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Tagung in Hannover - EKD will Missbrauch aufklären

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Die Evangelische Kirche hat eine unabhängige Anlaufstelle für Opfer sexuellen Missbrauchs angekündigt. Viele Betroffene beklagen, die EKD pflege einen desaströsen Umgang mit ihnen.

Die Evangelische Kirche in Deutschland und die Landeskirchen stehen am Anfang der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen. Sie versprechen bundesweite Studien und mehr Aufklärung. Bisher hätten sich 600 Missbrauchsopfer gemeldet.

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Eigentlich wäre Detlev Zander heute gar nicht dabei gewesen, beim Expertenfachtag der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs. Auch zum Pressegespräch in Hannover waren ursprünglich nur Wissenschaftler und evangelische Kleriker eingeladen. "Ich habe darum gekämpft, dass man mich hier einlädt", erzählt Zander, der in der evangelisch-pietistischen Brüdergemeinde Korntal in Baden-Württemberg als Kind missbraucht worden ist. Zander ist heute 58 Jahre und berichtet von Vergewaltigungen durch den damaligen Korntaler Pfarrer und den Hausmeister. Erzieherinnen und Erzieher hätten den Teufel aus ihm austreiben wollen und ihn und andere Kinder gezwungen, Erbrochenes zu essen.

Zehn Jahre Qualen

Sein Martyrium begann im Alter von vier Jahren, erinnert er sich, und dauerte, bis er 14 war. Die Kirche hat ihn mittlerweile als Opfer anerkannt, die Brüdergemeinde zahlte ihm 20.000 Euro. Nach Hannover ist Zander mit einer Forderung gekommen: "Die EKD schreibt sich ja immer so groß die Betroffenen-Beteiligung auf die Fahne", sagt er. Als Feigenblatt wolle er allerdings nicht herhalten. "Ich verlange von der EKD, dass wir Betroffenenvertreter bei allen wichtigen Entscheidungen, bei allen Sitzungen inklusive Prävention mit anwesend sind."

Im November 2018 verabschiedete die EKD-Synode in Würzburg einen Elf-Punkte-Plan zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt. Unter Punkt eins heißt es: "Betroffene sind zu beteiligen, ihre Erfahrung wird gebraucht bei allem, was im Bereich Aufarbeitung und Prävention neu auf den Weg gebracht wird."  

Auch Kerstin Claus war zunächst nicht zum Pressegespräch in Hannover geladen. Claus, die mit 14 Jahren in einem evangelischen Internat in Bayern missbraucht worden ist, hält regelmäßig Vorträge über Prävention und sitzt im Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig. Sie habe erst vergangenen Mittwoch von dem Pressegespräch erfahren, sagt sie. In einer Hau-Ruck-Aktion wurde sie von der EKD eingeladen. Wegen des großen Medieninteresses sei sie gebeten worden, auf dem Podium als Betroffene zu sprechen. Für sie sei klar, "dass die EKD und die Landeskirchen in den Anfängen von Aufarbeitung stehen" und aus ihrer Sicht "das Thema zwischen 2010 und 2018 tatsächlich ein Stück weit verschlafen haben".

EKD: 600 Opfer haben sich bisher gemeldet

Claus steht bei der Pressekonferenz der EKD in Hannover neben Bischöfin Kirsten Fehrs, diese ist die Sprecherin des Beauftragtenrates der EKD zum Schutz vor sexualisierter Gewalt. Fehr spricht von "Verantwortung und Aufklärung" und kündigt eine unabhängige, zentrale Anlaufstelle für Opfer sexualisierter Gewalt der EKD und Diakonie namens "help" an. Die EKD habe den unabhängig arbeitenden Verein "Pfiffigunde" aus Heilbronn damit beauftragt, fügte Fehrs hinzu. Die Arbeit der Anlaufstelle solle am 1. Juli diesen Jahres beginnen.

Über das gesamte Ausmaß des Missbrauchs sollen regionale Studien genauere Erkenntnisse bringen. Sie sollen bundesweit zusammengeführt werden, zudem plant die EKD eine Dunkelfeldstudie. Insgesamt hätten sich laut Fehrs bislang 600 Opfer bei den Präventionsstellen der Landeskirchen gemeldet.

Hohe Dunkelziffer

In der katholischen Kirche wurden nach einer Missbrauchsstudie, die im vergangenen September veröffentlicht wurde, zwischen 1946 und 2014 insgesamt 3.677 Kinder und Jugendliche Opfer sexuellen Missbrauchs. Es gab demnach Hinweise auf 1.670 beschuldigte Geistliche. Wissenschaftler gehen allerdings von einer Dunkelziffer von mehr als 100.000 Opfern aus. In der Zentralen Koordinierungsstelle der Deutschen Bischofskonferenz seien rund 1.900 Anträge für Anerkennungsleistungen gestellt worden, teilte der katholische Missbrauchsbeauftragte, Bischof Stefan Ackermann, im März mit. Insgesamt seien bislang neun Millionen Euro an Betroffene ausgezahlt worden.

Ursula Enders, Erziehungswissenschaftlerin und Traumatherapeutin, forscht seit vielen Jahren zum Thema Missbrauch in der evangelischen Kirche. Sie hat am Aufklärungsbericht zur Nordkirche, den Missbrauchsfällen in Ahrensburg, wesentlich mitgearbeitet. Die evangelische Kirche sei "weit hinter der katholischen Kirche zurück", sagt Enders. Sie ist der festen Überzeugung: "Es gibt in der evangelischen Kirche sicherlich genauso viele Missbrauchsfälle wie in der katholischen."

Expertin: Machtmissbrauch ist Grund und nicht Triebstau

Auch in der evangelischen Kirche gebe es strukturelle Ursachen, die Kindesmissbrauch begünstigten. Schuld sei vor allem das Selbstverständnis der evangelischen Kirche: "Die Kirche glaubt, sie sei sehr fortschrittlich, sie gibt sich ein solches Image und unter diesem Deckmantel der Fortschrittlichkeit findet dann sexueller Missbrauch statt." Es sei zu einer regelrechten Wahrnehmungsblockade gekommen, gerade weil man sich von der katholischen Kirche als liberal, eher links gerichtet abgrenzen wollte.

Die Annahme, am sexuellen Missbrauch durch Pfarrer sei allein der katholische Zölibat schuld, sei allerdings ein Mythos, erklärt Enders: "Die evangelische Kirche glaubt, dass sie verheiratete Theologen und Theologinnen hat, die keinen Bedarf haben. Aber wir wissen, dass es Machtmissbrauch ist und nicht auf einen Triebstau zurückzuführen ist."

300.000 Euro Entschädigung gefordert

Die Wissenschaftlerin fordert eine unabhängige Aufarbeitung, die sich nicht nur am Interesse der Institution Kirche orientiere, die allein im Sinn habe, ihren Ruf wiederherzustellen. Wichtig sei eine Aufarbeitung im Sinne der Betroffenen: "Das heißt, Entschädigungen in einem Umfang, der dem entspricht, dass viele Betroffene heute berufsunfähig sind", sagt Enders. Das Leid der Betroffenen müsse öffentlich gewürdigt werden.

Unlängst forderte Matthias Katsch, Sprecher der katholischen Opfervereinigung "Eckiger Tisch" 300.000 Euro für jedes Opfer sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche. Dieser Forderung schließt sich Detlev Zander an. Es gehe ihm nicht allein ums Geld, es gehe um eine echte Anerkennung des erlittenen Leids. "Dieses Leid, das ich und andere erfahren haben, ist so widerwärtig und so brutal, das kann man nicht entschuldigen", sagt Zander. Er selbst fühle sich heute nicht mehr als Opfer, sagt er. Denn heute sei er frei, öffentlich über sein Leid zu sprechen und für eine angemessene Entschädigung zu kämpfen.

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