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Elektronische Patientenakte - Widerstand gegen Spahn-Pläne

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Ab Januar 2021 will Gesundheitsminister Spahn die digitale Patientenakte verpflichtend einführen. Doch der Widerstand von Ärzten und die Kritik von Computerwissenschaftlern wächst.

Digitale Patientenakte
Ärzte und IT-Experten kritisieren die elektronische Patientenakte.
Quelle: imago/Panthermedia

Nach 15 Jahren des Herumdokterns an Konzepten für die elektronische Patientenakte reicht es Gesundheitsminister Jens Spahn. Er macht mächtig Druck und will die e-Akte im Gesundheitswesen in eineinhalb Jahren durchgesetzt haben.

Spahn will mehr Tempo

"Das Bedürfnis nach einer digitalen Patientenakte ist da", betont der Minister und fordert: "Wir müssen das in Deutschland endlich organisiert kriegen."  Das Gesundheitsministerium hat sogar die Mehrheit an der damit beauftragten Entwicklungsgesellschaft Gematik übernommen. So kann der Minister die Entwicklungsarbeiten direkt überwachen und steuern.

Laborbefunde, ärztliche Diagnosen und Behandlungsdaten sollen alle Ärzte, Physiotherapeuten, Apotheker - also alle sogenannten Leistungserbringer im Gesundheitswesen - in die digitale Patientenakte eintragen. Damit das auch schnell genug umgesetzt wird, will Gesundheitsminister Spahn ein eigenes Digitalisierungsgesetz rasch durch den Bundestag bringen.

Ärzte warnen vor unausgegorenem Konzept

Doch viele Ärzte finden das Vorgehen Spahns überstürzt. "Man darf das Kinde nicht mit dem Bade ausschütten", warnt der niedergelassene Facharzt für Urologie Kai Peter Schlegel aus Stuttgart. Er wünscht sich, dass zunächst die noch offenen Sicherheitsfragen geklärt werden.

Unterstützung erhält der Facharzt da vom Informatik-Professor Hartmut Pohl aus Sankt Augustin bei Bonn. Er kritisiert, dass die Zugangspunkte zum Gesundheitsnetz, der sogenannten telematischen Infrastruktur, zum Teil auf unsicherer Hardware laufen. "Da müssen alle Komponenten der Zugangspunkte offengelegt werden, damit deren Sicherheit ganz präzise bewertet werden kann", verlangt Pohl.

Verbände bemängeln unzureichende Sicherheitstests

Gleich drei Ärzteverbände haben jetzt vor den TI-Konnektoren, also den Zugangspunkten zur telematischen Infrastruktur, und der elektronischen Patientenakte gewarnt. So kritisiert der Stuttgarter Allgemeinmediziner Werner Baumgärtner, Vorsitzender des Medi Geno e.V., in dem sich Ärzte und Psychotherapeuten zusammengeschlossen haben, unzureichende Sicherheitstests beim Anschluss der Praxis-Computer an das Gematik-Netz.

"Den Ärzten sind eigene Sicherheitstests sogar verboten", erläutert Baumgärtner. Der Arzt Kai Peter Schlegel hat seine Praxis erst gar nicht an das Gematik-Netz anschließen lassen, über das auch die elektronische Patientenakte verwaltet werden soll. "Hier muss zunächst die Verantwortung für die Datensicherheit geklärt werden, und das ist eine Aufgabe der Politik", meint der Facharzt.

Patientenakte bisher technisch unzulänglich

Ärzten, die sich nicht an das Gematik-Netz anschließen lassen, droht allerdings eine Honorarkürzung. "Die Einführung der Digitalisierung im Gesundheitswesen lässt sich nicht über Zwang und Sanktionen steuern", urteilt der Freie Verband Deutscher Zahnärzte.

Dabei begrüßen die Ärzte mehrheitlich sogar Digitalisierungsprojekte und die elektronische Patientenakte. "Ich sehe langfristig gesehen durchaus Synergieeffekte", meint Facharzt Kai Peter Schlegel. Aber er verlangt wie viele seiner Kollegen ein vernünftiges und technisch durchdachtes Einführungskonzept. Eine Schnelllösung zu Lasten der Datensicherheit und des Datenschutzes lehnen sie ab.

Patienten erhalten erstmal keine Kontrolle über Daten

So ist es für die Hamburger Ärztin Silke Lüder, stellvertretende Vorsitzende der Freien Ärzteschaft e.V. ein Unding, dass es bei Einführung der elektronischen Patientenakte keine selektiven Zugriffsrechte geben soll. Damit wird es zunächst einmal auch keine Kontrolle des Patienten über die Dateneinträge in seiner elektronischen Akte geben.

Der Patient sollte nämlich die Möglichkeit haben, genau festzulegen, welche Daten die unterschiedlichen Fachärzte oder Allgemeinmediziner, Apotheker oder Therapeuten sehen dürfen. So möchte zum Beispiel ein Patient für seinen Zahnarzt die Diagnose seines Psychologen nicht unbedingt freischalten.

Doch genau dieses Feature für die Datenhoheit der Patienten soll erst zu einem späteren Zeitpunkt realisiert werden. Denn dadurch würde, nach Auskunft der Gematik, die Einführung der elektronischen Patientenakte zum Januar 2021 gefährdet werden.

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