliche Lage des Jetstreams, zum Beispiel über Grönland, schwerwiegend nicht nur auf Europa aus. Die dramatischen Folgen des menschgemachten Klimawandels werden stärker sichtbar und vor allem spürbar. Forscher sehen eine weitere Verschärfung der Lage nicht in vielen Jahrzehnten, sondern jetzt.

Überraschungen, auf die wir nicht vorbereitet sind

Ein besonders wichtiges Forschungsgebiet ist dabei die Arktis. Denn dort steigen die Temperaturen weltweit noch viel schneller. Doppelt so schnell wie sonst auf unserem Planeten. Seit Ender der 1980er Jahre wird die Arktis von Satelliten erforscht und beobachtet. Dabei ist eine Entwicklung offensichtlich: Das Eis geht in zweierlei Hinsicht zurück – zum einen wird die Fläche des Arktischen Ozeans, die noch von Eis bedeckt ist, immer kleiner, und zum anderen wird das noch vorhandene Eis immer dünner. Und eine Anomalie nördlich von Grönland zeigt: Es gibt Überraschungen, auf die auch die Wissenschaftler nicht vorbereitet sind. Dort ist Eis geschmolzen, das normalerweise auch im Sommer nicht verschwindet. Thomas Krumpen vom Alfred-Wegener-Institut für Polar-und Meeresforschung (AWI) erklärt, was dort passiert.

Özden Terli: Dr. Krumpen, können Sie mir schildern, was Ihre Arbeit im Norden Grönlands war? Sie waren mit dem Flugzeug unterwegs?

Thomas Krumpen: Genau, wir waren sogar vor dem Forschungsschiff "Polarstern" in der Gegend. Das Flugzeug hat eine Art Sonde, die wir an einer Winde runterlassen, die ähnlich einem Metalldetektor, die Dicke der Eisdecke messen kann. Das Flugzeug fliegt auf etwa 100 Meter, also im Tiefflug, während das Gerät selber, auf einer Höhe von 20 Metern hängt und so fliegen wir im Frühjahr, aber auch im Sommer über das Packeis, um die Eisdicke zu vermessen.

Terli: Was haben Sie gemessen? Auf den Satellitenbildern der Nasa sieht man große Flächen, wo kein Eis zu erkennen ist, nur der Ozean ist sichtbar. Haben Sie das auch real gesehen?

Das Forschungsflugzeug "Polar 5" - eine DC-3 des AWI - auf einer Eisfläche
Das Forschungsflugzeug "Polar 5" ist eine DC-3 aus den 40er Jahren
Quelle: AWI

Krumpen: Ja, klar: Diese eisfreien Flächen sind geradezu omnipräsent, zumindest im nordöstlichen Bereich von Grönland. Unabhängig von der Anomalie war unsere Aufgabe zunächst mit dem Flugzeug so weit zu fliegen, wie es irgendwie geht. Wir sind letztes Jahr bis zum Nordpol geflogen. Das Flugzeug ist eine DC-3, also ein alter "Rosinenbomber" aus den 40er Jahren. Der ist aber umgerüstet, extrem stabil und robust, für solche Bedingungen also geeignet. Grundsätzlich wollten wir erstmal lange Strecken fliegen, um eine repräsentative Eisdickenmessungen zu bekommen.

Terli: Wissenschaftler äußerten sich dahingehend besorgt, dass es sowas noch nie gegeben hätte und dass da eigentlich ewiges Eis sein müsste. Teilen Sie diesen Eindruck?

Krumpen: Grundsätzlich zu dieser Situation: Wir sind jetzt in der glücklichen Lage, dass wir wahrscheinlich als einzige in der Region wirklich Messdaten haben – also schon vom Sommer selber. Dazu aber auch schon Daten vom Frühjahr – wir waren also im Frühjahr exakt in der gleichen Lage unterwegs. Und meiner Einschätzung nach ist diese Anomalie, die man jetzt beobachtet hat, auf ein Ereignis zurück zu führen, das deutlich früher stattgefunden hat – nämlich Ende Februar.

Sehr starke warme südliche Winde führten Anfang des Jahres in der Region dazu, dass große Flächen nordöstlich von Grönland plötzlich eisfrei wurden und sich kein neues Eis bildete. Man spricht dann von Polynjen. Das Eis haben wir einen Monat später vermessen und – zwischenzeitlich wurden erneut Plusgrade in der Arktis gemessen – eine neugebildete Eisdecke von einem Meter festgestellt.

Dieses neu gebildete Eis ist im weiteren Verlauf des Monats August zurückgetrieben worden – auf die Küste – und hat sich dabei deformiert. Aber das neugebildete Eis erreicht natürlich nicht die Stärke von mehrjährigem Eis, sodass es dann bei Einsetzen der Eisschmelze im Sommer relativ schnell weg war. Das erklärt die Anomalie. Das heißt: Die Anomalie liegt exakt da, wo wir im Februar und im März diese großen Polynjen entdeckt hatten, also die eisfreien Flächen.

Offenes Wasser nördlich von Grönland
Offenes Wasser nördlich von Grönland - eigentlich müsste hier eine geschlossene Eisdecke sein
Quelle: Alfred Wegener Institut

Stationärer Jetstream als Problem

Terli: Aus meteorologischer Sicht kann ich das nur bestätigen, es sind ja immer wieder Tiefs hochgezogen, in den Polarkreis, mit hohen Temperaturen, das ist auf den wiederholt stationären Jetstream bereits im Winter zurückzuführen – das war total verrückt.

Krumpen: Das war wirklich verrückt, und das ist wahrscheinlich die eigentliche Anomalie. Das Ganze wird schon dadurch begünstigt, dass das Eis in der zentralen Arktis und auch in der Region generell dünner wird. Und dünneres Eis treibt schneller und lässt sich leichter zusammenschieben. Das deutlich ältere und auch dickere Eis sieht man, wenn man noch deutlich nach Westen geht. Die Region um Ellesmere Island. Da sitzt das wirklich mehrjährige Eis, es ist fünf bis sieben Jahre alt.

Terli: Aber, ist es nördlich von Ellesmere Island nicht auch aufgerissen?

Krumpen: Ja, teilweise auch, aber nicht ganz so extrem.

Offen, wie es weiter geht

Terli: Was bedeutet das aufgebrochene oder gar verschwundene Eis für die Arktis insgesamt? Wie dramatisch ist diese Situation?

Krumpen: Um die Ausdehnung des ältesten Eises zu beobachten, müssten wir schon ein paar Breitengrade weiter nach Norden kommen, um die Fläche zu überfliegen zu können. Das ist nicht nur ein schmaler Streifen; ich spreche hier davon, ein Gebiet von 200 bis 300 Kilometern zu überfliegen, um genau zu wissen, wie stark sich diese Zonen des deformiert haben und auf welche Fläche sich das mehrjährige Eis erstreckt. Die Tatsache, dass sich da an der Küste ein eisfreier Streifen bildet, heißt noch nicht unbedingt, dass das Eis in der Arktis jetzt verschwindet.

Terli: Ja, das ist ja nur vorübergehend, es wird wieder zufrieren, aber eben langsamer und sozusagen gestörter.

Krumpen: Ja, genau.

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