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Netzneutralität - Das Internet - endliche Weiten

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Freie Fahrt im Internet: In den USA gilt das womöglich bald nicht mehr. Hat künftig Vorfahrt, wer bezahlt? Ist es das Ende des offenen Netzes? Ganz so einfach ist es nicht.

Netzwerk-Kabelstecker, aufgenommen am 16.10.2014
Netzwerk-Kabelstecker, aufgenommen am 16.10.2014 Quelle: dpa

In den USA soll es sie also bald geben, die Überholspur im Netz. Netzaktivisten gehen auf die Barrikaden, denn den Preis für diese Schnellverbindung können nur die großen Konzerne bezahlen. Die Folge: Ein "Zwei-Klassen-Internet", sagen Kritiker. Klingt für Verfechter der so genannten Netzneutralität erst einmal ganz schön beunruhigend. Aber ist das wirklich so gravierend?

"Das Ende des offenen Netzes wie wir es kennen"

Darum geht es: Im Grunde handelt es sich bei der Netzneutralität um ein offenes Ende-zu-Ende-Prinzip, erklärt Markus Beckedahl, Gründer der Plattform netzpolitik.org, die sich als Verfechter der "digitalen Freiheitsrechte" sieht. Beispiel: Der Internetnutzer ruft eine Webseite auf. "Da steht keiner in der Mitte und sagt: 'Das geht nicht'", erläutert Beckedahl. Wenn dieses Kernprinzip aufgehoben werde, bekämen Telekommunikationsanbieter die Macht über die Verbindung. Das könne bedeuten, dass gewisse Inhalte nicht mehr angezeigt werden, wie es in Saudi-Arabien oder China der Fall sei. Die Anbieter könnten zudem bestimmen, wie schnell gewisse Inhalte von der Quelle zum Nutzer gelangen. Genau das sei das Prinzip, was jetzt in den USA eingeführt wird.

Freie Fahrt im Web nur noch gegen Kasse? "Das ist ein schwarzer Tag für das Internet in den USA", mahnt Beckedahl. Vom Netz als öffentlicher Raum bleibe da nicht mehr viel übrig. Der ohnehin schon geringe Wettbewerb werde weiter geschwächt. Die Provider - also die Internetdienstleister - und die Drittanbieter wüchsen durch die Überholspur-Deals immer weiter zusammen - bis sie irgendwann "verschmelzen". "Das wäre das Ende des offenen Netzes, wie wir es kennen."

Langfristig könnten so beispielsweise Start-Ups Probleme bekommen, eine schnelle Verbindung zu finanzieren, befürchtet Beckedahl. Dadurch seien sie in ihrer Existenz stark gefährdet. "Eine Wikipedia oder ein Facebook zu gründen wird dann viel schwieriger, weil man sich zusätzlich zu der Idee Gedanken machen muss, ob man auch in allen Netzen vorkommt und zu welchen Bedingungen."

Die US-Aufsichtsbehörde FCC hat die Netzneutralität aufgehoben. Damit werden in den USA nicht mehr alle Daten gleich behandelt. Was das für uns bedeutet:

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Arnold: Es wird sich nicht viel ändern

René Arnold vom Wissenschaftlichen Institut für Infrastruktur und Kommunikationsdienste sieht die Auswirkungen der US-Entscheidungen auf das Internet weniger kritisch: Google, Amazon und Co. könnten sich zwar schnellere Vebindungen erkaufen, "aber im Kern weiß ich nicht, ob das so viel an der Situation ändert." Solche Großkonzerne hätten bereits jetzt die Möglichkeit, schnellere Inhalte in besserer Qualität an Verbraucher zu liefern. Google beispielsweise betreibe zahlreiche eigene Infrastrukturen wie Unterseeleitungen und Rechenzentren. Besonders beliebte Inhalte werden auch heute schon auf Servern vorgeladen und können so mit weniger Wartezeit ausgeliefert werden, sagt Arnold.

Auch gebe es in der Diskussion kein Schwarz oder Weiß. Denn ein gewisses Management des Datenverkehrs müssten die Provider schon betreiben. Zum Beispiel bei Video-Telefonaten: Bei einer langsamen Verbindung mache sich der Qualitätsverlust sofort bemerkbar. Daher sei es ratsam, diese Verbindung zu bevorzugen. Bei Email-Zustellungen dagegen sei die Schnelligkeit weniger wichtig. "Problematisch wird es nur, wenn Internet Service Provider ihre Machtposition missbrauchen und beispielsweise bestimmte Inhalte oder Dienste blocken", so Arnold.

US-Modell kein Vorbild für Europa

Die Auswirkungen in Europa schätzt Arnold gering ein. Nach jahrelangen Diskussionen kamen gesetzliche Regelungen für die Netzneutralität erst 2016 zum Tragen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass man davon abrücken wird." Zudem sei der Wettbewerb hierzulande deutlich größer als in den USA. Wenn das eigene Netflix ruckelt und das vom Nachbarn nicht, dann könne man einfach den Anbieter wechseln. In den Staaten existieren in den meisten Landstrichen jedoch Duopole. Es gebe wenig Wettbewerb auf dem Endkundenmarkt. Wirkliche Alternativen existieren nicht.

In Europa dagegen regelt seit 2016 das Gesetz für Netzneutralität, dass das Internet offen ist. Zumindest auf dem Papier. Zwar dürfen Anbieter keine Verbindungen drosseln oder vorziehen, allerdings gebe es ein Schlupfloch, sagt Beckedahl: "Zero Rating". Gemeint ist, dass Service Provider die Geschwindigkeit der Datenübertragung zwar nicht beeinflussen. Jedoch dürften sie einzelnen Drittanbietern einen Freifahrtschein gewähren. Heißt: In der Zeit, in der der Kunde beispielsweise Musik oder Videos streamt, wird dies nicht vom monatlichen Datenvolumen abgerechnet. Das, so Beckedahl, habe nichts mit einem offenen Netz zu tun.

Derweil ist fraglich, ob die neue Regelung in den USA tatsächlich zustande kommt. Mehrere Bundesstaaten kündigten bereits rechtliche Schritte an. Beckedahl setzt auf die Wahlen im November 2018: Sollten die Republikaner dann ihre Mehrheit verlieren, gebe es doch noch Hoffnung, dass das Schleifen der Netzneutralität abgewendet wird.

Nutzer müssen nach der Abschaffung der Netzneutralität befürchten, dass sie zukünftig mehr bezahlen müssen, wie ZDF-Börsenexperte Frank Bethmann berichtet.

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