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Diskussion um die Kirchen - "Eine Predigt darf und muss politisch sein" - EKD-Präses Schwaetzer im heute.de-Interview

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Wie politisch darf Kirche sein? Darüber wird heftig gestritten. Irmgard Schwaetzer, Präses der Evangelischen Kirche, sagt: Wer die Bibel liest, muss politische Konsequenzen ziehen.

Kreuze vor dem Berliner Reichstag
Kreuze vor dem Berliner Reichstag Quelle: imago

heute.de: Darf eine Predigt politisch sein?

Irmgard Schwaetzer: Für jeden, der das Neue Testament liest, gibt es keine Alternative dazu. Sie darf und muss politisch sein; nicht jedoch parteipolitisch! Wer sich mit dem Alten und Neuen Testament beschäftigt, der spürt doch, dass es überall um Gottes Gerechtigkeit geht. Jeder Mensch ist mit der gleichen Würde ausgestaltet, das heißt: Wir begegnen uns auf Augenhöhe, wir haben eine Verpflichtung zur Nächstenliebe oder auch zur Bewahrung der Schöpfung. Das alles hat politische Auswirkungen, und davon müssen wir reden.

heute.de: Aber ist nicht erste Aufgabe des Pfarrers, das Evangelium zu verkünden und die Schlussfolgerung den Menschen zu überlassen?

Schwaetzer: Selbstverständlich! Die Schlussfolgerung muss jeder für sich selbst ziehen. Wir haben das im vergangenen Jahr in der EKD-Schrift "Konsens und Konflikt: Politik braucht Auseinandersetzung" noch einmal ganz deutlich herausgearbeitet. Darin definieren wir es als Aufgabe der Kirche, unbequeme Fragen zu stellen. Das ist unsere Rolle, um unterschiedliche Positionen ins Gespräch zu bringen. Deswegen werden Predigten gesellschaftliche Probleme aufgreifen und das Bewusstsein für die ethische Dimension von politischen Entscheidungen zu schärfen suchen.

heute.de: Halten Sie den Vorwurf des "Welt"-Chefredakteurs Ulf Poschardt, die EKD bilde parteipolitisch eine Einheit mit Rot-Grün, aus der Luft gegriffen?

Schwaetzer: Das ist völlig falsch. Ich erlebe es täglich anders. Jeder, der zu einer Synoden-Tagung kommt, kann selbst feststellen, dass Parteipolitik wirklich keine Rolle spielt. Aber Politik sehr wohl, nämlich die Gestaltung unserer Gesellschaft. In der Synode sitzen Evangelikale neben liberalen Christen, ganz unterschiedliche Frömmigkeitsstile. Wir versuchen gemeinsam, mit unserem Blick, den uns unser Glaube mitgibt, Impulse für die Gestaltung der Welt zu geben. Es sind selbstverständlich immer unterschiedliche Konsequenzen möglich. In meiner langen Zeit als Politikerin hat die Beschäftigung mit der Bergpredigt für meine eigene politische Haltung immer eine große Rolle gespielt. Sie kann uns das ethische Muster geben, das unseren Entscheidungen zugrunde liegt.

heute.de: Die unterschiedliche parteipolitische Konsequenz aus der Haltung kann aber auch verprellen, was ja vor allem die AfD der Kirche vorwirft.

Schwaetzer: Das Evangelium ist eindeutig, wenn es zum Beispiel um Arme oder Flüchtlinge geht. Ihnen gilt besondere Aufmerksamkeit und Sorge. Die allen Menschen gegebene gleich Würde verpflichtet uns, gegen Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit einzutreten.

heute.de: EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm hat in der Flüchtlingspolitik eingeräumt, die Kirche habe zu hohen moralischen Druck ausgeübt. Wie viel Zurückhaltung ist nötig?

Schwaetzer: Wir tun gut daran, uns immer wieder zu fragen: Welche ethischen Schlüsse ziehen wir aus unserem Glauben? Darüber gibt es kontinuierliches theologisches Nachdenken in der Evangelischen Kirche. In der Politik gibt es eine Fülle von Themen, in deren Tiefenschichten es immer auch um ethische Fragen geht. Deshalb bleibt auch ein weltanschaulich neutraler Staat auf ethische Orientierung angewiesen.

heute.de: Sie haben als Konsequenz aus dem Reformationsjubiläum gesagt, Kirche müsse sich in der säkularen Welt mehr auf die Menschen zubewegen, an neue Orte gehen, neue Formate entwickeln. Wie kann das funktionieren, wenn die Vorbehalte, dass Kirche Teil der Gesellschaft ist und sich zu politischen Themen äußert, so groß sind?

Schwaetzer: Da knüpfe ich an das Erlebnis vom 31. Oktober 2017 an. Alle waren überrascht, wie voll die Kirchen waren. Es gibt eine Neugier. Diese überwindet aber nicht immer die hohen Schwellen, die wir aus Tradition an unseren Kirchen haben, die wir auch selbst aufgebaut haben, wie wir Gottesdienst feiern, wie wir reden. Ich will auf gar keinen Fall liturgische Gottesdienste in Frage stellen, aber wir müssen die Vielfalt der Bedürfnisse und der Erwartungen noch sehr viel stärker zu Kenntnis nehmen. 2017 hat uns gezeigt, dass kreative Formate an unterschiedlichen Orten mit neuen Partnern ganz wunderbare Gespräche gebracht haben. Daran möchten wir anknüpfen.

heute.de: Müssen es auch andere Themen sein? Der neue Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christian Hirte, wirft den Kirchen vor, die von ihr angestoßene gesellschaftliche Debatten seien für viele Ostdeutsche zu lebensfremd.

Schwaetzer: Ich kann mir nicht vorstellen, was er damit meint. Die Evangelische Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz beschäftigt sich zum Beispiel intensiv mit den Fragen des Braunkohleabbaus. Wir sind - regional unterschiedlich - in den Gemeinden in der Diskussion über die Flüchtlinge, über das Fremde. Und zwar nicht in dem Sinne von: Hier ist Kirche, hier ist alles gut, und dort ist die Gesellschaft. Kirche ist Teil dieser säkularen Gesellschaft, und deswegen müssen wir die Themen auch in unseren eigenen Reihen diskutieren.

heute.de: Ärgert Sie, wenn ab heute wieder der Fokus auf den Kirchen liegt - und ab Dienstag sind sie wieder Teil der säkularen Gesellschaft und wenige wollen ihre Meinung hören?

Schwaetzer: Ich hoffe sehr, dass ganz viele Menschen in die Karfreitags- und Ostergottesdienste kommen. Wir tun aber gut daran, ihnen auch außerhalb der Gottesdienste noch stärker zuzuhören.

Das Interview führte Kristina Hofmann.

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