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Höhlenmalereien in neuem Licht - Die Emanzipation des Neandertalers

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Höhlenzeichnungen in Spanien wurden mit neuester Technik erstmals datiert: Sie stammen offensichtlich von Neandertalern. Haben sich Homo sapiens und Neandertaler inspiriert?

Die La Pasiega-Höhle in Spanien mit 64.000 Jahre alten Zeichnungen von Neandertalern
Die La Pasiega-Höhle in Spanien mit 64.000 Jahre alten Zeichnungen von Neandertalern
Quelle: P.Saura/MP-Institut für evolutionäre Anthropologie

Nach seiner Entdeckung Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Neandertaler zu einem Opfer des Zeitgeistes: Wissenschaftlich, politisch und religiös schien es damals undenkbar, dass eine andere Spezies ähnliche Fähigkeiten besessen haben könnte wie der moderne Mensch, der Homo sapiens. Das Bild vom primitiven Jäger wurde erst allmählich revidiert. Jüngste Entdeckungen lassen den Neandertaler endgültig aus dem Schatten der Geschichte treten.

65.000 Jahre alte Höhlenbilder

Gerade veröffentlichte eine vierzehnköpfige Forschergruppe um den Physiker Dirk Hoffmann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig gleich zwei aufsehenerregende Studien: Mit Hilfe der Uran-Thorium-Methode konnten die Forscher rote Höhlenzeichnungen in Nordspanien auf ein Mindestalter von 64.800 Jahren datieren, eine umgezeichnete Hand in der südwestspanischen Extremadura auf 66.700 Jahre. In einer Höhle in Andalusien wurden vor mindestens 65.500 Jahren Tropfsteine rot bemalt. Da der Homo sapiens erst vor rund 45.000 Jahren nach Europa einwanderte, muss diese Höhlenkunst von Neandertalern angefertigt worden sein.

Die zweite Studie beweist, dass schon vor rund 120.000 Jahren rote und gelbe Farbpigmente auf durchbohrten Muschelschalen aufgetragen wurden, die in einer Höhle bei Murcia in Spanien gefunden wurden. Zwar war schon länger bekannt, dass Neandertaler Schmuck zum Beispiel aus Knochen anfertigten. Man ging jedoch bislang davon aus, dass erst der Kontakt mit Homo sapiens vor 45.000 Jahren den Neandertaler zu kreativem Verhalten inspirierte.

Haben die Zeichen eine Bedeutung?

"Wenn wir aus den archäologischen Überbleibseln Rückschlüsse ziehen, sehen wir jetzt keinen Unterschied mehr zwischen dem frühen modernen Menschen und dem Neandertaler", sagt Dirk Hoffmann. "Wir haben den ersten Nachweis, dass er Muscheln als Körperschmuck, Ornamente und Höhlenkunst im heutigen Europa lange vor dem ersten Kontakt mit Homo sapiens gemacht hat."

Die jetzt datierten und dem Neandertaler zugeschriebenen Zeichnungen sind zwar nicht annähernd so komplex wie beispielsweise die spektakulären Tierdarstellungen in der Höhle von Lascaux in Frankreich. Trotzdem ist die Höhlenkunst für Hoffmann und seine Kollegen ein Beleg dafür, dass der Homo neanderthalensis zu symbolhaftem Verhalten fähig war: "Wir wissen nicht, was der Handabdruck, die Ansammlungen von Punkten oder Strichen bedeuten, ob sie überhaupt eine Bedeutung haben. Aber man kann sich vorstellen, dass damit etwas mitgeteilt werden sollte. Es ist vielleicht anspruchsvoller, ein Zeichen zu interpretieren, als eine rein figürliche Repräsentation."

Wechselseitige Inspiration?

Insbesondere aus der Periode vor rund 45.000 Jahren finden Paläontologen Schichten, die eine wechselnde Besiedlung von modernen Menschen und Neandertalern zeigen. Wie genau der erste Kontakt zwischen den beiden Spezies ablief, wird wohl im Dunkeln bleiben. Vermutlich gab es auch gewaltsame Begegnungen. Dass heutige Europäer je nach Herkunft zwischen zwei und vier Prozent Neandertaler-Gene in sich tragen, spricht für eine teilweise friedliche Koexistenz und Vermischung.

Dirk Hoffmann glaubt jedenfalls, dass die Inspiration keine Einbahnstraße gewesen sein muss, sondern womöglich wechselseitig stattfand. "Viele Fertigkeiten werden erst dann ausgeprägt, wenn man einen äußeren Druck hat, also zum Beispiel auf eine andere Gruppe trifft. Die ausgefeilten Tierdarstellungen in der Höhlenkunst des Homo sapiens tauchen verstärkt auf,  nachdem er sich in Europa mit dem Neandertaler vermischt hat."

Natürlich bewege man sich damit im Bereich der Spekulation, betont Hoffmann. Aber die Vorstellung, der Neandertaler könnte eine Art Initialzündung für die ersten Kunstwerke der Menschheit gewesen sein, würde ihn 150 Jahre nach seiner Entdeckung in einem ganz neuen Licht erstrahlen lassen.

Neandertaler

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