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US-Whistleblower Daniel Ellsberg - Grenzenloser Wille der Mächtigen zum Risiko

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Er gab die Pentagon-Papiere weiter - einen streng geheimen Bericht über den Vietnam-Krieg. Heute.de sprach mit Daniel Ellsberg in Kalifornien über Nixon und Trump.

Die Geschichte um die Veröffentlichung der "Pentagon Papers" 1971 in der »Washington Post« scheint aktueller denn je. Ein Grund für Steven Spielberg den historischen Stoff zu verfilmen - und ein leidenschaftliches Plädoyer für die Pressefreiheit.

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heute.de: Herr Ellsberg, was war die größte Lehre aus den Pentagon-Papieren?

Daniel Ellsberg: Wenn es eines gezeigt hat, dann, dass Menschen in Machtpositionen keine Grenzen ziehen, um selbst an der Macht zu bleiben. Ihr Willen, Risiken einzugehen und Schaden anzurichten, scheint grenzenlos.

heute.de: Richard Nixon zum Beispiel?

Ellsberg: Nicht nur Nixon, er wurde durch die Pentagon-Papiere ja nicht einmal belastet - auch die Präsidenten vor ihm. Doch auch Nixon hat gelogen und er hat versucht, mich mit allen Mitteln zu stoppen und einzuschüchtern.

Zur Person

heute.de: Diese Ereignisse sind nun 47 Jahre her - wie zeitgemäß ist der Film "Die Verlegerin", der bald in die deutschen Kinos kommt?

Ellsberg: Der Film ist brandaktuell, schließlich haben wir derzeit einen Präsidenten, der eine Kampagne gegen die Medien betreibt. Noch nie hat ein Präsident so offen die Presse angegriffen. Er verurteilt sie in der Öffentlichkeit, greift ihre Wahrhaftigkeit an und stellt sie als systematische Lügner dar. Trump will alle Aufmerksamkeit für sich. Seine Anhänger haben eine fast hypnotische Beziehung zu ihm und hören auf niemand anderen. Nun ist Trump auch noch der erste Präsident, der dank moderner Technologie direkt mit Millionen Menschen kommuniziert.

heute.de: Bereitet Ihnen das Sorgen?

Ellsberg: Freie Presse ist doch ein essenzieller Teil einer Demokratie. Wenn die Bürger plötzlich nur noch direkt von der Regierung und den Machtinhabern informiert werden, hat man keine Demokratie, sondern eine Autokratie.

heute.de: Gibt es denn heute mehr Vorfälle, bei denen die Regierung versucht, die Medien oder Whistleblower wie Sie zum Schweigen zu bringen? Ist es gefährlicher?

Ellsberg: Trumps verbale Attacken sind deutlich offener, bisher wurde nur ein Whistleblower wirklich angeklagt. Aber: Er hat von seinem Justizminister Jeff Sessions verlangt, aggressiver gegen Whisteblower vorzugehen. Tatsächlich war es Barack Obama, der den "Espionage Act" (Spionagegesetz) deutlich häufiger bei Menschen angewendet hat, die wahre aber geheime Informationen an die Öffentlichkeit getragen haben. Ich war der Erste, der mit diesem Gesetz angeklagt wurde, dann folgten zwei weitere Fälle. Obama hat mehr Anklagen erhoben als alle Präsidenten vor ihm.

heute.de: Welche Rolle spielt das Weitergeben von Information denn heute und im Alltag von Journalisten?

Ellsberg: Es scheint, dass Trump mehr Opposition in seiner Regierung hat als üblich. Wie bei keinem anderen Präsidenten dringen feindselige und peinliche Informationen nach außen. Trump gibt den Überbleibseln aus der vorherigen Regierung die Schuld. Ich glaube eher, dass die Regierungsmitarbeiter von dem Mann, für den sie arbeiten müssen, geschockt sind. Sie untergraben ihn aus genau den Gründen, die für jeden in der Welt ersichtlich sind.

heute.de: Und in Ihrem Fall?

Ellsberg: Zuerst hatte ich versucht, den Präsidenten von den Vorfällen in Vietnam zu unterrichten - aber er wusste ja schon Bescheid und wollte lieber die Pattsitution beibehalten, als eine Niederlage einzustecken. Also dachte ich, der Kongress würde die Information an die Öffentlichkeit bringen - aber er hat sich dagegen entschieden. Schließlich wendete ich mich an die Presse, und damit die Öffentlichkeit. Trotzdem wurde damit der Krieg mit den Veröffentlichungen 1971 noch nicht beendet, 1973 wurden die US-Truppen abgezogen, aber erst 1975 war es vorüber.

Hintergrund

heute.de: Kann man aus den Pentagon-Papieren auch Schlüsse ziehen über den Einfluss des US-Kongresses und des restlichen Regierungsapparates?

Ellsberg: Donald Rumsfeld, damals Mitarbeiter im Weißen Haus und später Verteidigungsminister, hat einmal gesagt: Wenn diese Papiere eines zeigen, dann, dass die Regierung andauernd lügt, und dass es eine Unfehlbarkeitsvermutung des Präsidenten gibt. Die Menschen folgen dem Präsidenten selbst dann, wenn er falsch liegt, und das über einen Zeitraum von 20 Jahren.

heute.de: Was bedeutet das für uns heute?

Ellsberg: Wir können uns nicht darauf verlassen, dass Berater und Generäle - wie heute zum Beispiel James Mattis und H. R. McMaster - dem Präsidenten bei einer fehlerhaften Strategie die Stirn bieten und Nein sagen, oder zurücktreten.

heute.de: Ist Donald Trump gefährlicher als Richard Nixon?

Ellsberg: Nixon war gefährlich, hat das aber gut vertuscht. Trump wirkt deutlich unbeständiger, impulsiver - aber auch Nixon hatte solche Eigenschaften, und viele andere Präsidenten. John F. Kennedy musste zum Beispiel sehr starke Schmerzmittel nehmen, Lyndon B. Johnson hatte einen Hang zum Alkohol, der in diesem Ausmaß kaum bekannt war. Trump hingegen bringt aufgrund seiner Persönlichkeit viel mehr von sich an die Öffentlichkeit. Er ist der erste Präsident, der uns mit der Gefahr eines instabilen Menschen im Weißen Haus konfrontiert.

Das Interview führte Lara Wiedeking.

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