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Berliner Traditionsbühnen - "Von den großen Parteien sehr enttäuscht"

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Komödie und Theater am Kudamm sind Berliner Traditionsbühnen. Heute fällt zum letzten Mal der Vorhang. Theaterdirektor Martin Woelffer über Wehmut und Wut auf Politiker.

Theater am Kurfürstendamm
Quelle: Imago

heute.de: Sie müssen am Sonntag das historische Theater und die Komödie am Kudamm verlassen und aufs Schiller-Theater ausweichen. Die beiden Spielstätten werden abgerissen. An der bisherigen Stelle entsteht wohl ein Einkaufscenter und im Keller ein neues Theater mit 650 Plätzen. Sind Sie ein Gentrifizierungs-Opfer?

Martin Woelffer: Interessante Frage. Kultur-Standorte brauchen immer klare Bekenntnisse von Seiten der Politik. Und die haben in unserem Fall gefehlt. Dann zählt nur noch das Geld.  

heute.de. Was werfen Sie der Berliner Kulturpolitik vor?

Woelffer: Seit 15 Jahren ist bekannt, dass die beiden Theater bedroht sind. Die Berliner Politik hat es aber nicht geschafft, die Häuser zu erhalten. Erst der jetzige Kultursenator, Klaus Lederer, hat erreicht, dass wir in vier Jahren zurückkehren können und der Theaterbetrieb am Kurfürstendamm langfristig gesichert ist.

heute.de: Naja, nicht ganz: Ihre Spielstätte wird in den Keller verlegt.

Woelffer: Ehrlich gesagt: Ein Theater braucht keine Fenster. Ich will das nicht schönreden. Die schönste Fläche geht an denjenigen, der am meisten zahlen kann. Und das sind nicht wir. Wir werden aber dafür sorgen, dass die Atmosphäre im neuen Theater stimmt.

heute.de: Fühlen Sie sich verraten?

Woelffer: Jahrelang ging mir das so. Hunderttausende von Menschen haben für uns gekämpft. Sie wollten nicht, dass die Theater wegkommen. Immerhin hat Kultursenator Klaus Lederer am Ende einen guten Kompromiss für uns ausgehandelt. Für den Erhalt war es zu dem Zeitpunkt aber schon zu spät. Von den großen Parteien bin ich sehr enttäuscht. Da wurde viel geredet und nichts getan.

heute.de: Aus einem Kulturtempel soll ein Einkaufscenter werden. Was sagt das über Berlin aus?

Woelffer: Wenn die Politik keine klaren Regeln setzt, regiert die Macht des Geldes.

heute.de: Eine Traditionsstätte wird abgerissen, die der jüdische Architekt Oskar Kaufmann gebaut hatte. Gründer und langjähriger Regisseur war Max Reinhardt, der wegen der Nazis emigrieren musste. Wie steht es um die Erinnerungspolitik in Berlin?

Woelffer: Generell herrscht in Berlin eine große Bereitschaft, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Im Fall der Kudammbühnen gab es kein klares Bekenntnis der Berliner Politik. Im Gegenteil: Der Bestandsschutz wurde 1998 durch die große Koalition unter Eberhard Diepgen gegen eine Zahlung von umgerechnet vier Millionen Euro veräußert. Damit war unser Schicksal besiegelt, ohne dass wir davon etwas ahnten. Das Signal war: Ihr seid nicht wichtig.

heute.de: Inge Meysel, Harald Juhnke und Katharina Thalbach sind die ganz Großen Ihrer Theatergeschichte. Sind Ihnen heute die Stars ausgegangen?

Woelffer: Nein, Katharina Thalbach ist ja immer noch da, sie führt am Sonntag Regie und steht auf der Bühne. Auch andere Namen wie Katja Riemann, Oliver Mommsen, Tanja Wedhorn oder Dominic Raacke sind Publikumsmagneten. Jede Zeit hat ihre Stars.

heute.de: Junge Schauspieler wollen aber lieber in Netflix-Serien spielen.

Woelffer: Die können gut beides machen. Es gab mal eine Zeit, in der Schauspieler nur noch drehen wollten. Aber das ist vorbei. Viele sehen den Vorteil: Auf der Bühne entfalten sie eine starke Präsenz, spüren den Live-Effekt. Und die Bühne ist auch ein Sprungbrett: Viele Produktionsfirmen kommen zu uns, um zu casten.

Theater am Kurfürstendamm
Quelle: Imago

heute.de: Welche Kindheitserinnerungen verbinden Sie mit der Komödie am Kurfürstendamm?

Woelffer: Das ist nicht nur meine Kindheit, sondern mein Leben. Ich weiß noch, wie ich unter dem Schreibtisch meines Großvaters rumgekrabbelt bin. Als kleiner Junge war ich bei den Proben dabei. Ich kenne jeden Ort im Theater. Was besonders weh tut: Das Theater war ein sicherer Ort. Egal, welche Krisen ich durchlebt habe: Hier gab es immer Menschen, mit denen ich reden konnte.

heute.de: Sie führen das Theater in dritter Generation. Werden Ihre Kinder das Geschäft übernehmen?

Woelffer: Mein Sohn ist 22 und studiert Philosophie, da ist also alles offen. Meine Tochter ist 16 und geht noch zur Schule. Sie können gerne fürs Theater arbeiten, aber sie sollen ihren eigenen Weg gehen. Druck gibt es keinen.

Komödie und Theater am Kurfürstendamm

Das Interview führte Raphael Rauch.

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